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Branche & Markt – Ratgeber im Magazin

Reifenmarkt-Wochenrückblick KW 36/2026: Continental verlagert, China baut in Ägypten – und die Kautschukindustrie schlägt Alarm

· 11 Min. Lesezeit · Aktualisiert am 09.09.2026
Frisch gefertigte Pkw-Reifen auf einem Förderband in einer Reifenfabrik (KI-generiert, OpenAI)
Frisch gefertigte Pkw-Reifen auf einem Förderband in einer Reifenfabrik (KI-generiert, OpenAI)

Die Kalenderwoche 36 lief vom 31. August bis zum 6. September 2026, und sie war wie die Vorwoche eine reine Werktagswoche: Wir haben das Tagesarchiv der Fachpresse ausgezählt und kommen von Montag bis Freitag auf 31 Meldungen, am Samstag und Sonntag erschien keine einzige. Anders als in der Vorwoche hielt diesmal keine Zahlenreihe die Woche zusammen, sondern eine Landkarte. Gleich drei Meldungen drehten sich darum, wo Reifen und Gummiprodukte künftig gebaut werden – und sie zeigen in dieselbe Richtung: Ein deutscher Hersteller zieht eine Fertigung ab, zwei chinesische Hersteller planen neue Werke außerhalb Chinas, und der deutsche Branchenverband legt Halbjahreszahlen vor, die er selbst als freien Fall bezeichnet. Drumherum sortierten sich zwei angekündigte Transporterreifen, eine Erstausrüstung für einen 666-PS-Briten und die Zulassungsstatistik ein. Wir ordnen die Woche entlang dieser Linie; jeder Punkt ist über die verlinkte Quelle belegt.

Korbach: Continental gibt die Vollgummireifen auf – Pkw und Zweirad bleiben

Die für deutsche Leser wichtigste Meldung der Woche kam am Mittwoch aus Nordhessen. Continental will die Produktion von Vollgummireifen am Standort Korbach bis Mitte 2029 einstellen und nach Sri Lanka sowie Malaysia verlagern. Betroffen sind nach Unternehmensangaben 140 von rund 2.400 Arbeitsplätzen am Standort. Als Gründe nennt der Hersteller eine seit Jahren bestehende Unterauslastung der Produktionskapazitäten im Industriereifenbereich und einen hohen Kostendruck; für die betroffenen Beschäftigten gebe es ein Transformationspaket mit Qualifizierungs- und Weiterbildungsangeboten. Zuerst berichtet hat die Hessische/Niedersächsische Allgemeine, aufgegriffen von der Fachpresse (Reifenpresse.de zum Personalabbau im Conti-Werk Korbach, 02.09.2026).

Für Autofahrerinnen und Autofahrer ist an dieser Meldung vor allem wichtig, was sie nicht bedeutet. Vollgummireifen sind Industriereifen – sie sitzen unter Gabelstaplern, Hubwagen und Flurförderzeugen, nicht unter Pkw. Die Pkw-Reifenfertigung und die Zweiradreifenfertigung in Korbach, also Motorrad-, Roller- und Fahrradreifen, bleiben laut demselben Bericht ausdrücklich unangetastet. Wer also einen Continental-Reifen für Auto oder Motorrad kauft, ist von dieser Entscheidung nicht betroffen. Das komplette Angebot der Marke für Zweiräder finden Sie in unserer Übersicht der Motorradreifen aller Hersteller; was die Marke technisch ausmacht und wo ihre Stärken liegen, haben wir im Porträt zu Continental als Reifenhersteller beschrieben.

Bemerkenswert ist der Vorgang trotzdem, und zwar wegen des Widerspruchs im Zeitverlauf: Vor nicht allzu langer Zeit hatte Continental denselben Standort noch als „von entscheidender Bedeutung“ für den Konzern bezeichnet und plant in dessen Nähe einen Windpark für die Energieversorgung. Beides zusammen ergibt das Bild, das die ganze Woche prägt: Nicht ein Standort steht zur Disposition, sondern einzelne Fertigungen innerhalb eines Standorts – und zwar genau jene, die im internationalen Kostenvergleich am schlechtesten dastehen. Es ist das zweite Werksthema binnen weniger Wochen; Ende August hatten wir umgekehrt beschrieben, warum das Michelin-Werk in Bad Kreuznach nach 60 Jahren bleibt.

Ägypten statt China: Wo die nächsten großen Reifenwerke entstehen sollen

Am Freitag kam die Gegenbewegung – aus einer ganz anderen Weltgegend. Laut dem ägyptischen Ministerium für Investitionen und Außenhandel hat die chinesische Zhongce Rubber Group, im Markt besser bekannt als ZC Rubber, eine Absichtserklärung unterzeichnet: Sie will die Errichtung eines integrierten Komplexes zur Reifenproduktion in Ägypten prüfen. ZC Rubber ist damit nicht allein; Medien aus der Region bestätigen ein bereits vor einigen Monaten bekannt gewordenes, noch deutlich größeres Vorhaben von Linglong Tire (Reifenpresse.de zu den Investitionsplänen chinesischer Reifenhersteller, 04.09.2026).

Ein Wort zur Einordnung, das wir bewusst als Einordnung kennzeichnen: Die Meldung selbst stellt keinen Zusammenhang zu Handelspolitik her, und wir behaupten ihn deshalb auch nicht. Belegt ist lediglich das Nebeneinander zweier Entwicklungen. Denn seit dem 7. Juli 2026 gilt die Durchführungsverordnung (EU) 2026/1540, die endgültige Antidumpingzölle auf neue Reifen für Personenkraftwagen, Omnibusse und Fahrzeuge zum Warentransport mit einer Tragfähigkeitskennzahl von 121 oder weniger mit Ursprung in der Volksrepublik China einführt. Die Sätze im amtlichen Text: 4,3 Prozent für die chinesischen Gesellschaften der Hankook Group, 24,4 Prozent für die im Anhang gelisteten mitarbeitenden Unternehmen und 45,3 Prozent für Shandong Yongsheng sowie für alle übrigen Einfuhren aus China (Verordnungstext im EU-Amtsblatt, EUR-Lex). Entscheidend ist dabei der zollrechtliche Ursprung, nicht der Markenname – und ein Werk in Ägypten hätte einen anderen Ursprung als eines in China.

Was das für Ihren Reifenkauf heute bedeutet, ist gut untersucht – von uns selbst. Anfang September haben wir 1.152 lieferbare Reifen aus 24 Marken über fünf Monate hinweg ausgewertet und nachgerechnet, was acht Wochen China-Zoll mit den Preisen im Regal gemacht haben. Wie es zu dem Beschluss kam und welcher Produktkreis genau erfasst ist, steht in unserer Aufbereitung zur EU-Entscheidung über die Antidumpingzölle. Und dass ZC Rubber kein unbekannter Name im deutschen Regal ist, zeigt der Blick auf die Konzernmarke: Wir haben Goodride als Marke von ZC Rubber im Datencheck untersucht. Neue Werke außerhalb Chinas wären mittelfristig also weniger eine Frage der Verfügbarkeit als eine Frage des Preisschilds.

„Freier Fall“: Was die Halbjahreszahlen der Kautschukindustrie sagen – und was nicht

Am Donnerstag meldete sich der Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie mit ungewöhnlich deutlichen Worten. Der wdk stellte sich hinter den Brandbrief der Metall- und Elektroindustrie an die Bundesregierung. „Die dringend erforderlichen Reformen zur Stärkung des Industriestandorts müssen jetzt kommen. Es darf keinen Aufschub mehr geben“, wird wdk-Präsident Michael Klein zitiert; die Branche befinde sich „in freiem Fall“. Chefvolkswirt Michael Berthel legte die Zahlen dazu vor: Im ersten Halbjahr 2026 sank die Produktion um 5,4 Prozent auf 530.000 Tonnen, die Zahl der Beschäftigten ging um fünf Prozent auf 57.200 zurück, und der Umsatz lag mit 5,2 Milliarden Euro um 4,1 Prozent unter dem Vergleichszeitraum 2025. Als Ursachen nennt der Verband international nicht konkurrenzfähige Energiekosten, Bürokratie und eine zunehmende Verdrängung durch außereuropäische Wettbewerber (wdk-Pressemeldung vom 3. September 2026).

Hier ist eine Abgrenzung nötig, die in Schlagzeilen gern untergeht. Der wdk vertritt rund 200 Unternehmen mit etwa 70.000 Beschäftigten und deckt die gesamte Kautschukindustrie ab – also Reifen und technische Elastomer-Erzeugnisse, von Dichtungen über Schläuche bis zu medizinischen Produkten. Die genannten Zahlen sind Branchenzahlen, keine Reifenzahlen. Aus einem Minus von 5,4 Prozent bei der Produktionsmenge lässt sich weder ein Lieferengpass noch eine Preisbewegung im Reifenregal ableiten, und wir tun das hier ausdrücklich nicht. Was sich ableiten lässt, ist eine Richtung: Wenn Produktion in Deutschland teurer ist als anderswo, wandert sie – und genau das hat die Korbacher Meldung zwei Tage zuvor am Einzelfall vorgeführt.

Fast zeitgleich verschob sich auch die Verbandslandschaft. Der europäische Herstellerverband Tyres Europe, früher unter dem Kürzel ETRMA bekannt, hat Kooperationsvereinbarungen mit den nationalen Reifen- und Kautschukverbänden Italiens, Spaniens und Frankreichs unterzeichnet und sie damit als Mitglieder aufgenommen. Auf Herstellerseite gehören ihm derzeit 14 Marken an, darunter Bridgestone, Continental, Goodyear, Hankook, Michelin, Nokian Tyres und Pirelli. Der deutsche wdk ist weiterhin nicht Mitglied dieser Europaorganisation (Reifenpresse.de zum Mitgliederzuwachs bei Tyres Europe, 03.09.2026). Für Verbraucher hat das keine unmittelbare Folge, für die Frage, wer in Brüssel für die Reifenindustrie spricht, sehr wohl.

Zwei neue Transporterreifen – und was davon schon im Regal steht

Der einzige Produktstart der Woche betrifft ein Segment, das seit Jahren wächst: Reifen für Kastenwagen und Lieferwagen. Shandong Linglong kündigte zwei weitere Sommerreifen für Transporter an – den Dura Peak Van der Konzernmarke Crosswind und den Nova-Force Van2 von Leao Tire. Bereits seit dem Frühjahr im Markt ist der Linglong Dura Master Van (Reifenpresse.de zu den neuen Van-Reifen von Shandong Linglong, 02.09.2026). Ein Termin für die Verfügbarkeit in Deutschland wurde in der Meldung nicht genannt.

Wir haben nachgesehen, was davon bei uns schon lieferbar ist – und die Antwort ist ehrlicherweise: keines der drei genannten Modelle. Eine Suche nach „Dura Peak“, „Nova-Force Van“ und „Dura Master Van“ ergibt in unserem Sortiment jeweils null Treffer. Die Marken selbst sind dagegen längst gelistet: Linglong mit 718 lieferbaren Ausführungen, Leao mit 413 und Crosswind mit 22. Wer heute einen günstigen Transporterreifen aus diesem Konzern sucht, findet ihn also unter den Vorgängerprofilen, etwa als Linglong Green-Max Van 175/70 R14C 95T für 46,76 Euro oder als ganzjahrestauglichen Leao Igreen VAN 4S 205/75 R16C 110T für 81,20 Euro. Die vollständige Auswahl steht bei den Van- und Transporterreifen.

Ein Hinweis, der bei Transporterreifen wichtiger ist als bei Pkw-Reifen: Achten Sie hier immer auf die Kennung und die Tragfähigkeit, nicht nur auf den Preis. Was die C-Kennung bedeutet und warum auf manchen Reifen zwei Lastindizes wie 109/107 stehen, erklären wir im Ratgeber zu C-Reifen und doppeltem Lastindex am Transporter.

Ein Auto, zwei Sonderreifen: Pirelli und der Bentley Supersports

Am Donnerstag lieferte Pirelli das Beispiel dafür, wie weit Erstausrüstung heute gehen kann. Für den neuen Bentley Supersports hat der Hersteller gleich zwei maßgeschneiderte Reifen entwickelt: eine spezielle Variante des Semislicks P Zero Trofeo RS, die den sportlichen Charakter des Coupés vor allem auf der Rennstrecke unterstützen soll, und eine eigene Ausführung des P Zero für den Alltag. Anlass ist das hundertjährige Jubiläum des 1925 erstmals eingeführten Namens Supersports. Das Fahrzeug selbst ist ein Hecktriebler mit weniger als zwei Tonnen Leergewicht, dessen V8-Biturbo 666 PS leistet und 800 Newtonmeter auf die Straße bringen muss (Reifenpresse.de zu den Pirelli-Erstausrüstungsreifen für den Bentley Supersports, 03.09.2026).

Für den Alltag lässt sich daraus mehr mitnehmen, als es zunächst scheint. Ein Modellname wie „P Zero“ bezeichnet keine einzelne Bauart, sondern eine Familie, die sich je nach Fahrzeug erheblich unterscheiden kann – bis hin zu Ausführungen, die für genau ein Auto gerechnet wurden und dort ein Herstellerkürzel auf der Flanke tragen. Wer seinen Sportwagen ersetzen will, sollte deshalb prüfen, ob das Fahrzeug eine bestimmte Ausführung verlangt. Wie breit diese Familie ist, zeigt schon ein Blick auf die Straßenreifen in unserem Regal, etwa den Pirelli P-ZERO (PZ4) S.C. 275/35 R19 100Y für 204,73 Euro. Die für Sie passende Auswahl an Hochleistungsreifen finden Sie bei den Sportreifen für PKW.

2,4 Millionen Neuzulassungen, eine Messe und ein Werkstattsiegel

Die Zulassungsstatistik brachte am Mittwoch ein Plus mit nachlassender Dynamik. Nach den neuesten Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes liegen die Kfz-Neuzulassungen in Deutschland nach acht Monaten über alle Segmente hinweg bei knapp 2,4 Millionen Fahrzeugen. Das entspricht einem Plus von gut fünf Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum – nur leicht weniger als Ende Juli, aber einen ganzen Prozentpunkt weniger als zur Halbjahresbilanz der Behörde (Reifenpresse.de zur KBA-Zulassungsstatistik nach acht Monaten, 03.09.2026). Für den Reifenmarkt ist das ein Vorlaufindikator mit langer Leitung: Neuwagen kommen ab Werk bereift, ihr erster Ersatzreifensatz wird meist erst in zwei bis vier Jahren fällig.

In der neuen Woche beginnt die größte Branchenveranstaltung des Jahres. Die Automechanika Frankfurt läuft vom 8. bis zum 12. September 2026 (Termin und Programm beim Veranstalter Messe Frankfurt). Angekündigt sind unter anderem kostenlose Praxisworkshops zu kamera- und radarbasierten Fahrerassistenzsystemen an Nutzfahrzeugen sowie zur Instandsetzung von Caravans und Reisemobilen. Die Messe richtet sich an Fachbesucher, nicht an Endkunden; für Sie ist sie trotzdem interessant, weil dort regelmäßig die Neuheiten gezeigt werden, die ein halbes Jahr später im Handel stehen.

Und ein Nachtrag zum Wochenauftakt: Bereits am Montag war die Auszeichnung „Topreifenservice 2027“ vergeben worden, bei der rund 1.000 von etwa 7.300 Betrieben die Bewertungsschwelle übersprungen haben. Was hinter der Erhebung steckt, wo ihre Grenzen liegen und wie Sie die Liste sinnvoll nutzen, haben wir am selben Tag ausführlich aufbereitet: 1.000 ausgezeichnete Reifenservicebetriebe im Detail.

Was Sie aus dieser Woche mitnehmen

Diese Woche hat wenig geliefert, das Ihren nächsten Reifenkauf unmittelbar verändert – aber viel, das die kommenden Jahre prägt. Erstens: Die Verlagerung in Korbach betrifft Industriereifen, nicht Ihre Pkw- oder Motorradreifen; wer diese Meldung als Warnsignal für Continental-Reifen liest, liest sie falsch. Zweitens: Der Kostendruck, den Continental und der wdk in derselben Woche beschreiben, ist derselbe – und er wirkt in beide Richtungen: Fertigung wandert aus Deutschland ab, und chinesische Hersteller bauen Kapazitäten dort auf, wo sie zollfrei nach Europa liefern können. Drittens: Für den Herbst bleibt die praktische Konsequenz unverändert. Der Umrüsttermin richtet sich nach dem Wetter und Ihrer Profiltiefe, nicht nach Handelspolitik. Wenn Sie ohnehin wechseln, lohnt der frühe Blick ins Regal mehr als das Warten auf eine Preisbewegung, die sich nach unseren eigenen Messungen bislang nicht eingestellt hat. Den Wochenrückblick der Vorwoche mit den Marktzahlen zum Ersatzgeschäft finden Sie hier.

Häufige Fragen

Werden Continental-Reifen für Pkw jetzt knapp?

Nein. Die angekündigte Verlagerung betrifft ausschließlich die Fertigung von Vollgummireifen für Flurförderzeuge in Korbach bis Mitte 2029. Die Pkw- und Zweiradreifenproduktion an diesem Standort bleibt nach Unternehmensangaben unverändert bestehen.

Woran erkenne ich, ob ein Reifen von den EU-Zöllen betroffen ist?

Maßgeblich ist der zollrechtliche Ursprung, also das Produktionsland, nicht der Markenname und nicht der Firmensitz. Viele Marken mit asiatischem Konzernhintergrund lassen auch in Europa fertigen. Verbindlich ablesen lässt sich der Ursprung nicht am Reifen selbst, sondern nur an den Angaben des Anbieters.

Sind Transporterreifen chinesischer Marken eine gute Wahl?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten und hängt vom einzelnen Profil ab. Entscheidend sind die C-Kennung, ein zur Beladung passender Lastindex und die Werte des EU-Reifenlabels, insbesondere die Nasshaftungsklasse. Preis allein ist bei Nutzfahrzeugreifen der schlechteste Auswahlmaßstab.

Schlagwörter: Wochenrückblick Reifenmarkt Branche & Markt Continental Transporterreifen Reifenproduktion

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