Reifen für die 125er: Warum Sie für Tempo 270 zahlen, das Ihr Motorrad nie erreicht
Ein Leichtkraftrad mit 125 Kubik und 15 PS ist technisch ein bescheidenes Fahrzeug — beim Reifenkauf wird es trotzdem schnell unübersichtlich. Wir haben deshalb den eigenen Bestand ausgezählt: In den fünf 17-Zoll-Größen, die auf 125ern verbreitet sind, liegen zum Stichtag 194 lieferbare Angebote von 13 Marken — von 55,30 € bis 781,60 €. Dieser Beitrag erklärt, was diesen Abstand erzeugt, welche Kennzeichen auf der Flanke für Ihr Motorrad wirklich zählen und an welchen zwei Stellen im Regal Sie aufpassen sollten. Alle Zahlen stammen aus unserer eigenen Auswertung vom 20. Juli 2026 und beziehen sich ausschließlich auf lieferbare Ware.
Warum gerade so viele 125er neu auf der Straße sind
Seit einigen Jahren dürfen auch Autofahrerinnen und Autofahrer ein Leichtkraftrad bewegen, ohne den Motorradführerschein zu machen. Geregelt ist das in § 6b der Fahrerlaubnis-Verordnung über die sogenannte Schlüsselzahl 196. Die Voraussetzungen sind eng gefasst: Man muss mindestens 25 Jahre alt sein und seit mindestens fünf Jahren die Klasse B besitzen. Erlaubt sind damit Krafträder mit höchstens 125 cm³ Hubraum, maximal 11 kW Leistung und einem Leistungsgewicht von höchstens 0,1 kW/kg.
Vor der Eintragung steht eine Fahrerschulung. Anlage 7b der FeV schreibt dafür mindestens neun Unterrichtseinheiten zu je 90 Minuten vor — davon mindestens vier Einheiten Theorie und mindestens fünf Einheiten praktische Übungen. Die Schlüsselzahl gilt nur in Deutschland und wird in den Führerschein eingetragen.
Für uns als Reifenhändler hat das eine konkrete Folge: Ein wachsender Teil der 125er-Fahrerinnen und -Fahrer kommt aus dem Auto und kauft zum ersten Mal Motorradreifen. Und die funktionieren in mehreren Punkten anders, als man es vom Pkw kennt — angefangen bei der schlichten Tatsache, dass Vorder- und Hinterrad nicht denselben Reifen bekommen.
Fünf Größen, 194 Angebote
Für diesen Beitrag haben wir fünf 17-Zoll-Größen ausgewertet, die auf Leichtkrafträdern verbreitet sind. So verteilt sich das Angebot:
- 90/80-17 — 6 Angebote von 4 Marken, 59,40 € bis 169,70 € (Median 62,90 €)
- 100/80-17 — 31 Angebote von 12 Marken, 55,80 € bis 247,90 € (Median 81,90 €)
- 110/70-17 — 76 Angebote von 12 Marken, 55,30 € bis 332,00 € (Median 102,10 €)
- 130/70-17 — 33 Angebote von 13 Marken, 68,90 € bis 321,60 € (Median 100,00 €)
- 140/70-17 — 48 Angebote von 10 Marken, 70,90 € bis 781,60 € (Median 128,50 €)
Auffällig ist das Gefälle: Die vordere Größe 110/70-17 hat mit 76 Angeboten die größte Auswahl, die schmale 90/80-17 mit sechs Angeboten die kleinste. Wer eine der Randgrößen fährt, sollte deshalb früher bestellen und nicht erst, wenn das Profil schon an der Verschleißgrenze steht.
Ebenso aufschlussreich ist die Spannweite innerhalb ein und derselben Größe. In 110/70-17 reicht das Feld von 55,30 € bis 332,00 € — der teuerste Reifen kostet also das Sechsfache des günstigsten, obwohl beide an dasselbe Vorderrad passen. In 140/70-17 ist der Abstand mit 70,90 € bis 781,60 € noch größer. Solche Zahlen entstehen nicht durch Willkür, sondern weil in derselben Größe drei völlig verschiedene Welten nebeneinanderliegen: preiswerte Serienreifen für den Alltag, sportliche Straßenreifen und reine Rennstreckenware. Wer das Sortiment nach Preis sortiert und oben oder unten blind zugreift, landet leicht im falschen Segment. Die folgenden Abschnitte zeigen, an welchen Kennzeichen Sie die drei Welten sicher auseinanderhalten.
Welche Größe an Ihrem Motorrad zulässig ist, entscheidet nicht dieser Beitrag, sondern Ihre Fahrzeugpapiere. In der Zulassungsbescheinigung Teil I stehen die Reifengrößen in den Feldern 15.1 und 15.2; die Bedienungsanleitung nennt zusätzlich die vom Hersteller freigegebenen Kombinationen. Weichen Sie davon ab, brauchen Sie eine Unbedenklichkeitsbescheinigung des Reifenherstellers. Wie Sie die komplette Kennzeichnung auf der Flanke Zeichen für Zeichen entziffern, erklären wir ausführlich im Beitrag Motorradreifen-Größe lesen.
Vorne und hinten ist nicht derselbe Reifen
Das ist der Punkt, an dem Umsteiger aus dem Auto am häufigsten danebengreifen. Beim Pkw kauft man vier gleiche Reifen. Beim Motorrad gibt es denselben Modellnamen in derselben Größe als Vorder- und als Hinterradreifen — mit unterschiedlichem Profil, unterschiedlicher Gummimischung und unterschiedlichem Preis.
Ein Beispiel aus unserem Bestand: Der Pirelli Angel City in 100/80-17 52S kostet als Vorderradreifen 63,30 € und als Hinterradreifen 74,60 €. Gleicher Name, gleiche Größe, gleiche Kennung — zwei verschiedene Artikel. Wer zweimal denselben Artikel bestellt, hat am Ende zwei Vorderreifen im Karton.
Dazu kommt die Mischung. Bei sportlichen Modellen führen die Hersteller dieselbe Größe in mehreren Compounds. Der Pirelli Diablo SuperCorsa V3 in 110/70 ZR17 54W liegt bei uns dreimal im Regal: als SC1 für 147,20 €, als SP-Ausführung für 268,60 € und als SC3 für 332,00 €. Das ist kein Preisfehler, sondern sind drei verschiedene Gummimischungen für drei verschiedene Einsatzzwecke.
Der Grund für die Unterscheidung ist einfach: Vorder- und Hinterrad haben am Motorrad grundverschiedene Aufgaben. Der Vorderreifen führt das Fahrzeug, überträgt den größten Teil der Bremskraft und muss präzise Rückmeldung über den Haftungszustand geben. Der Hinterreifen bringt die Antriebskraft auf die Straße und trägt den größeren Teil von Fahrer- und Gepäckgewicht. Deshalb ist er breiter, hat meist eine härtere Mittelzone gegen den Verschleiß und ein anders geschnittenes Profil zur Wasserableitung. Ein Vorderreifen auf der Hinterachse wäre nicht nur unzulässig, sondern auch in kurzer Zeit verschlissen.
Praktische Konsequenz: Verlassen Sie sich beim Kauf nie allein auf den Modellnamen. Prüfen Sie auf der Produktseite die Angaben Front beziehungsweise Rear — und bestellen Sie bewusst zwei unterschiedliche Artikel, wenn Sie einen ganzen Satz brauchen.
Bindestrich, B, R oder ZR — und warum die Hälfte noch Diagonal ist
Mitten in der Größenangabe steht ein Zeichen, das die Bauart des Reifens verrät. Michelin erklärt die vier Varianten in seinem Ratgeber zur Motorrad-Reifengröße so: Ein Bindestrich steht für den Diagonalreifen, ein B für den Diagonal-Gürtelreifen, ein R für den Radialreifen. Die Kennzeichnung ZR bezieht sich auf Radialreifen, die für besonders hohe Geschwindigkeiten ausgelegt sind.
In unserer Auswertung ergibt sich ein Bild, das viele überraschen dürfte:
- Diagonal (Bindestrich): 100 Angebote — 51,5 %
- Radial (R): 51 Angebote — 26,3 %
- Radial für hohe Geschwindigkeiten (ZR): 39 Angebote — 20,1 %
- Diagonal-Gürtel (B): 3 Angebote — 1,5 %
Während im Pkw-Bereich der Diagonalreifen praktisch verschwunden ist, stellt er in den 125er-Größen noch immer gut die Hälfte des Angebots. Das ist kein Rückstand, sondern passt zum Fahrzeug: Diagonalreifen sind bei den hier üblichen Geschwindigkeiten und Gewichten gut beherrschbar, oft langlebig — und deutlich günstiger. Der Medianpreis liegt bei den Diagonalreifen bei 84,10 €, bei den Radialreifen bei 133,00 €.
Wichtig ist nur: Bauarten werden nicht gemischt. Vorne Diagonal und hinten Radial ist keine Frage des Geschmacks, sondern der Freigabe — was zulässig ist, steht in den Papieren beziehungsweise in der Herstellerfreigabe.
Last- und Geschwindigkeitsindex: was die Kennung wirklich zusagt
Hinter der Größe folgen eine Zahl und ein Buchstabe, etwa 54S. Die Zahl ist der Tragfähigkeitsindex, der Buchstabe der Geschwindigkeitsindex. Beide Werte haben wir für unseren Bestand direkt von den Produktseiten abgelesen, statt sie aus einer Tabelle zu übernehmen:
- 46 — maximal 170 kg je Reifen (6 Angebote)
- 52 — maximal 200 kg je Reifen (31 Angebote)
- 54 — maximal 212 kg je Reifen (73 Angebote)
- 62 — maximal 265 kg je Reifen (33 Angebote)
- 66 — maximal 300 kg je Reifen (45 Angebote)
Beim Geschwindigkeitsindex verteilt sich das Angebot auf sieben Klassen: H (210 km/h) mit 96 Angeboten, W (270 km/h) mit 39, S (180 km/h) mit 36, V (240 km/h) mit 9, R (170 km/h) mit 5, L (120 km/h) mit 2 und P (150 km/h) mit einem einzigen Angebot.
Die Grundregel lautet: Der montierte Reifen muss die in den Papieren geforderten Werte mindestens erreichen — darunter ist er unzulässig. Nach oben ist dagegen viel Luft, und genau daraus entsteht das nächste Thema. Denn eine 125er ist auf 11 kW begrenzt und erreicht je nach Modell rund 100 bis 120 km/h. Ein Reifen, der für 270 km/h freigegeben ist, hält an einem solchen Motorrad eine Reserve vor, die im Alltag schlicht nie abgerufen wird.
Warum Sie für Tempo 270 nichts zahlen sollten
Diese Reserve ist nicht gratis. Wir haben für jede Geschwindigkeitsklasse den Medianpreis in den 125er-Größen berechnet:
- S (180 km/h): 72,70 €
- H (210 km/h): 102,30 €
- W (270 km/h): 135,30 €
- V (240 km/h): 211,40 €
Zwischen der S- und der W-Klasse liegt beim Median fast der doppelte Preis — für eine Höchstgeschwindigkeitsfreigabe, die ein Leichtkraftrad prinzipbedingt nie ausnutzen kann. Der Aufpreis erklärt sich technisch durchaus: Hochgeschwindigkeitsreifen bekommen andere Karkassen und weichere Mischungen, was Grip bringt, aber auch schneller verschleißt.
Für die allermeisten 125er-Fahrten — Pendeln, Stadt, Landstraße — ist das der falsche Kompromiss. Ein Reifen der S- oder H-Klasse hält länger, kostet weniger und bietet die Reserve, die tatsächlich gebraucht wird. Günstige, straßenzugelassene Beispiele mit Index aus unserem Bestand: der Maxxis M6102 110/70-17 54H für 55,30 €, der Continental Road 110/70-17 54S für 65,10 € und für die Hinterachse der Avon Streetrunner AV83 130/70-17 62S für 68,90 €.
Dazu kommt ein Effekt, den viele beim Preisvergleich übersehen: Die weicheren Mischungen der schnellen Klassen bauen bei niedrigen Temperaturen und im gemütlichen Betrieb kaum Wärme auf. Sie erreichen ihr optimales Arbeitsfenster im Alltag also selten — der teurere Reifen liefert dann ausgerechnet dort weniger Grip, wo er gebraucht wird. Ein für den Alltag ausgelegter Reifen der S- oder H-Klasse ist bei zügiger Landstraßenfahrt mit 15 PS in aller Regel die sicherere und zugleich günstigere Wahl.
Entscheidend bleibt: Der Index muss die Vorgabe aus den Papieren erfüllen. Ist dort ein höherer Wert eingetragen, gilt dieser — sparen Sie dann an anderer Stelle, nicht an der Kennung.
Sechs Reifen im Regal gehören nicht auf die Straße
Beim Auszählen ist uns eine Auffälligkeit begegnet, die für Einsteiger wirklich relevant ist. Sechs der 194 Angebote tragen im Namen kein Zahlen-Buchstaben-Paar — bei ihnen fehlen Last- und Geschwindigkeitsindex vollständig. Alle sechs haben stattdessen dasselbe Kürzel im Namen: NHS.
NHS steht für „Not for Highway Service". Michelin formuliert im oben verlinkten Ratgeber unmissverständlich: „Wettkampfreifen tragen in der Regel die Abkürzung NHS (Not for Highway Service). Dies bedeutet, dass diese Reifen nicht für den Straßenverkehr zugelassen sind." Es handelt sich also um reine Rennstreckenreifen. Dass ausgerechnet ihnen der Geschwindigkeitsindex fehlt, ist kein Zufall, sondern Teil desselben Sachverhalts.
Konkret sind das in unseren 125er-Größen ein Dunlop KR 109 MS 1 RACE, ein Pirelli Diablo Rain, zwei Pirelli Diablo SuperBike, ein Pirelli Diablo Race SCR1 — zu Preisen zwischen 110,50 € und 260,60 €. Sie stehen völlig legal im Sortiment, denn für Trackdays und den Rennsport werden sie gebraucht. Nur eben nicht für den Weg zur Arbeit.
Die Faustregel ist so einfach wie belastbar: Steht am Ende der Bezeichnung kein Index wie 54S oder 62H, sondern NHS, ist der Reifen für die Straße tabu. Wer unsicher ist, findet die vollständige Auswahl mit allen Kennungen unter Motorradreifen für die Straße und für die häufigste Vordergröße unter 110/70 R17.
Häufige Fragen
Darf ich vorne und hinten verschiedene Marken mischen?
Grundsätzlich schreibt der Gesetzgeber keine Markengleichheit vor, aber die Freigabe des Fahrzeugherstellers ist maßgeblich. Viele Hersteller geben ausdrücklich Reifenkombinationen frei — also ein bestimmtes Vorderrad-Modell zusammen mit einem bestimmten Hinterrad-Modell. Steht Ihre Wunschkombination nicht in den Papieren oder der Bedienungsanleitung, brauchen Sie eine Unbedenklichkeitsbescheinigung des Reifenherstellers. Nicht gemischt werden dürfen außerdem die Bauarten: vorne Diagonal und hinten Radial ist nur zulässig, wenn es ausdrücklich freigegeben ist.
Muss der Geschwindigkeitsindex zur Höchstgeschwindigkeit meiner 125er passen?
Er muss den in den Fahrzeugpapieren geforderten Wert mindestens erreichen. Ein höherer Index ist zulässig, bringt an einem auf 11 kW begrenzten Leichtkraftrad aber keinen Sicherheitsgewinn — er kostet nach unserer Auswertung im Median jedoch bis zum Doppelten. Ein niedrigerer Index als gefordert ist dagegen unzulässig, selbst wenn das Motorrad die Geschwindigkeit gar nicht erreicht.
Diagonal oder Radial — was passt besser zur 125er?
Das entscheidet nicht die Vorliebe, sondern die Freigabe für Ihr Modell. Ist beides zulässig, gilt als Orientierung: Diagonalreifen sind in diesen Größen günstiger (Median 84,10 € gegenüber 133,00 €) und häufig verschleißfester, Radialreifen bieten mehr Rückmeldung bei sportlicher Fahrweise. Für den Alltagsbetrieb einer 125er ist der Diagonalreifen in aller Regel die wirtschaftlichere Wahl. Ob Sie einen Schlauch benötigen, verrät zusätzlich die Kennung TT oder TL — das erklären wir im Beitrag Motorrad-Schläuche richtig wählen.
Alle Preise, Stückzahlen und Verteilungen in diesem Beitrag beruhen auf einer eigenen Auszählung des lieferbaren Bestands von Reifentiefpreis.de am 20. Juli 2026 und können sich ändern. Wie alt ein Reifen beim Kauf sein darf, lesen Sie im Beitrag Reifenalter und DOT-Nummer.