470 Lkw-Reifen, 5.594 Lastwagen zur Prüfung: Michelins Rückruf erreicht Scania
Ein Reifenrückruf, der höchstens 470 Reifen betrifft, hat inzwischen drei Lkw-Hersteller in Bewegung gesetzt: Nach MAN und Mercedes-Benz hat nun auch Scania Fahrzeuge zurückgerufen, weil bei ihnen Michelin-Lkw-Reifen aus den fraglichen Chargen ab Werk montiert sein könnten. Zusammengerechnet stehen damit 5.594 Lastwagen weltweit auf der Prüfliste, davon 2.588 in Deutschland – für maximal 470 Reifen, von denen bis heute kein einziger auffällig geworden ist. Dieser Fall erklärt anschaulich, warum ein kleiner Reifenrückruf so große Kreise ziehen kann. Alle Zahlen in diesem Beitrag stammen aus der amtlichen Rückrufdatenbank des Kraftfahrt-Bundesamtes und aus Michelins eigener Mitteilung.
Der Rückruf selbst: zwei Profile, eine Größe, maximal 470 Reifen
Ausgangspunkt ist eine Aktion, die Michelin selbst als freiwillige Marktaktion bezeichnet. Betroffen sind zwei Lkw-Profile in einer einzigen Dimension: MICHELIN X MULTI Z und MICHELIN X LINE ENERGY Z, jeweils in 355/50 R 22.5. Das ist eine breite, flache Nutzfahrzeuggröße, wie sie an schweren Lkw gefahren wird – im Pkw- oder Transporterbereich kommt sie nicht vor.
Der Mangel ist eng umrissen. Nach Michelins Qualitätsinformation kann es bei diesen Reifen „zu einem umlaufenden Riss in der Seitenwand im Bereich des Barcode-Feldes kommen, der zu einem schnellen Druckverlust führen kann“. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) führt die Aktion seit dem 12. März 2026 unter der Referenznummer 16072R und beschreibt den Defekt gleichlautend: ein Riss, der sich durch Gebrauch ausweitet, mit der Gefahr eines plötzlichen Luftverlustes und einer Beeinträchtigung der Fahrstabilität.
Entscheidend für die Einordnung sind drei Zahlen, die Michelin offenlegt. Im fraglichen Produktionszeitraum entstanden insgesamt 47.065 Reifen, verkauft überwiegend in 32 europäischen Ländern und in Neuseeland. Nach eigener Beurteilung hält der Hersteller davon maximal 470 Stück für möglicherweise betroffen – das ist knapp ein Prozent der Produktion. Und: Es handelt sich ausdrücklich um eine vorbeugende Maßnahme. „Bisher ist bei keinem Produkt ein Druckverlust aufgetreten“, schreibt Michelin. Auch das KBA vermerkt in allen Einträgen zu diesem Vorgang, dass keine Vorfälle mit Sach- oder Personenschäden bekannt sind.
Für Deutschland nennt das Register 107 potenziell betroffene Reifen. Die vorgesehene Abhilfe ist der Austausch; Michelin bietet betroffenen Kunden ein gleichwertiges Ersatzprodukt an. Die Aktion wird vom KBA überwacht.
Drei Lkw-Hersteller, 5.594 potenziell betroffene Fahrzeuge
Was den Fall ungewöhnlich macht, steht nicht im Teileregister, sondern im Fahrzeugregister. Weil Reifen aus den fraglichen Chargen auch als Erstausrüstung ans Band geliefert wurden, haben nacheinander drei Lkw-Hersteller eigene Rückrufe gestartet. Der Stand der amtlichen Datenbank vom 26. Oktober 2026, 12:00 Uhr:
- MAN (KBA-Referenz 16166R, veröffentlicht am 25. Februar 2026): Baureihen TGS, TGX und TGM aus dem Produktionszeitraum 1. Januar 2023 bis 31. Januar 2026. 1.342 Fahrzeuge weltweit, 963 in Deutschland.
- Mercedes-Benz (16349R, 23. April 2026): Actros und eActros, gebaut zwischen dem 13. Januar 2023 und dem 23. Dezember 2025. 2.738 Fahrzeuge weltweit, 1.396 in Deutschland.
- Scania (16844R, 24. August 2026): P-, R-, G-, L- und S-Serie aus dem Zeitraum 3. Januar 2023 bis 9. Juli 2026. 1.514 Fahrzeuge weltweit, 229 in Deutschland. Dieser Eintrag benennt die Ursache am deutlichsten – als Eingrenzung steht dort wörtlich „Reifen der Marke Michelin 355/50R22.5 X Line Energy Z und 355/50R22.5 X Multi Z“.
Eine Einschränkung gehört dazu: Eindeutig auf die Michelin-Aktion zurückführen lassen sich nach Aktenlage die Rückrufe von Scania und Mercedes-Benz – letzterer trägt beim Hersteller sogar den Rückrufcode „MICHELIN26“ und eine wortgleiche Mangelbeschreibung. Der MAN-Eintrag beschreibt denselben Defekt, nennt aber weder Marke noch Reifengröße; die Zuordnung stützt sich hier auf die Fachpresse, konkret auf die Meldung von Reifenpresse.de vom 26. Oktober 2026. Bemerkenswert ist dabei die Reihenfolge: MAN war schon zwei Wochen im Register, bevor dort der Reifenrückruf selbst auftauchte.
Zusammengezählt ergeben die drei Aktionen 5.594 potenziell betroffene Lkw weltweit und 2.588 in Deutschland – alle drei stehen unter KBA-Überwachung, alle drei sehen als Maßnahme eine Prüfung der Reifen und den Austausch nur im Bedarfsfall vor. Ein Hinweis für Fuhrparkleiter, die Pressemeldungen mit dem Register vergleichen: Die berichteten Stückzahlen beziehen sich teils auf die weltweite, teils auf die deutsche Menge. Wer vergleicht, sollte immer beide Werte im Blick behalten.
Warum aus 470 Reifen fast 5.600 Lkw werden
Rechnerisch nehmen die Hersteller damit rund zwölf Fahrzeuge für jeden einzelnen fraglichen Reifen in die Werkstatt, in Deutschland sind es sogar gut 24. Dieses Missverhältnis ist kein Zeichen dafür, dass das Problem größer wäre als gemeldet – es ist die direkte Folge davon, wie Reifen auf die Straße kommen.
Michelin kann anhand der Produktionsdaten sagen, wie viele Reifen betroffen sein könnten, aber nicht, welche es sind und wo sie gelandet sind. Reifen sind auf niemanden zugelassen, es gibt kein Register, das einen bestimmten Reifen einem bestimmten Fahrzeug zuordnet. Warum das so ist und was daraus folgt, haben wir im ausführlichen Ratgeber zum Prüfen eines Reifenrückrufs beschrieben.
Bei der Erstausrüstung gibt es aber eine Spur – nur eben eine grobe. Der Fahrzeughersteller weiß, in welchem Zeitfenster Reifen aus den fraglichen Lieferungen ans Band gegangen sein können. Welcher Lkw am Ende welchen Reifen bekam, lässt sich daraus nicht ableiten. Also wird nicht der Schaden geschätzt, sondern ein Suchraster gelegt: Alle Fahrzeuge, die infrage kommen, werden angesehen. Dass die Produktionszeiträume der Fahrzeuge weit über den der Reifen hinausreichen – bei Scania bis in den Juli 2026, obwohl die letzten fraglichen Reifen aus der achten Kalenderwoche 2025 stammen – passt genau dazu: Reifen können monatelang eingelagert sein, bevor sie montiert werden.
Und noch etwas dreht dieser Fall um: Ein reiner Reifenrückruf erreicht Sie normalerweise nicht per Post, weil niemand weiß, wer den Reifen fährt. Läuft die Aktion dagegen über einen Fahrzeugrückruf, greift der übliche Weg – das Fahrzeug ist zugelassen, der Halter bekannt. Für die betroffenen Lkw-Halter ist das die gute Nachricht an diesem Fall.
Was Fuhrparkleiter und Halter jetzt prüfen sollten
Zwei Gruppen sollten getrennt vorgehen. Wer einen Lkw der genannten Baureihen fährt, wartet am besten nicht ab, sondern gleicht die Fahrzeug-Identifizierungsnummer mit dem Hersteller oder der Vertragswerkstatt ab. Das Scania-Register verweist auf die Hotlines 0261 8977286 und 0261 8977241, bei MAN und Mercedes-Benz führt der Weg über den Händler. Ob Ihr Fahrzeug in einer laufenden Aktion steht, sehen Sie jederzeit selbst in der Rückrufdatenbank des Kraftfahrt-Bundesamtes nach – Reifen stehen dort unter dem Reiter „Fahrzeugteile und Fahrzeugzubehör“, Fahrzeuge unter „Fahrzeuge“.
Wer die Reifen dagegen im Handel gekauft hat, bekommt von keinem Fahrzeugrückruf etwas mit und muss selbst nachsehen. Maßgeblich sind zwei Angaben auf der Flanke: die Größe 355/50 R 22.5 und die DOT-Nummer. Betroffen ist der Zeitraum ab 2023 bis einschließlich DOT-Woche 8 des Jahres 2025. Ein Reifen mit der DOT-Endung 1524 gehört also dazu, einer mit 0925 oder später nicht mehr. Passt beides zusammen, hilft der Reifenhändler weiter; der Austausch ist für Sie kostenlos.
Ein Detail, das in der Praxis zählt: Der MAN-Eintrag beziffert die Gefahr als plötzlichen Luftdruckverlust „an einer gelenkten Achse“. Welche Reifen an welcher Achsposition laufen und warum das für Lenkung und Fahrstabilität so viel ausmacht, erklärt unser Beitrag zu den Profilen an Zugmaschine und Auflieger. Ein Hinweis noch zur Einordnung: Mit dem bereits im Frühjahr gemeldeten Primacy 5 Energy für Pkw hat dieser Vorgang nichts zu tun – andere Größe, anderer Mangel, anderes Fahrzeugsegment.
Noch eine Beobachtung am Rande, die den Nutzen eines eigenen Blicks ins Register zeigt: Die Scania-Aktion trägt dort das Veröffentlichungsdatum 24. August 2026, berichtet wurde darüber erst am 26. Oktober. Wer die Datenbank selbst im Auge behält, ist also früher im Bilde als über jede Meldung. Das gilt auch für die Angaben im Detail – zum Scania-Produktionszeitraum kursierte eine auf das Jahr 2026 verkürzte Fassung, während das Register den gesamten Zeitraum ab Januar 2023 nennt. Wer sich auf die kurze Fassung verließe, würde einen Lkw aus 2024 fälschlich für unbetroffen halten.
In unserem Shop führen wir die Rückrufgröße übrigens nicht: Unser Nutzfahrzeugsortiment umfasst derzeit 41 Ausführungen, davon 27 in 22,5 Zoll – 355/50 R 22.5 ist nicht darunter. Wer Ersatz für eine andere Position sucht, findet bei den Nutzfahrzeugreifen etwa den Hankook AH31 Ganzjahresreifen 315/70 R22.5 156/150L oder den Hankook AM15 275/70 R22.5 148/145K.
Häufige Fragen
Woran erkenne ich, ob mein Lkw-Reifen zu der Michelin-Aktion gehört?
An drei Angaben auf der Reifenflanke: dem Profilnamen (X Multi Z oder X Line Energy Z), der Größe 355/50 R 22.5 und der DOT-Nummer. Betroffen sind Reifen ab 2023 bis zur Produktionswoche 8 des Jahres 2025; eine DOT-Endung ab 0925 scheidet aus. Stimmen alle drei Angaben, wenden Sie sich an Ihren Reifenhändler.
Bekomme ich bei einem Fahrzeugrückruf wegen Reifen Post?
In der Regel ja. Weil Fahrzeuge zugelassen sind und der Halter im Zentralen Fahrzeugregister steht, können die Lkw-Hersteller ihre Kunden direkt anschreiben. Genau das unterscheidet diesen Fall vom reinen Reifenrückruf, bei dem niemand weiß, wer die Reifen fährt, und die Information nur über den Handel läuft.
Fazit
Der Fall ist in der Sache klein und in der Abwicklung groß: Maximal 470 Reifen aus einer Produktion von 47.065 Stück, kein einziger bekannter Schadensfall – und trotzdem 5.594 Lastwagen, die bei drei Herstellern durch die Werkstatt müssen. Das ist kein Alarmsignal, sondern der Preis dafür, dass sich ein einzelner Reifen nicht zurückverfolgen lässt. Für Halter betroffener Fahrzeuge ist die Sache unkompliziert: prüfen lassen, im Bedarfsfall kostenlos tauschen. Wer die Reifen im Handel gekauft hat, sollte einmal selbst auf Größe und DOT-Nummer schauen. Und wer ohnehin über Ersatz nachdenkt, findet die passenden Dimensionen in unserem Lkw-Sortiment.