Drei neue Pirelli-Profile ohne Ankündigung: Einer wird besser und billiger, zwei werden teurer
Wenn ein Reifenhersteller ein neues Profil auf den Markt bringt, gibt es normalerweise eine Pressemitteilung, einen Messeauftritt und eine Handvoll Fachartikel. Bei Pirelli ist in dieser Saison nichts davon passiert. Drei neue Profile sind einfach da: der Scorpion Winter 3 für SUV, der Powergy 2 Winter und der Powergy 2 All Season für Pkw. Öffentlich gemacht hat die stille Einführung am 14. September 2026 die Fachzeitschrift Reifenpresse, die von einer Ganzjahres- und Winterproduktoffensive bei Pirelli spricht.
Wir haben nachgesehen, was das für Käufer bedeutet — und dabei drei Quellen nebeneinandergelegt: das eigene Regal, die offiziellen Produktseiten von Pirelli und die europäische Produktdatenbank EPREL, in der jeder Reifen vor dem Verkauf registriert werden muss. Das Ergebnis ist deutlicher, als die gemeinsame Schlagzeile vermuten lässt. Die drei Reifen wurden zwar zusammen eingeführt, aber sie sind für den Käufer drei völlig verschiedene Angebote. Einer wird besser und gleichzeitig billiger als sein Vorgänger. Einer wird besser, aber teurer. Und einer wird teurer, ohne bei Nässe besser zu werden.
Drei Profile ohne Ankündigung — das EU-Register kannte sie seit Januar
Alle drei Profile stehen bereits lieferbar bei uns im Regal, zusammen 70 Ausführungen: 23 vom Scorpion Winter 3, 24 vom Powergy 2 Winter und 23 vom Powergy 2 All Season. Sie sind also nicht angekündigt, sondern schon verkäuflich.
Dass daran nichts Geheimnisvolles ist, zeigt ein Blick in die europäische Produktdatenbank EPREL. Dort muss jeder Hersteller einen Reifen registrieren, bevor er ihn in der EU verkaufen darf, und zu jedem Eintrag gehört ein Datum der Markteinführung. Wir haben alle 63 hinterlegten Registrierungen der drei Linien abgerufen. Das Bild ist eindeutig: Die Einführungsdaten liegen zwischen dem 26. Januar 2026 und dem 14. Juli 2026. Der früheste Eintrag gehört zum Powergy 2 Winter in der Größe 225/45 R17 und trägt den 26. Januar 2026 — knapp acht Monate, bevor die Branche über die „stille“ Einführung berichtet hat.
Zum Vergleich, damit die Zahlen einzuordnen sind: Beim Vorgänger Scorpion Winter 2 verteilen sich die Registrierungen über die Jahre 2022 bis 2025, beim Powergy Winter tragen alle zwölf Einträge denselben Stichtag 30. April 2024. Die drei neuen Linien sind also nicht etwa umbenannte Restbestände, sondern tatsächlich frische Registrierungen aus dem laufenden Jahr.
Wer dieses Muster kennt, kann Herstelleraussagen künftig selbst überprüfen. Wir haben das Verfahren in einem Abgleich angekündigter Markttermine mit dem EU-Register ausführlich beschrieben; bei zwei neuen Nokian-Sommerreifen ergab dieselbe Abfrage ein gegenteiliges Bild — dort war ein Modell angekündigt, aber noch gar nicht registriert. Hier ist es genau umgekehrt: nicht angekündigt, aber längst registriert.
Auch auf den offiziellen deutschen Produktseiten von Pirelli sind alle drei zu finden. Die Herstellerseite des Scorpion Winter 3 und die Herstellerseite des Powergy 2 Winter tragen den Stand 14. September 2026, die Herstellerseite des Powergy 2 All Season den 30. Juli 2026. Angekündigt hat Pirelli die drei Profile gegenüber der Öffentlichkeit jedoch nicht.
Scorpion Winter 3: besser und billiger als sein Vorgänger
Der SUV-Winterreifen ist der bemerkenswerteste der drei. Pirelli schreibt auf der Produktseite, alle Ersatzgrößen seien bei der Produkteinführung auf dem EU-Reifenlabel zu 100 Prozent mit Nasshaftungsklasse A bewertet worden. Diese Aussage lässt sich unabhängig prüfen — und sie hält: In allen 18 Registrierungen, die wir in EPREL abgerufen haben, steht bei der Nasshaftung tatsächlich ein A. Auch die zweite Herstellerangabe stimmt fast auf den Punkt: Pirelli nennt für die Geräuschklasse 25 Prozent A und 75 Prozent B, im Register finden sich 4 Einträge mit A und 14 mit B.
Wie ungewöhnlich das ist, zeigt der Blick aufs Gesamtregal. Unter allen lieferbaren Winterreifen für Pkw mit hinterlegtem Etikett tragen nur 4,6 Prozent die Nasshaftungsklasse A, bei den Winterreifen für SUV und Geländewagen sind es 8,3 Prozent. Dass eine ganze Baureihe geschlossen im A steht, ist die Ausnahme — wir haben früher ausgerechnet, wie selten Nasshaftung A bei Winterreifen überhaupt vorkommt.
Der zweite Punkt ist der Preis. Wir haben alle Größen verglichen, die es sowohl vom Scorpion Winter 2 als auch vom Scorpion Winter 3 gibt: 15 Paarungen. In elf davon ist der neue Reifen der günstigere, im Median liegt er 10,80 Euro unter dem Vorgänger; im größten Einzelfall, der Größe 235/55 R20, sind es 91,57 Euro. Zusätzlich verbessert sich in mehreren Größen die Kraftstoffeffizienz von C auf B, ohne dass die Nasshaftung darunter leidet.
Dass der Vorgänger teurer ist als der Nachfolger, klingt widersinnig, ist im Reifenregal aber ein bekanntes Muster: Auslaufende Baureihen werden knapp und ziehen im Preis an. Wir haben diesen und zwei weitere typische Preisfallen beim Reifenkauf an Beispielen durchgerechnet.
Technisch nennt Pirelli für den Scorpion Winter 3 unter anderem patentierte „Snow Keeper Teeth“, die Schnee im Profil halten und so die Traktion auf Schnee unterstützen sollen. Die herstellereigenen Nass- und Handlingtests wurden nach Angaben von Pirelli im Januar 2026 im Testzentrum Vizzola mit der Größe 235/60 R18 107V XL auf einem Audi Q5 gefahren — also mit genau der Ausführung, die bei uns mit 150,61 Euro die günstigste der ganzen Linie ist: Pirelli Scorpion Winter 3 235/60 R18 107V. Herstellerangaben sind allerdings keine unabhängigen Testergebnisse; einen Vergleichstest zum Scorpion Winter 3 gibt es bislang nicht.
Powergy 2 Winter: eine Nassklasse besser, dafür meist teurer
Beim Pkw-Winterreifen sieht die Rechnung anders aus. Der Powergy Winter der ersten Generation trägt in allen 21 lieferbaren Ausführungen die Nasshaftungsklasse C — keine einzige Ausnahme nach oben. Beim Powergy 2 Winter sind es 12 Ausführungen mit B und 12 mit C. Das ist ein spürbarer Fortschritt, auch wenn die Linie damit noch immer keine einzige A-Bewertung erreicht.
Der Größenvergleich macht es konkret. 16 Größen gibt es in beiden Generationen. In neun davon verbessert sich die Nasshaftung von C auf B, in keiner einzigen verschlechtert sie sich. Parallel sinkt das Rollgeräusch in mehreren Größen von 71 auf 69 Dezibel, was auf dem Etikett den Sprung von Klasse B auf Klasse A bedeutet.
Bezahlt wird dieser Fortschritt allerdings. In zwölf der 16 gemeinsamen Größen ist der neue Reifen teurer, im Median um 5,32 Euro je Reifen. In der Größe 215/50 R18 sind es 23,59 Euro Aufschlag. Bei einem Satz von vier Reifen läuft das auf gut 20 bis 95 Euro Mehrpreis hinaus — für eine Nassklasse und in einigen Größen zwei Dezibel weniger Rollgeräusch.
Ob sich das lohnt, hängt davon ab, wie viel Ihnen der Unterschied zwischen den Labelklassen B und C wert ist. Was dahintersteckt, haben wir an Bremswegen durchgerechnet: Wie viel kürzer die Nasshaftungsklasse A wirklich bremst, gilt in abgeschwächter Form auch für jeden einzelnen Klassensprung darunter.
Powergy 2 All Season: sparsamer, bei Nässe aber schwächer als der Vorgänger
Der Ganzjahresreifen ist der unbequemste Fall der drei. Zunächst das Positive: Alle 21 abgerufenen EPREL-Einträge des Powergy 2 All Season sind als Reifen für schwere Schneebedingungen registriert, tragen also das Alpine-Symbol mit dem Bergpiktogramm und dürfen in Deutschland bei winterlichen Verhältnissen gefahren werden. Das ist bei Ganzjahresreifen keine Selbstverständlichkeit — warum von den zwei Wintersymbolen auf dem Etikett nur eines zählt, ist ein eigenes Thema. Auch bei der Kraftstoffeffizienz legt die Linie zu: 14 Ausführungen stehen auf B, 7 auf C, während der Vorgänger überwiegend C führte.
Bei der Nasshaftung geht es jedoch in die andere Richtung. Es gibt neun Größen, die es sowohl vom Powergy All Season SF als auch vom Nachfolger gibt. In drei dieser neun Größen ist der neue Reifen bei Nässe eine Klasse schlechter als der alte, in keiner einzigen ist er besser. Gleichzeitig ist er in acht der neun Größen teurer, im Median um 8,20 Euro; in der Größe 225/45 R18 beträgt der Aufschlag 77,37 Euro.
Dieses Muster ist kein Einzelfall und auch kein Versehen: Hersteller gewichten beim Modellwechsel bewusst um, meist zugunsten des Rollwiderstands, weil der in die Flottenbilanz der Autohersteller einfließt. Wir haben markenübergreifend zusammengetragen, was Reifenhersteller beim Modellwechsel an Labelklassen opfern. Der Powergy 2 All Season ist ein weiteres Beispiel dafür — er tauscht Nasshaftung gegen Effizienz.
Was die drei in den gefragtesten Größen wirklich kosten
Zahlen zur Baureihe sind das eine, der Preis in Ihrer Größe das andere. Wir haben die drei Neuzugänge in die Größen gestellt, die in unserem Shop am häufigsten nachgefragt werden.
In der meistgefragten Pkw-Größe 205/55 R16 liegen 231 lieferbare Winterreifen. Der Pirelli Powergy 2 Winter 205/55 R16 94V kostet dort 87,07 Euro und belegt Preisrang 163 von 231, bei einem Median von 74,68 Euro. Er trägt in dieser Größe Nasshaftung C — und 77 günstigere Reifen im selben Feld sind bei Nässe besser eingestuft. Beim Ganzjahresreifen ist das Bild ähnlich: Der Pirelli Powergy 2 All Season 205/55 R16 94V kostet 79,94 Euro, hat ebenfalls Nasshaftung C, und 80 günstigere der 187 lieferbaren Ganzjahresreifen dieser Größe schneiden beim Nasslabel besser ab.
In der Größe 225/45 R17 dreht sich das Verhältnis, weil beide Powergy-2-Linien dort ein B tragen. Unter den 135 lieferbaren Ganzjahresreifen für Pkw dieser Größe gibt es nur noch drei, die zugleich günstiger und beim Nasslabel besser sind als der Pirelli Powergy 2 All Season 225/45 R17 94Y für 87,66 Euro. Beim Winterreifen sind es fünf von 170.
Beim SUV-Reifen schließlich ist die Lage am klarsten. In der Größe 235/60 R18 liegen 121 lieferbare Winterreifen — aber nur zehn davon tragen Nasshaftung A, und nur vier dieser zehn sind günstiger als der Scorpion Winter 3 mit 150,61 Euro. Unter den Reifen der besten Nassklasse belegt er damit Preisrang fünf von zehn, also die Mitte.
Die Lehre daraus ist unbequem, aber nützlich: Der Markenname allein sagt nichts über die Nasshaftung. Innerhalb derselben Marke, am selben Einführungstermin, reicht die Spanne von einer geschlossenen A-Wertung bis zu einer Linie ohne eine einzige A-Bewertung.
Sieben von 70 Ausführungen stehen ohne gültiges Etikett im Regal
Ein Hinweis, der gerade bei brandneuen Profilen wichtig ist. Von den 70 Ausführungen der drei Linien stehen sieben mit der Angabe E bei Effizienz und Nasshaftung und 79 Dezibel in unserem Katalog: fünf Scorpion Winter 3 und zwei Powergy 2 All Season. Das sieht nach einer katastrophalen Bewertung aus, ist aber keine.
Denn diese sieben Ausführungen sind exakt dieselben, zu denen noch keine EPREL-Registriernummer hinterlegt ist — die Übereinstimmung ist lückenlos. Und die Herstellerangabe widerlegt die Werte zusätzlich: Wenn bei der Produkteinführung alle Größen des Scorpion Winter 3 mit Nasshaftung A bewertet wurden, kann keine davon in Wahrheit ein E tragen. Es handelt sich also um einen Platzhalter für noch fehlende Labeldaten, nicht um ein Messergebnis. Wir pflegen die Etiketten nach, sobald die Registrierung vorliegt.
Für Sie heißt das: Stoßen Sie bei einem sehr neuen Reifen auf eine auffällig schlechte Labelangabe, prüfen Sie nach, ob überhaupt eine EPREL-Nummer hinterlegt ist. Fehlt sie, ist die Angabe mit Vorsicht zu genießen. Dass ein und derselbe Reifenname ohnehin mit verschiedenen Etiketten im Regal liegen kann, kommt als zweite Fehlerquelle hinzu.
Für wen sich welcher der drei lohnt
Aus den Daten lässt sich eine klare Zuordnung ableiten.
- Scorpion Winter 3 — für SUV-Fahrer, die Nässe ernst nehmen. Geschlossene Nasshaftung A, im Median günstiger als der Vorgänger, verfügbar von 18 bis 22 Zoll. Der überzeugendste der drei, mit der Einschränkung, dass ein unabhängiger Test noch aussteht. Wie er sich in Pirellis SUV-Programm einordnet, zeigt unsere Übersicht der Scorpion-Baureihen für SUV.
- Powergy 2 Winter — für Vielfahrer mittlerer Größen, denen der Aufpreis den Klassensprung wert ist. Verfügbar von 16 bis 19 Zoll, in neun von 16 Vergleichsgrößen eine Nassklasse besser als der Vorgänger, dafür im Median 5,32 Euro teurer. Wer den besten Nasswert in dieser Preisklasse sucht, findet ihn aber anderswo.
- Powergy 2 All Season — nur, wenn Effizienz vor Nässe geht. Das Alpine-Symbol in allen registrierten Größen und die bessere Effizienz sprechen für ihn, der Rückschritt bei der Nasshaftung gegen ihn. In Größen, in denen er ein B trägt, ist er konkurrenzfähig; in denen mit C nicht.
Wer statt eines Powergy 2 Winter einen Pkw-Winterreifen mit stärkerem Nasslabel aus demselben Haus sucht, sollte den Cinturato Winter 3 ansehen: Diese Linie, vor einem Jahr eingeführt, trägt in 21 von 35 Ausführungen Nasshaftung A. Einen Überblick über das Gesamtprogramm gibt unser Porträt der Marke Pirelli sowie das Markenprofil von Pirelli im Shop.
Fazit: eine Marke, drei sehr verschiedene Rechnungen
Drei neue Profile, still eingeführt, seit Monaten im EU-Register, alle drei bei uns lieferbar — und trotzdem drei grundverschiedene Kaufentscheidungen. Der Scorpion Winter 3 verbessert sich und wird dabei günstiger, was selten vorkommt. Der Powergy 2 Winter verbessert sich bei Nässe und lässt sich das bezahlen. Der Powergy 2 All Season wird sparsamer und leiser, gibt dafür aber bei Nässe nach.
Der eigentliche Gewinn dieser Recherche liegt aber im Verfahren: Ein Hersteller kann eine Modelleinführung verschweigen, aber er kann sie nicht vor dem EU-Register verbergen. Wer wissen will, ob ein Reifen wirklich neu ist, schaut dort nach — die Registrierung steht dort mit Datum, lange bevor irgendjemand darüber schreibt.
Alle drei Linien finden Sie mit sämtlichen Größen und tagesaktuellen Preisen in unserem Shop; passende Reifen für Ihr Fahrzeug zeigt Ihnen die Reifensuche, Begriffe rund ums Etikett erklärt das Reifen-Wiki.
Häufige Fragen
Sind die drei neuen Pirelli-Reifen schon lieferbar?
Ja. Alle 70 Ausführungen der drei Linien stehen bei uns als lieferbar im Katalog, mit üblicher Lieferzeit von zwei bis fünf Werktagen. Registriert wurden sie im EU-Register zwischen Januar und Juli 2026.
Darf ich den Powergy 2 All Season im Winter in Deutschland fahren?
Ja. Alle 21 registrierten Ausführungen sind in der EU-Produktdatenbank als Reifen für schwere Schneebedingungen eingetragen und tragen damit das Alpine-Symbol, das bei winterlichen Straßenverhältnissen in Deutschland vorgeschrieben ist.
Woher weiß ich, ob eine Labelangabe im Shop verlässlich ist?
Ein belastbares Etikett hat immer eine EPREL-Registriernummer. Fehlt sie bei einem sehr neuen Profil, sind die angezeigten Klassen oft nur Platzhalter. In diesem Fall lohnt der direkte Blick in die EU-Datenbank oder eine kurze Nachfrage bei uns.