Zwei Generationen im selben Regal: In 19 Winterreifen-Paaren verliert der Nachfolger nur beim Geräusch
Wer jetzt Winterreifen in einer gängigen Größe sucht, bekommt schnell 150 bis 220 Angebote auf den Bildschirm. Was dabei leicht untergeht: Bei etlichen Baureihen steht nicht eine Generation im Regal, sondern zwei oder sogar drei gleichzeitig — der Nachfolger direkt neben seinem Vorgänger, mit fast identischem Namen, oft nur durch eine einzige Ziffer unterschieden. Wir haben deshalb die acht nachgefragtesten PKW-Wintergrößen vollständig ausgezählt und jede Baureihe gesucht, die bei uns in mehr als einer Generation lieferbar ist. Das Ergebnis fällt klarer aus, als wir erwartet hatten — und es betrifft vor allem eine Kennzahl auf dem EU-Etikett.
Was wir ausgezählt haben
Grundlage ist unser eigenes Sortiment, nicht eine Herstellerliste. Ausgewertet haben wir die acht meistgefragten PKW-Größen im Winterprogramm: 205/55 R16, 195/65 R15, 225/45 R17, 215/65 R16, 205/60 R16, 225/50 R17, 185/65 R15 und 215/60 R16. Zusammen sind das 1.356 lieferbare Ausführungen. Vierzehn Einträge, deren Preis mehr als das Dreifache des Medians ihrer eigenen Größe beträgt, haben wir vor der Auswertung entfernt — solche Ausreißer verzerren jeden Mittelwert, ohne dass sie für die Kaufentscheidung eine Rolle spielen. Übrig bleiben 1.342 Ausführungen von 75 Marken in 265 verschiedenen Modellen.
Die Preisspanne in diesem Ausschnitt reicht von 38,80 bis 234,00 Euro je Reifen, der Median liegt bei 78,15 Euro. Schon daran sieht man, wie breit die Auswahl in einer einzigen Größe ist. In einem zweiten Schritt haben wir alle Baureihen gesucht, bei denen sich zwei Profilnamen ausschließlich durch die Generationskennung unterscheiden — also etwa „Alpin 5" gegen „Alpin 7" oder „Snowproof 1" gegen „Snowproof 2". Und aus diesen Baureihen haben wir schließlich nur die Fälle verglichen, die wirklich vergleichbar sind: dieselbe Größe und derselbe Last-/Geschwindigkeitsindex. Ein 91H gegen einen 94V zu stellen wäre kein fairer Vergleich, weil dahinter unterschiedliche Tragfähigkeiten und Freigaben stehen.
Neun Baureihen stehen mehrfach im Regal
In den acht untersuchten Größen fanden wir neun Baureihen, die gleichzeitig in mehr als einer Generation lieferbar sind. Bei drei davon sind es sogar drei Generationen nebeneinander:
- Pirelli Cinturato Winter — der Cinturato Winter ohne Ziffer (4 Ausführungen), der Cinturato Winter 2 (11) und der Cinturato Winter 3 (6).
- Nokian Snowproof — Snowproof 1 (6 Ausführungen), Snowproof 2 (11) und Snowproof 3P (2).
- Goodyear UltraGrip Performance — hier stehen UltraGrip Performance 2, UltraGrip Performance Gen-1 und UltraGrip Performance 3 nebeneinander. Bei dieser Familie verrät die Ziffer allein die Reihenfolge gerade nicht, denn „Gen-1" lässt sich mit einer „2" oder „3" nicht sinnvoll vergleichen. Wir haben sie deshalb aus dem direkten Generationsvergleich herausgehalten.
Mit zwei Generationen vertreten sind Michelin Alpin (Alpin 5 und Alpin 7), Dunlop SP Winter Sport (3D und 4D), Nexen Winguard Sport (2 und 3), Nankang SV (SV-3 und SV-4), Minerva Polarice (1 und 2) sowie Barum Polaris (5 und 6). Zusammen kommen diese Baureihen in unserem bereinigten Datensatz auf 106 Ausführungen — es ist also kein Randphänomen, sondern etwas, das Ihnen bei der Suche mit einiger Wahrscheinlichkeit begegnet.
Der Grund dafür ist banal und völlig normal: Wenn ein Hersteller eine neue Generation einführt, verschwindet die alte nicht über Nacht aus dem Markt. Sie läuft noch Monate oder Jahre weiter, oft nicht mehr in allen Größen, dafür mit gewachsenen Beständen im Handel. Für Sie als Käufer heißt das: Der Modellname allein sagt nicht, welche Bauart Sie bekommen.
Beim EU-Etikett verliert der Nachfolger nur an einer Stelle
Aus den Baureihen mit eindeutiger Nummerierung ergaben sich 19 direkt vergleichbare Paarungen — gleiche Größe, gleicher Index, nur eine andere Generation. Sie stammen aus fünf Baureihen: Dunlop, Michelin, Nexen, Nokian und Pirelli. Ein Reifen kann dabei in mehr als einer Paarung vorkommen, wenn es vom Vorgänger mehrere Listungen gibt.
Das Bild ist bemerkenswert einheitlich. Bei der Kraftstoffeffizienz war die neuere Generation in 9 Paarungen besser eingestuft und in 10 Paarungen gleich — in keiner einzigen schlechter. Bei der Nasshaftung, der sicherheitsrelevantesten Klasse auf dem Etikett, war sie in 5 Paarungen besser und in 14 gleich — ebenfalls in keiner schlechter. Nur beim Rollgeräusch kippt das Bild: Dort war die neuere Generation in 6 Paarungen leiser, in 4 gleich und in 9 Paarungen lauter als ihr Vorgänger.
Ein einzelnes Paar zeigt dieses Muster fast lehrbuchhaft. Beim Michelin Alpin in 205/55 R16 91H trägt der Alpin 7 die Effizienzklasse C, der ältere Alpin 5 die Klasse E — zwei Stufen Unterschied. Die Nasshaftung ist bei beiden B. Das Geräusch dagegen liegt beim Alpin 7 bei 71 Dezibel, beim Alpin 5 bei 68 Dezibel. Genau so sieht der Regelfall in unseren Daten aus: vorn und bei Nässe gleich gut oder besser, beim Geräusch eher schlechter.
Wichtig ist dabei die Einordnung: Das Etikett misst das Vorbeifahrgeräusch, also die Belastung für die Umgebung, nicht die Lautstärke im Innenraum. Und es beschreibt drei Eigenschaften — Rollwiderstand, Nassbremsen und Geräusch —, nicht das Verhalten auf Schnee und Eis. Wie gut ein Winterreifen tatsächlich im Winter ist, steht dort nicht. Dafür bleiben unabhängige Tests der Prüforganisationen und der Fachpresse die bessere Quelle. Mehr dazu, wie selten die Bestnoten bei Nässe überhaupt vergeben werden, lesen Sie in unserer Auswertung der Nasshaftungsklassen im Winterprogramm.
Der Aufpreis für die neue Generation ist klein
Die naheliegende Vermutung wäre, dass die ältere Generation der Schnäppchenweg ist. Unsere Zahlen stützen das nicht. Zwar war die neuere Generation in 14 der 19 Paarungen teurer — aber der Unterschied ist erstaunlich gering. Über alle Paarungen hinweg liegt der Median bei 2,52 Euro je Reifen. Nimmt man nur die 14 Fälle, in denen die neuere Generation tatsächlich mehr kostet, beträgt der Aufpreis im Median 3,60 Euro und im teuersten Fall 22,56 Euro je Reifen.
In 5 der 19 Paarungen war die neuere Generation sogar günstiger, im deutlichsten Fall um 26,64 Euro je Reifen. Besonders auffällig ist das beim Michelin Alpin: Der neuere Alpin 7 liegt in unserem Regal zwischen 72,86 und 155,39 Euro, der ältere Alpin 5 dagegen zwischen 107,29 und 167,06 Euro. Hier zahlen Sie für die ältere Generation also durchgehend mehr. Eine Erklärung dafür lässt sich aus den Daten nicht ableiten; auffällig ist nur, dass vom Alpin 5 lediglich 4 Ausführungen im Regal stehen, vom Alpin 7 dagegen 16.
Auf einen kompletten Satz gerechnet, reden wir beim typischen Fall über rund 14 Euro Unterschied. Das ist deutlich weniger, als viele erwarten. Wie stark der Winterzuschlag insgesamt zu Buche schlägt, haben wir separat ausgewertet: unsere Auswertung zum Preisaufschlag bei Winterreifen.
So finden Sie gezielt die Generation, die Sie wollen
Aus alldem folgt eine sehr praktische Empfehlung, die Ihnen in der Suche ein paar Euro und vor allem Ärger spart:
- Suchen Sie über die Größenseite, nicht über den Modellnamen. Auf der Seite zu Ihrer Größe — etwa Winterreifen in 205/55 R16 — sehen Sie alle Generationen einer Baureihe nebeneinander, mit Preis und Etikett. Gehen Sie dagegen über eine Modellseite, sehen Sie nur die eine Generation, deren Namen Sie zufällig erwischt haben.
- Achten Sie auf die letzte Ziffer und auf Zusätze. „3D" und „4D", „2" und „3", ein angehängtes „+" oder ein „Gen-1" sind keine Schreibvarianten, sondern in aller Regel unterschiedliche Bauarten mit eigenem Datenblatt.
- Vergleichen Sie nur bei identischem Index. 91H und 94V sind nicht dieselbe Ausführung, auch wenn die Größe gleich aussieht. Welcher Index für Ihr Fahrzeug zulässig ist, steht in der Zulassungsbescheinigung Teil I.
- Prüfen Sie das Etikett Seite an Seite. Gerade bei der Effizienzklasse liegen zwischen zwei Generationen in unseren Daten teils zwei volle Stufen.
Unter dem Strich: Der Nachfolger war in dieser Erhebung beim Etikett nie die schlechtere Wahl, kostete im Median nur wenige Euro mehr und war in 5 von 19 Paarungen sogar billiger. Wer bewusst zur älteren Generation greifen will, sollte das also aus einem konkreten Grund tun — etwa wegen eines guten Testergebnisses oder eines leiseren Etikettwerts —, nicht in der Annahme, automatisch zu sparen. Drei Beispiele aus dem aktuellen Regal in 205/55 R16, vom Einstieg bis zur Premiumklasse:
- Nexen Winguard Sport 3 205/55 R16 91H
- Pirelli Cinturato Winter 3 205/55 R16 94H
- Michelin Alpin 7 205/55 R16 91T
Das vollständige Angebot finden Sie unter Winterreifen für PKW. Dass ein Generationswechsel nicht immer nur Verbesserungen bringt, haben wir am Beispiel einer einzelnen Baureihe schon einmal im Detail nachgerechnet: Continental WinterContact TS 830 P im Vergleich mit seinem Nachfolger.
Häufige Fragen
Woran erkenne ich, welche Generation ein Angebot betrifft?
Am vollständigen Profilnamen inklusive aller Ziffern und Zusätze — also „Snowproof 2" statt nur „Snowproof". Im Zweifel hilft der Blick auf das EU-Etikett des Angebots: Unterscheiden sich bei gleicher Größe und gleichem Index die Werte für Effizienz, Nasshaftung oder Geräusch, handelt es sich um zwei verschiedene Bauarten.
Ist die ältere Generation deshalb eine schlechte Wahl?
Nein. In unseren 19 Paarungen war die ältere Generation bei Effizienz und Nasshaftung nie besser, aber häufig gleichwertig — und beim Geräusch sogar öfter im Vorteil. Wenn der Preis stimmt und ein unabhängiger Test das Modell gut bewertet, spricht nichts gegen sie. Verwechseln Sie „ältere Generation" nur nicht mit „alter Reifen": Das Herstelldatum steht in der DOT-Kennung auf der Flanke und ist eine völlig andere Frage.
Zählt beim Winterreifen eher die Nasshaftung oder das Geräusch?
Die Nasshaftung. Sie beschreibt den Bremsweg auf nasser Fahrbahn und ist damit die einzige sicherheitsrelevante der drei Etikettklassen. Der Geräuschwert gibt das Vorbeifahrgeräusch in Dezibel an und betrifft in erster Linie die Umgebung, nicht Ihren Fahrkomfort. Wenn Sie sich zwischen beiden entscheiden müssen, sollte die Nasshaftung den Ausschlag geben.