Avon Reifen: Was die britische Traditionsmarke heute noch kann
Wer im Reifenregal auf den Namen Avon stößt, hat es mit einer der ältesten Marken der Branche zu tun – und zugleich mit einer, die sich in den vergangenen Jahren stark verändert hat. Aus dem britischen Vollsortimenter, der einst Pkw-, Transporter- und Motorradreifen baute, ist eine reine Motorradreifenmarke unter dem Dach von Goodyear geworden. Dieser Beitrag ordnet ein, wofür Avon heute steht, welche Reifen die Marke noch produziert, was aus den Avon-Pkw-Reifen geworden ist – und für wen sich der Griff zu dieser Marke lohnt.
Vom britischen Traditionswerk zur Goodyear-Marke
Die Wurzeln von Avon liegen im englischen Melksham in der Grafschaft Wiltshire. Dort wurden über ein Jahrhundert lang Reifen gefertigt, weshalb Goodyear die Marke heute als eine der am längsten etablierten Motorradreifenmarken der Branche bezeichnet. Bekannt wurde Avon vor allem für zwei Dinge: für Motorradreifen mit ausgeprägter Straßen- und Klassiker-Kompetenz und für ein breites Sortiment an Größen, die andere Hersteller längst aufgegeben hatten. Wer ein Motorrad aus den Sechzigern oder Siebzigern fährt, kennt Avon deshalb oft besser als so manche Volumenmarke.
Eigenständig blieb das Unternehmen allerdings nicht. 1997 übernahm der US-Hersteller Cooper Tire & Rubber das Reifengeschäft von Avon samt dem Werk in Melksham. Fast ein Vierteljahrhundert lief die Produktion unter Cooper-Regie weiter, ehe die nächste, größere Übernahme folgte: 2021 kaufte Goodyear den Cooper-Konzern – und bekam Avon damit gleich mit dazu. Goodyear gliederte die Marke anschließend in seine europäische Motorradsparte ein, wo sie seither neben Dunlop steht. Ben Hoge, bei Goodyear für das europäische Motorradgeschäft verantwortlich, begründete das damit, dass sich die beiden Sortimente „stark ergänzen und deutlich voneinander abgrenzen" (Quelle: Goodyear Newsroom).
Für den Traditionsstandort hatte das Folgen. Die Motorradreifenfertigung in Melksham lief Ende 2023 aus; Entwicklung und Produktion der Avon-Motorradreifen wanderten in das Goodyear-Werk Montluçon in Frankreich, wo auch Dunlop-Motorradreifen und die Rennreifen für die Moto2-Klasse sowie die Langstrecken-Weltmeisterschaft entstehen. Ein Avon-Reifen ist heute also technisch gesehen ein französisches Produkt aus einem Werk mit sehr viel Motorrad-Erfahrung – die britische Herkunft der Marke ist Historie, nicht Fertigungsort. Das ist keine Abwertung, aber ein Punkt, den man kennen sollte, wenn man Avon aus nostalgischen Gründen kauft.
Die Entscheidung von 2026: Avon fährt nur noch Motorrad
Jahrelang war unklar, wie es mit dem Pkw-Geschäft der Marke weitergeht. Nach der Cooper-Übernahme kündigte Goodyear zunächst an, Avon künftig nur noch für Motorradreifen zu nutzen, ruderte dann aber wieder zurück. Anfang 2026 wurde die Sache entschieden: Goodyear bestätigte auf Nachfrage der Fachpresse offiziell, dass Avon außerhalb des Motorradsegments nicht weitergeführt wird. Pkw-, Van-, Transporter- und Lkw-Reifen mit dem Avon-Signet werden damit faktisch eingestellt; die Avon-Websites zeigen seit Jahresbeginn 2026 weltweit nur noch Motorradreifen (Quelle: reifenpresse.de, Bericht: motorradundreisen.de).
Was heißt das praktisch für Autofahrerinnen und Autofahrer? Zunächst einmal: Kein Grund zur Panik. Ein Reifen wird nicht schlechter, weil der Hersteller die Modellpflege einstellt. Wer heute noch Avon-Pkw-Reifen im Handel findet, kauft ein reguläres, in der EU zugelassenes Produkt mit gültiger Kennzeichnung und EU-Reifenlabel. Zwei Dinge sollte man aber im Hinterkopf behalten. Erstens die Nachkaufbarkeit: Wenn Sie in zwei Jahren einen einzelnen Reifen als Ersatz brauchen – etwa nach einem Schaden – kann es schwierig werden, exakt dasselbe Modell in derselben Größe noch zu bekommen. Auf einer Achse müssen aber immer zwei gleiche Reifen laufen. Zweitens das Reifenalter: Bei Auslaufware sitzt das Produktionsdatum tendenziell weiter zurück. Ein Blick auf die DOT-Nummer der Reifenflanke ist deshalb Pflicht, bevor Sie zugreifen.
Für Motorradfahrer ist die Nachricht dagegen eher eine gute: Die Marke wird nicht abgewickelt, sondern fokussiert. Goodyear investiert erkennbar weiter in das Programm – erst im Juli 2026 hat der Konzern das Avon-Sortiment um elf Ausführungen in den Baureihen Cobra Chrome, Spirit ST und 3D Supersport erweitert beziehungsweise aufgewertet, unter anderem mit zusätzlichen Größen und teils höheren Trag- und Geschwindigkeitsindizes.
Was das Avon-Motorradprogramm heute abdeckt
Das aktuelle Sortiment ist überschaubar, aber breit gefächert – Avon bespielt nicht die letzte Rennstrecken-Nische, sondern die großen Alltagssegmente. Nach Goodyears eigener Aufstellung gliedert es sich in folgende Bereiche:
- Cruiser und Custom: Der Cobra Chrome ist die Paradereihe, angeboten von 15 bis 23 Zoll und in einigen Größen auch als Weißwandreifen – ein Detail, das im Custom-Bereich schwer zu finden ist.
- Sport-Touring und Straße: Spirit ST und Roadrider MkII decken das klassische Landstraßen- und Tourenfahren ab, der Streetrunner zielt auf kleinere Hubräume und den Alltagsbetrieb.
- Hypersport: Der 3D Supersport ist Avons sportlichste Straßenlinie.
- Adventure und Reise-Enduro: Trailrider und Trekrider bedienen das wachsende Segment der Reise-Enduros mit unterschiedlichem Straßen-Gelände-Verhältnis.
- Klassiker: Safety Mileage MkII und Speedmaster MkII sind auf Oldtimer und Youngtimer zugeschnitten – hier liegt bis heute eine der größten Stärken der Marke.
- Roller: Der Viper Stryke ist der Roller- und Kleinkraftrad-Reifen im Programm.
Wer wissen möchte, welche dieser Kategorien zum eigenen Fahrprofil passt, findet die Systematik dahinter in unserem ausführlichen Ratgeber zur Wahl des passenden Motorradreifens. Bei Klassikern kommt ein zweiter Punkt hinzu, den man nicht unterschätzen darf: Viele ältere Maschinen sind für Diagonalreifen ausgelegt, nicht für Radialreifen. Beide Bauarten lassen sich nicht beliebig mischen, und die zulässige Kombination ergibt sich aus den Fahrzeugpapieren beziehungsweise der Herstellerfreigabe. Genau in diesem Feld ist Avon traditionell stark, weil die Marke Diagonal- und Diagonalgürtelreifen in Größen anbietet, die sonst kaum noch produziert werden. Was hinter den Bauarten steckt und worauf es bei alten Maschinen sonst noch ankommt, lesen Sie im Beitrag zu Reifen für Oldtimer und Youngtimer.
Avon im Shop: Was Sie heute konkret bekommen
Unser Sortiment spiegelt genau diese Übergangsphase wider. Auf der Motorradseite führen wir Avon als Straßen- und Rollerreifen für kleinere bis mittlere Maschinen. Ein typischer Vertreter ist der Avon Streetrunner AV83 100/90-17 55S für Alltagsmotorräder, dazu für den Rollerbereich der Avon Viper Stryke AM63 120/80-16 60P. Beide sind lieferbar und liegen preislich klar unterhalb der Premium-Sportlinien der großen Hersteller – Avon ist im Motorradbereich keine Billigmarke, aber auch keine Prestigemarke, sondern eine solide, erfahrene Größe im mittleren Preissegment. Weitere Modelle und Größen finden Sie in der Kategorie Motorradreifen für die Straße; wenn Sie die passenden Größen für Ihre Maschine nicht auswendig kennen, führt Sie unser Motorrad-Konfigurator über Hersteller, Modell und Baujahr zum freigegebenen Reifen.
Auf der Pkw-Seite gilt das oben Gesagte: Was noch im Markt ist, ist Auslaufware. Aktuell finden sich bei uns unter anderem der Sommerreifen ZT7 – zum Beispiel als Avon ZT7 195/65 R15 91H –, dazu die Winterreifen WT7 Snow und WV7 Snow sowie der Ganzjahresreifen AS7. Diese Reifen bewegen sich in den klassischen Kleinwagen- und Kompaktklasse-Größen von 14 bis 15 Zoll und sind preislich attraktiv. Wenn Sie einen kompletten Satz kaufen, das Reifenalter prüfen und keinen jahrelangen Nachkauf einzelner Reifen planen, spricht sachlich wenig dagegen. Wollen Sie dagegen ein Modell, das Sie in fünf Jahren noch nachbestellen können, greifen Sie besser zu einer Marke mit laufender Modellpflege. Für Preis-Leistungs-Käufer im Pkw-Bereich haben wir mit unserem Porträt der südkoreanischen Marke Kumho eine naheliegende Alternative ausführlich beschrieben.
Für wen Avon passt – und wann eine andere Marke besser ist
Ehrlich eingeordnet ergibt sich ein recht klares Bild. Avon passt gut, wenn Sie ein klassisches oder ein Custom-Motorrad fahren, wenn Sie eine ungewöhnliche, ältere Größe suchen, wenn Sie Weißwandreifen für einen Cruiser brauchen oder wenn Sie für ein Alltagsmotorrad einen bewährten Straßenreifen ohne Aufpreis für den großen Namen wollen. Die Kompetenz für Klassiker-Größen ist in der Branche selten geworden, und die Anbindung an das Goodyear-Werk in Montluçon bringt der Marke Entwicklungsressourcen, die sie als Nischenanbieter allein kaum hätte.
Zu einer anderen Marke greifen sollten Sie, wenn Sie eine sportliche Maschine an der Leistungsgrenze bewegen und die Rundenzeiten zählen – hier bieten die auf Sport spezialisierten Linien der großen Hersteller schlicht mehr Auswahl und mehr aktuelle Vergleichsdaten. Ebenso, wenn Sie beim Pkw-Reifen Wert auf unabhängige, aktuelle Testergebnisse legen: Avon-Pkw-Reifen tauchen in den großen deutschen Reifentests von ADAC, Stiftung Warentest oder der Autofachpresse nicht auf, was schlicht daran liegt, dass sie in den getesteten, gängigen Größen kaum eine Rolle spielen. Ein fehlendes Testergebnis ist kein schlechtes Testergebnis – aber es ist eben auch keine unabhängige Bestätigung, und mit dem angekündigten Auslaufen der Pkw-Linie wird sich daran nichts mehr ändern.
Tipp: Bei Auslaufmodellen lohnt sich der Blick auf die DOT-Nummer der Reifenflanke. Sie nennt Produktionswoche und -jahr. Reifen, die deutlich älter als drei Jahre sind, sollten Sie nur mit Preisnachlass und nach Prüfung von Lagerung und Zustand kaufen.
Fazit: solide Motorradmarke, auslaufende Pkw-Linie
Avon ist heute nicht mehr das, was der Name in den Neunzigern versprach – aber die Marke ist auch nicht das, wovor manche im Netz warnen. Was bleibt, ist ein fokussiertes Motorradreifen-Programm mit echter Stärke bei Cruisern, Klassikern und im Alltagssegment, hergestellt in einem der erfahrensten Motorradreifenwerke Europas und im Juli 2026 sichtbar weiter ausgebaut. Was geht, ist das Pkw-Geschäft: Diese Reifen sind Auslaufware und sollten nur als kompletter, ausreichend frischer Satz gekauft werden. Wer diese Trennlinie kennt, kann bei Avon je nach Fahrzeug einen sehr vernünftigen Kauf machen. Für die Kaufentscheidung genügen im Grunde drei Fragen: Fahren Sie Motorrad oder Auto? Brauchen Sie eine gängige Größe oder eine seltene Klassiker-Dimension? Und wollen Sie den Reifen in einigen Jahren noch einzeln nachkaufen können? Motorrad, seltene Größe und ein kompletter Satz sprechen für Avon; Auto, gängige Größe und langfristige Nachkaufbarkeit sprechen dagegen. Wer aus diesen Gründen umsteigt, findet Alternativen in derselben Preisklasse unter den Sommerreifen für Pkw – und wer bei Avon bleibt, sollte den Satz kaufen, solange die auslaufenden Größen noch verfügbar sind.
Häufige Fragen
Gibt es Avon-Reifen für Autos noch zu kaufen?
Im Handel ja, solange der Vorrat reicht. Goodyear hat Anfang 2026 bestätigt, dass Avon außerhalb des Motorradsegments nicht weitergeführt wird; Pkw-, Van- und Lkw-Reifen der Marke laufen damit aus. Kaufen Sie dann möglichst einen kompletten Satz und achten Sie auf ein junges Produktionsdatum.
Wo werden Avon-Motorradreifen produziert?
Seit dem Auslaufen der Fertigung im britischen Melksham Ende 2023 entstehen Entwicklung und Produktion im Goodyear-Werk Montluçon in Frankreich, wo auch Dunlop-Motorradreifen und Rennreifen gebaut werden.
Sind Avon-Reifen für Oldtimer geeignet?
Das ist eine der Kernstärken der Marke: Die Reihen Safety Mileage MkII und Speedmaster MkII sind auf klassische Maschinen zugeschnitten und decken alte Diagonalgrößen ab. Maßgeblich sind aber immer die Fahrzeugpapiere und die Freigabe des Motorradherstellers.
Quellen: Goodyear Newsroom (Markenintegration, Modellreihen, Werk Montluçon), reifenpresse.de vom 04.02.2026 und motorradundreisen.de vom 09.02.2026 (Ausrichtung als reine Motorradreifenmarke), reifenpresse.de vom 10.07.2026 (Portfolioerweiterung Cobra Chrome, Spirit ST, 3D Supersport).