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Branche & Markt – Ratgeber im Magazin

Michelins Neunmonatszahlen: Europas Ersatzmarkt schrumpft, die Mobilität aber nicht

· 8 Min. Lesezeit · Aktualisiert am 28.10.2026
Gestapelte Pkw-Sommerreifen im Lagerregal eines Händlers (KI-generiert, OpenAI)
Gestapelte Pkw-Sommerreifen im Lagerregal eines Händlers (KI-generiert, OpenAI)

Michelin hat am 20. Oktober 2026 die Umsatzzahlen für die ersten neun Monate des laufenden Geschäftsjahres vorgelegt. Auf den ersten Blick ist das eine unauffällige Meldung: 19,2 Milliarden Euro Umsatz, ein halbes Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Interessant wird der Bericht an einer ganz anderen Stelle — dort, wo der Konzern erklärt, warum der europäische Ersatzmarkt für Pkw-Reifen geschrumpft ist. Die Begründung hat nichts damit zu tun, dass weniger gefahren würde. Wir haben die Zahlen durchgesehen, die für Reifenkäufer wichtigen Passagen herausgezogen und anschließend mit dem abgeglichen, was bei uns tatsächlich im Regal steht.

Die Zahlen im Überblick: 19,2 Milliarden Euro nach neun Monaten

Michelin legt zum ersten und zum dritten Quartal ausschließlich Umsatzkennzahlen vor, keine Gewinnzahlen — darauf weist auch der Bericht der Neuen Reifenzeitung hin. Was der Konzern in seiner Finanzinformation zum 30. September 2026 veröffentlicht hat, lässt sich in wenigen Eckwerten zusammenfassen.

  • Konzernumsatz: 19.175 Millionen Euro nach neun Monaten gegenüber 19.275 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum — ein Rückgang von 0,5 Prozent zu aktuellen Wechselkursen.
  • Ohne Währungseffekte: ein Plus von 1,0 Prozent. Bereinigt man zusätzlich um Zukäufe und Verkäufe, bleibt ein Plus von 0,1 Prozent.
  • Drittes Quartal: hier zog das Wachstum an — 2,2 Prozent zu konstanten Wechselkursen, 0,8 Prozent zusätzlich um Beteiligungen bereinigt.
  • Die vier Geschäftsbereiche: Consumer (Pkw, Transporter, Zweirad) 10.397 Millionen Euro und damit 1,0 Prozent weniger · Transportation (Lkw) 4.342 Millionen Euro, minus 3,7 Prozent · Specialties (Bergbau, Flugzeug, Landwirtschaft) 3.287 Millionen Euro, minus 0,9 Prozent · Polymer Composite Solutions 1.149 Millionen Euro, plus 21,9 Prozent.
  • Jahresprognose bestätigt: Michelin hält am Ziel fest, das operative Segmentergebnis gegenüber 2025 zu steigern und mehr als 1,6 Milliarden Euro freien Mittelzufluss vor Zukäufen zu erwirtschaften.

Ein Hinweis zur Einordnung, der für alle Herstellerzahlen gilt: Dies sind Angaben des Unternehmens über sich selbst, und es sind Umsatz-, keine Ergebniszahlen. Sie sagen etwas über die Geschäftsentwicklung aus, nichts über die Qualität einzelner Reifen.

Warum das Minus wenig über das Reifengeschäft aussagt

Der ausgewiesene Rückgang von 0,5 Prozent entsteht zu einem erheblichen Teil außerhalb des eigentlichen Tagesgeschäfts. Der Währungseffekt allein zog den Umsatz um 1,6 Prozent nach unten, verursacht vor allem durch die Abwertung des US-Dollars im ersten Halbjahr; im dritten Quartal drehte dieser Effekt bereits ins Positive. Gegenläufig wirkten Zukäufe mit plus 0,9 Prozent.

Der größte Belastungsfaktor im operativen Geschäft sind die Lkw-Reifen. Der Bereich Transportation verlor 3,7 Prozent Umsatz bei 1,5 Prozent weniger abgesetzten Reifen, was Michelin vor allem auf das Erstausrüstungsgeschäft zurückführt. Bemerkenswert ist allerdings die Wende im dritten Quartal: Dort legte das Segment um 1,7 Prozent zu, weil sich das Erstausrüstungsgeschäft in Nordamerika nach einer Erholung bei Bestellungen und Produktion schwerer Lkw wie erwartet verbesserte. In Südamerika drückte dagegen ein schwächerer Erstausrüstungsmarkt auf die Zahlen, in Europa lagen die Umsätze über neun Monate höher.

Das auffällige Plus von 21,9 Prozent bei Polymer Composite Solutions ist kein Reifengeschäft und überwiegend zugekauft: Es beruht auf der erstmaligen Einbeziehung der Unternehmen Cooley Group, Flexitallic und TexTech. Rechnet man diese Zukäufe heraus, ging der Umsatz des Bereichs um 2,7 Prozent zurück, weil die Schwäche im Fördergurtgeschäft das Wachstum aller anderen Produktgruppen überdeckte. Bei den Specialties stand einem Wachstum im Bergbau anhaltender Druck im Bereich abseits der Straße gegenüber, insbesondere bei landwirtschaftlicher Erstausrüstung in Nordamerika und Europa.

Europas Ersatzmarkt schrumpft — aber nicht, weil weniger gefahren wird

Dies ist die Passage, die für Reifenkäufer in Deutschland am meisten hergibt. Michelin beziffert den europäischen Ersatzmarkt für Pkw- und Transporterreifen nach neun Monaten auf minus 1 Prozent, im dritten Quartal sogar auf minus 3 Prozent. Weltweit wuchs der Ersatzmarkt um 1 Prozent, getragen von China mit plus 6 Prozent, während Nord- und Mittelamerika um 3 Prozent nachgaben.

Entscheidend ist die Begründung, die der Konzern selbst gibt: Der Rückgang in Europa spiegele keinen Rückgang der Mobilität wider — die sei trotz gestiegener Kraftstoffpreise weitgehend stabil geblieben. Verantwortlich sei vielmehr eine deutliche Verlangsamung der Billigreifen-Importe aus Asien. Michelin benennt den Auslöser ausdrücklich: Die seit Juli greifenden Antidumpingmaßnahmen der EU-Kommission gegen in China gefertigte Reifen hätten die Händler veranlasst, im ersten Halbjahr Lager aufzubauen und diese Warenströme ab dem Sommer zu drosseln.

Damit bestätigt ein Weltkonzern aus seiner eigenen Marktbeobachtung genau die Entwicklung, die wir hier seit dem Beschluss der EU-Antidumpingzölle verfolgen und in einer eigenen Preismessung acht Wochen nach Inkrafttreten der Zölle nachgerechnet haben.

Ein zweiter Satz aus dem Bericht verdient Beachtung: Die Lagerbestände im Handel seien insgesamt auf normalem Niveau — mit Ausnahme der billig importierten Reifen, bei denen die Bestände hoch seien und deren Abbau Zeit brauchen werde. Für Käufer heißt das nüchtern: Im unteren Preissegment steht vorerst noch Ware aus dem Vorzieh-Effekt in den Lagern, während die Nachschubwege teurer geworden sind. Zum Wintergeschäft vermerkt Michelin außerdem, die Nachfrage sei stark gestartet und habe sich im dritten Quartal abgeschwächt, was der Konzern auf einen hohen Vorjahresvergleichswert zurückführt.

Michelin wächst mit der Marke Michelin

Im Consumer-Segment steht einem Umsatzminus von 1,0 Prozent ein Absatzplus von 0,5 Prozent gegenüber — es wurden also mehr Reifen verkauft, als der Umsatz vermuten lässt. Konzernweit sank die abgesetzte Reifenmenge um 0,8 Prozent, was Michelin überwiegend der Erstausrüstung zuschreibt; das Ersatzgeschäft erwies sich als deutlich widerstandsfähiger.

Innerhalb dieses Geschäfts verläuft eine Linie, die man kennen sollte: Die Absatzmenge der Marke Michelin im Ersatzmarkt lag Ende September um 4 Prozent über dem Vorjahr — während der Konzern im selben Atemzug sinkende Verkäufe seiner Zweit- und Drittmarken ausweist. Welche Marken damit gemeint sind, nennt Michelin nicht; zum Konzern gehören unter anderem Kleber, Riken und Kormoran. Wer wissen möchte, wie sich diese Marken technisch zum Premiumprodukt verhalten, findet das bei uns im Detail aufgeschlüsselt: einmal als Kleber im Direktvergleich mit Michelin, einmal als Datencheck zu Kormoran, Riken und Tigar. Eine Übersicht darüber, welche Marke zu welchem Konzern gehört, ordnet das Ganze ein.

Dazu passt der Preis-Mix-Effekt von plus 1,1 Prozent, in dem ein Mix-Beitrag von 1,6 Prozent steckt — getragen laut Michelin vom Wachstum der Hauptmarke und von höherwertigen Produkten. Der reine Preiseffekt drehte erst im dritten Quartal ins Positive, als Reaktion auf gestiegene Einsatzkosten. Im Erstausrüstungsgeschäft blieben die Verkäufe dagegen schwach, was der Konzern auf schwache Fahrzeugmärkte und einen ungünstigen Mix aus Herstellern und Modellen zurückführt, besonders in Europa und Nordamerika; in China wuchs Michelin in einem schrumpfenden Markt.

Der zweite Wachstumsträger ist das Zweiradgeschäft, das laut Bericht kräftig zulegte, getrieben von der Marke Michelin im Premium-Freizeitsegment. Das deckt sich mit dem, was wir im eigenen Haus messen: Motorrad-Straße ist bei uns die zweitgefragteste Rubrik überhaupt, Motorrad-Enduro folgt auf Platz fünf. Passende Motorradreifen für die Straße finden Sie im Shop, und wie sich der meistgefahrene Sport-Touring-Reifen des Herstellers schlägt, steht im Ratgeber zu Michelin Road 6 und Road 6 GT.

Gegenprobe im eigenen Regal: der Reifen, den Michelin selbst nennt

Eine Herstellermeldung wird dort überprüfbar, wo sie konkret wird. Michelin schreibt, die Hauptmarke habe im Ersatzmarkt besonders bei Reifen ab 18 Zoll überdurchschnittlich abgeschnitten, und nennt als erfolgreiche neue Baureihe ausdrücklich den Primacy 5 Energy. Beides lässt sich gegen den eigenen Bestand rechnen.

Wir haben das Sortiment am 23. Oktober 2026 über die Zollgrößen-Facette ausgezählt. Ergebnis: 49 lieferbare Ausführungen des Primacy 5 Energy in 37 verschiedenen Größen. Die Verteilung über die Felgendurchmesser fällt dabei bemerkenswert eindeutig aus — 16 Zoll: 3 Ausführungen · 17 Zoll: 8 · 18 Zoll: 8 · 19 Zoll: 11 · 20 Zoll: 11 · 21 Zoll: 8. Eine Ausführung in 15 Zoll gibt es nicht.

Damit entfallen 38 der 49 Ausführungen auf 18 Zoll und größer — gut drei Viertel der Baureihe. Die Modellpolitik des Herstellers deckt sich also mit dem, was er über seinen Absatz berichtet: Diese Baureihe ist für große Räder gebaut, kleine Dimensionen sind die Ausnahme. Wer einen Kleinwagen mit 16-Zoll-Rädern fährt, findet in dieser Reihe nur drei Möglichkeiten, etwa den Michelin Primacy 5 Energy 205/55 R16 91V; am oberen Ende steht zum Beispiel der Michelin Primacy 5 Energy 235/45 R21 104H. Alle Größen der Reihe sehen Sie im Primacy 5 Energy im Modellüberblick.

Diese Zahlen sind eine Momentaufnahme unseres eigenen Sortiments und verschieben sich mit jedem Wareneingang. Sie ersetzen keinen unabhängigen Test — zum direkten Vorgänger haben wir einen ausführlichen Ratgeber zum Primacy 5. Das weitere Angebot des Herstellers finden Sie auf der Markenseite Michelin, die gesamte Auswahl unter Sommerreifen für Pkw.

Häufige Fragen

Legt Michelin zum dritten Quartal auch Gewinnzahlen vor?

Nein. Der Konzern veröffentlicht zum ersten und dritten Quartal ausschließlich Umsatzkennzahlen. Aussagen zu Ergebnis und Marge folgen erst mit dem Jahresabschluss. Die Jahresprognose hat Michelin mit den Neunmonatszahlen bestätigt.

Was bedeutet der Rückgang bei den Billigimporten für die Preise?

Michelin stellt fest, dass die Lagerbestände günstiger Importreifen im Handel weiterhin hoch sind und ihr Abbau Zeit braucht, während der Nachschub durch die Antidumpingmaßnahmen gebremst wird. Ein konkreter Preispfad lässt sich daraus nicht ableiten — der Bericht nennt dazu keine Zahlen.

Warum sind so wenige Größen der neuen Baureihe für kleine Räder erhältlich?

Der Primacy 5 Energy ist erkennbar auf größere Felgendurchmesser ausgelegt: In unserem Sortiment entfallen 38 von 49 Ausführungen auf 18 Zoll und mehr. Für 15 Zoll gibt es keine Ausführung, für 16 Zoll nur drei. Wer kleinere Räder fährt, greift sinnvollerweise zu einer anderen Baureihe.

Schlagwörter: Michelin Reifenmarkt Branche Antidumpingzölle Primacy 5 Energy

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