Porsche 911 Carrera rollt ab Werk auf Hankook – was die Kennung NA2 bedeutet
Wenn ein Sportwagen wie der Porsche 911 Carrera vom Band rollt, ist die Reifenwahl keine Nebensache, sondern das Ergebnis jahrelanger Abstimmungsarbeit zwischen Fahrzeug- und Reifenhersteller. Genau an dieser Stelle meldet Hankook einen Erfolg: Der koreanische Hersteller stattet den 911 Carrera nach eigenen Angaben erstmals ab Werk aus. Die Reifen tragen dabei die Kennzeichnung „NA2" auf der Seitenwand – und sie sind nicht einfach ein Serienmodell aus dem Regal, sondern eine eigens für dieses Fahrzeug entwickelte Mischbereifung. Wir haben die Meldung an der Primärquelle gegengelesen und ordnen ein, was daran technisch bemerkenswert ist und was die Kennung für Sie bedeutet, wenn Sie später Ersatzreifen kaufen.
Zwei verschiedene Größen, zwei verschiedene Laufflächen
Grundlage ist eine Pressemitteilung von Hankook vom 22. Juli 2026, über die auch die Fachpresse berichtet hat (Reifenpresse.de, 23. Juli 2026). Danach rollt der 911 Carrera künftig unter anderem auf dem Sportreifen Ventus S1 evo Z vom Band – „unter anderem" deshalb, weil Hankook ausdrücklich nicht der einzige Zulieferer für dieses Modell ist. Vorgeschichte hat die Sache: Als Erstausrüster für Porsche arbeitet Hankook laut eigener Darstellung bereits seit rund zehn Jahren, der 911 Carrera ist nun der Zugang zur bekanntesten Baureihe der Marke.
Montiert wird eine Mischbereifung, also vorne und hinten unterschiedliche Dimensionen: 235/40 ZR19 an der Vorderachse, 295/35 ZR20 an der Hinterachse. Das ist bei Hecktrieblern mit ausgeprägter Hinterachslast üblich – der breitere Hinterreifen muss Antriebs- und Beschleunigungskräfte übertragen, der schmalere Vorderreifen bleibt auf Lenkpräzision ausgelegt. Bemerkenswert ist, wie weit Hankook diese Trennung getrieben hat: Nach Angaben des Herstellers wurden für Vorder- und Hinterachse eigene, fahrdynamikbasierte Laufflächendesigns entwickelt. Profilgeometrie und Laufflächenmuster sind an beiden Achsen auf das Lastenheft des Fahrzeugs zugeschnitten, statt schlicht dieselbe Lauffläche in zwei Breiten zu fertigen. Dazu kommt eine eigens entwickelte Laufflächenmischung, die laut Hankook auf maximalen Grip und sportliche Fahrweise ausgelegt ist und unter anderem spezielle Harze und Silica sowie ein neues Mischverfahren nutzt. Die Füllstoffverteilung soll vor allem dann Reserven bringen, wenn ein Wasserfilm auf der Fahrbahn liegt.
Am Rande verrät die Größenangabe selbst schon etwas über den Einsatzzweck. Das „ZR" zwischen Querschnitt und Felgendurchmesser ist die alte Kennzeichnung für Reifen, die für Geschwindigkeiten über 240 km/h ausgelegt sind; sie steht bis heute auf vielen Hochleistungsreifen, auch wenn der eigentliche Geschwindigkeitsindex am Ende der Betriebskennung noch einmal separat aufgeführt wird. Praktische Folge der Mischbereifung ist außerdem, dass sich die Räder nicht mehr zwischen Vorder- und Hinterachse tauschen lassen – die Dimensionen sind schlicht verschieden. Vorne und hinten verschleißen daher unterschiedlich schnell, und ersetzt wird sinnvollerweise achsweise, nicht einzeln.
Warum gerade der Heckmotor die Entwicklung schwer macht
Interessanter als die Superlative ist der Zielkonflikt, den Hankook offen benennt. Die Ingenieure mussten die Vorgaben der Porsche AG in vier zentralen Leistungsbereichen erfüllen, und ausgerechnet zwei davon ziehen in entgegengesetzte Richtungen: Trockenhandling einschließlich Spurwechselverhalten auf der einen Seite, Nasshandling auf der anderen. Ein Reifen, der trocken maximal präzise und stabil ist, braucht eine große, geschlossene Aufstandsfläche und eine harte, formstabile Konstruktion. Nässe verlangt das Gegenteil: genug Rillenvolumen, um Wasser abzuführen, und eine Mischung, die auch bei niedrigen Temperaturen und auf glattem Untergrund noch nachgiebig genug bleibt.
Hankook beschreibt, dass die typische Heckmotor-Hinterradantrieb-Architektur des 911 diesen Konflikt zusätzlich verschärft. Das ist plausibel: Liegt der Motor hinter der Hinterachse, trägt die Hinterachse einen überproportionalen Anteil der Fahrzeugmasse. Beim Anbremsen verlagert sich Last nach vorne auf eine vergleichsweise leichte Vorderachse, beim Beschleunigen zurück auf die ohnehin schwer belastete Hinterachse. Der Reifen muss also über einen sehr breiten Lastbereich hinweg berechenbar bleiben – und zwar an jeder Achse anders. Genau deshalb ist die Aufteilung in zwei getrennt entwickelte Laufflächen mehr als Marketing: Vorne und hinten lösen die Reifen unterschiedliche Aufgaben. Wer sich grundsätzlich dafür interessiert, wie sportliche Reifen diesen Spagat auslegen, findet die Einordnung in unserem Ratgeber zu UHP-Reifen, Sportreifen und Semislicks.
Getestet auf Papenburg, Barcelona, Nardò und Pferdsfeld
Ungewöhnlich ist auch der Aufwand, den Hankook für die Erprobung angibt. Üblich sei bei solchen Projekten ein Prüfgelände – für den 911 Carrera habe man dagegen auf drei internationalen Hochleistungsstrecken getestet. Namentlich genannt werden das ATP-Prüfgelände Papenburg im Emsland und die Idiada-Anlage bei Barcelona für Spurwechsel- und Soft-Handling-Performance, das Prüfgelände Nardò in Süditalien für das Trockenhandling bei Höchstgeschwindigkeit sowie der frühere Militärflugplatz Pferdsfeld im Hunsrück und weitere Strecken für die Nasseigenschaften. Ergänzt wurde das Programm durch die fahrdynamische Abstimmung gemeinsam mit der Porsche AG.
Zwei Stimmen aus dem Unternehmen ordnen das ein. „Unser Ziel war es, präzises Lenkgefühl, Hochgeschwindigkeitsstabilität und zuverlässigen Grip unter allen Bedingungen zu liefern", wird Aleix Alcaraz, Subjektiv-Testfahrer bei Hankook, in der Mitteilung zitiert; die Balance zwischen Rennstreckentauglichkeit und Alltagstauglichkeit habe das Projekt besonders anspruchsvoll gemacht. Yong Chul Choi, Vizepräsident und Leiter des Hankook Europe Technical Center, nennt die Erstausstattung des 911 Carrera einen „außerordentlichen Meilenstein" und einen Schritt für das Engagement im Supersportwagen-Segment. Beides ist Herstellersprache und keine unabhängige Bewertung – belastbar ist daran vor allem, wo entwickelt wurde: Hankook unterhält sein europäisches Technikzentrum in Hannover, die Europazentrale sitzt in Neu-Isenburg, gefertigt wird für Europa im ungarischen Rácalmás. Mehr über den Hersteller lesen Sie in unserem Markenporträt zu Hankook.
Was die Kennung „NA2" bedeutet – und was nicht
Für Sie als Reifenkäufer ist der spannendste Teil der Meldung die Buchstaben-Zahlen-Kombination auf der Flanke. Eine solche Erstausrüster-Kennung ist kein Qualitätssiegel und keine amtliche Genehmigung, sondern eine Herkunftsangabe: Sie besagt, dass genau diese Reifenausführung für ein bestimmtes Fahrzeugmodell entwickelt und vom Fahrzeughersteller abgenommen wurde. Reifen mit und ohne Kennung können sich in Mischung, Karkasse, Profilgeometrie und Abstimmung unterscheiden, obwohl beide denselben Modellnamen tragen. Welche Kennungen die einzelnen Autohersteller verwenden und wann Sie beim Nachkauf darauf achten sollten, haben wir ausführlich in unserem Ratgeber zu den Erstausrüster-Kennzeichnungen auf der Reifenflanke aufgeschrieben. Dass solche Werksfreigaben quer durch den Markt vergeben werden und nicht an eine Marke gebunden sind, zeigt gut das Beispiel der Erstausrüstungsreifen neuer Elektro-SUV.
Wichtig ist die nüchterne Lesart: Aus der Meldung folgt nicht, dass der Ventus S1 evo Z damit generell besser wäre als andere Sportreifen. Sie belegt, dass Hankook die Freigabekriterien eines besonders anspruchsvollen Herstellers für ein konkretes Fahrzeug erfüllt hat. Ein unabhängiges Testergebnis ist das nicht – ein bemerkenswerter Vertrauensbeweis aber schon.
Für den Alltag folgt daraus eine einfache Faustregel: Verbindlich ist, was in Ihren Fahrzeugpapieren steht, nicht die Kennung. Zulässig sind die Reifengrößen und Mindest-Indizes aus der Zulassungsbescheinigung beziehungsweise dem CoC-Dokument; eine Herstellerkennung ist demgegenüber eine Empfehlung des Fahrzeugherstellers. Wer sein Auto so fahren will, wie es abgestimmt wurde – gerade bei sehr leistungsstarken Fahrzeugen mit eng ausgelegtem Fahrwerk –, fährt mit der passenden Kennung am nächsten am Werkszustand. Wer dagegen einen anderen Kompromiss sucht, etwa mehr Komfort oder längere Laufleistung, darf ohne Weiteres zu einem freigegebenen Reifen ohne Kennung greifen. Nur mischen sollten Sie nicht: gekennzeichnete und nicht gekennzeichnete Ausführungen desselben Modells auf einer Achse sind keine gute Idee, weil sich Mischung und Abstimmung unterscheiden können.
Den Ventus S1 evo Z gibt es auch im freien Handel
Verwechseln Sie den Werksreifen bitte nicht mit der frei erhältlichen Ausführung. In unserem Sortiment ist der Hankook Ventus S1 evo Z (K129) mit derzeit 37 lieferbaren Artikeln in 36 Größen gelistet – von 225/35 R18 bis hinauf zu 345/25 R24. Diese Reifen tragen keine NA2-Kennung; sie stammen aus dem Ersatzgeschäft und sind nicht die fahrzeugspezifische Porsche-Ausführung. Die hintere Werksdimension gibt es als reguläre Handelsware: Hankook Ventus S1 evo Z K129 295/35 R20 105Y. Die vordere Werksgröße 235/40 ZR19 führt der Hersteller in dieser Modellreihe bei uns aktuell nicht; die nächstgelegenen Dimensionen sind 235/35 R19 und 245/40 R20 – beides sind eigenständige Größen und kein Ersatz für eine eingetragene Dimension. Welche Reifengrößen an Ihr Fahrzeug dürfen, steht in Ihren Fahrzeugpapieren beziehungsweise im CoC, nicht in einer Pressemitteilung.
Ein zweiter Punkt lohnt den Blick, wenn Sie im Sportsegment einkaufen: Das EU-Reifenlabel ist innerhalb dieser einen Modellreihe alles andere als einheitlich. Die Werte in unserem Sortiment reichen von B bei der Kraftstoffeffizienz mit Nasshaftungsklasse A und 71 Dezibel bis hinunter zu E/E und 79 Dezibel – gleiches Modell, gleicher Hersteller, nur andere Dimension. Das ist kein Widerspruch, sondern normal: Gemessen wird je Größe, und breite, flache Sportdimensionen zahlen für ihren Grip mit Rollwiderstand und Geräusch. Warum das so ist, erklären wir im Beitrag EU-Label je Reifengröße. Wenn Sie ohnehin im Segment unterwegs sind, finden Sie die gesamte Auswahl unter Sportreifen für Pkw und alle Fabrikate der Werksdimension unter 295/35 R20.
Häufige Fragen
Darf ich einen Reifen mit NA2-Kennung auf ein anderes Auto montieren?
Grundsätzlich ja, sofern Größe, Tragfähigkeits- und Geschwindigkeitsindex zu den Angaben in Ihren Fahrzeugpapieren passen. Die Kennung ist keine Beschränkung, sondern ein Hinweis auf die Abstimmung. Sinnvoll ist es meist trotzdem nicht: Die Auslegung wurde für ein bestimmtes Fahrwerk entwickelt und spielt ihre Stärken nur dort aus – bezahlen müssten Sie sie aber in jedem Fall.
Ist ein Reifen ohne Herstellerkennung schlechter?
Nein. Erstausrüstungsreifen sind auf ein einzelnes Fahrzeug optimiert, nicht auf den Durchschnitt aller Fahrzeuge. Im freien Ersatzmarkt gibt es Reifen, die in unabhängigen Tests besser abschneiden als die Werksbereifung. Entscheidend sind die zu Ihrem Auto passende Größe, ein aktuelles Modell und eine zu Ihrem Fahrprofil passende Auslegung – nicht der Buchstabe auf der Flanke.