Vier Räder, 700 Kilogramm Wucht: Reifen richtig im Auto transportieren
Vier Räder sind schnell eingeladen: Heckklappe auf, Rückbank umklappen, Reifen rein, los zur Werkstatt. Genau dieser Handgriff gehört zu den am meisten unterschätzten Risiken im Straßenverkehr. Ein Rad ist schwer, rund und rollt – und wenn es einmal in Bewegung ist, hält es im Innenraum nichts mehr auf. Der ADAC hat in einem Crashversuch nachgemessen, was dabei passiert: Vier ungesicherte Räder entwickeln beim Aufprall eine Wucht von rund 700 Kilogramm, und zwar genau in die Richtung, in der die Kopfstützen und damit die Köpfe der Insassen sitzen.
Die gute Nachricht: Der Aufwand für eine ordentliche Sicherung liegt bei wenigen Minuten und einem Satz Zurrgurte für kleines Geld. Dieser Beitrag zeigt, was beim Transport physikalisch passiert, was die Straßenverkehrs-Ordnung verlangt, was ein Verstoß kostet – und wie Sie einen kompletten Radsatz so verstauen, dass er im Ernstfall dort bleibt, wo Sie ihn hingelegt haben.
Warum vier Räder etwas anderes sind als vier Kisten Wasser
Getränkekisten stehen formstabil auf dem Kofferraumboden, verhaken sich gegenseitig und haben eine griffige Unterseite. Ein Rad hat all das nicht. Es ist rund, es rollt in jede Richtung, seine Lauffläche gleitet auf glattem Kofferraumteppich oder auf einer Kunststoff-Laderaumwanne erstaunlich leicht – und gestapelte Räder rutschen zusätzlich übereinander weg. Ein Radsatz ist damit die unangenehmste Kombination, die man in einen Innenraum legen kann: viel Masse, wenig Reibung, keine Formstabilität nach vorn.
Entscheidend ist aber nicht das Gewicht im Stand, sondern das, was bei einer Verzögerung daraus wird. Der ADAC beziffert das in seiner Meldung zum Crashversuch so: Bei einem Aufprall vervielfacht sich das Gewicht der Reifen kurzzeitig um das 30- bis 50-Fache. Aus einem Rad von 15 Kilogramm werden damit rechnerisch rund 600 Kilogramm, die nach vorn drücken – aus einem ganzen Satz die eingangs genannten 700 Kilogramm (Quelle: ADAC).
Kompletträder wiegen mehr als lose Reifen. Wer nur die abgezogenen Reifen ohne Felge transportiert, hat es leichter – buchstäblich. Ein montiertes Rad bringt Felge, Reifen und gegebenenfalls den RDKS-Sensor zusammen auf die Waage und ist außerdem sperriger. Und der Trend hilft nicht: Räder werden seit Jahren größer und schwerer, besonders an SUV und Vans. Der ADAC weist selbst darauf hin, dass sich solche Räder oft kaum noch transportieren lassen, ohne die Sitze umzuklappen – was das Problem, wie Sie gleich sehen, eher vergrößert als löst.
Der Crashversuch: 95 Millisekunden bis zur Kopfstütze
Der ADAC hat für den Versuch zwei baugleiche VW Golf V mit 50 km/h gegen eine starre Barriere fahren lassen – einmal mit ungesicherten, einmal mit ordentlich verzurrten Rädern im Fahrzeug. Der zeitliche Ablauf im ungesicherten Fahrzeug ist ernüchternd kurz: Nach rund 50 Millisekunden kommen die Räder ins Rutschen. Nach etwa 95 Millisekunden schlägt das unten liegende Rad gegen den Fahrersitz, während das obere wie ein Projektil nach vorn fliegt, eine Spur am Dachhimmel hinterlässt und mit voller Wucht auf die Kopfstütze trifft. Diese wird gegen den Kopf des Fahrers gedrückt und aus der Verankerung gerissen. Schwere Verletzungen an Kopf und Oberkörper sind die Folge; in extremen Fällen kann ein Rad sogar durch die Windschutzscheibe geschleudert werden.
Im zweiten Versuch wurden drei Räder bei aufrecht stehender Rücksitzlehne im Kofferraum verstaut und mit Spanngurten verzurrt, das vierte Rad stehend hinter der Beifahrersitzlehne in den hinteren Fußraum geklemmt. Auch hier wirkten enorme Kräfte: Die Rücksitzlehne wurde stark verformt, ein Gurt riss. Das Ergebnis für die vorderen Plätze war trotzdem ein völlig anderes – Fahrer und Beifahrer hätten laut ADAC durch die so transportierten Räder keine zusätzlichen Verletzungen davongetragen. Wichtig ist die zweite Hälfte dieses Befunds: Die Rücksitzplätze waren dabei nicht sicher. Wer Räder transportiert, sollte hinten niemanden mitfahren lassen.
Und man braucht für die Gefahr nicht einmal einen Unfall. Schon bei einer Vollbremsung kommt die Ladung nach ADAC-Angaben gefährlich ins Rutschen und fliegt gegen die Vordersitze. Ein Ausweichtest bei 90 km/h brachte die Räder zwar kaum in Bewegung, doch seitliches Verrutschen mit Schäden an der Innenverkleidung ist auch dabei nicht ausgeschlossen (Quelle: ADAC-Ratgeber zum Reifentransport).
Was die StVO verlangt – und was ein Verstoß kostet
Ladungssicherung ist in Deutschland keine Empfehlung, sondern Vorschrift, und sie gilt für den Kleinwagen genauso wie für den Lkw. Paragraf 22 Absatz 1 der Straßenverkehrs-Ordnung formuliert es unmissverständlich: Ladung ist „so zu verstauen und zu sichern, dass sie selbst bei Vollbremsung oder plötzlicher Ausweichbewegung nicht verrutschen, umfallen, hin- und herrollen, herabfallen oder vermeidbaren Lärm erzeugen können. Dabei sind die anerkannten Regeln der Technik zu beachten" (Quelle: § 22 StVO, gesetze-im-internet.de).
Der Maßstab ist damit ausdrücklich nicht die normale Fahrt, sondern der Ausnahmefall: Vollbremsung und plötzliches Ausweichen. Genau daran scheitert der lose Radsatz. Dazu kommt Paragraf 23 Absatz 1 StVO, wonach die fahrzeugführende Person dafür verantwortlich ist, dass „seine Sicht und das Gehör nicht durch die Besetzung, Tiere, die Ladung, Geräte oder den Zustand des Fahrzeugs beeinträchtigt werden" – ein bis über die Lehnen gestapelter Radsatz kann also zusätzlich zum Sichtproblem werden (Quelle: § 23 StVO).
Preislich bewegt sich der Verstoß im Bereich eines spürbaren Bußgeldes: Für unzureichend gegen Herabfallen gesicherte Ladung nennt der Bußgeldkatalog 35 Euro, mit Gefährdung 60 Euro und einen Punkt in Flensburg, bei Sachbeschädigung 75 Euro und einen Punkt (Quelle: Bußgeldkatalog). Der ADAC spricht in seiner Meldung zum Reifentransport sogar von Bußgeldern bis zu 200 Euro plus Punkt. Der eigentliche Hebel ist ohnehin ein anderer: Kommt bei einem Unfall jemand durch die ungesicherte Ladung zu Schaden, steht laut ADAC im schlimmsten Fall der Vorwurf der fahrlässigen Körperverletzung oder Tötung im Raum. Gegen dieses Risiko ist ein Satz Zurrgurte eine sehr günstige Versicherung.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt allgemeine Informationen und ersetzt keine Rechtsberatung. Im konkreten Schadensfall wenden Sie sich bitte an einen Fachanwalt oder Ihren Automobilclub.
So sichern Sie einen Radsatz in wenigen Minuten
Das Prinzip heißt Formschluss: Die Ladung soll rundherum an festen Fahrzeugteilen anliegen, damit erst gar kein Anlauf entsteht. Was sich nicht formschlüssig verstauen lässt, wird zusätzlich niedergezurrt. So gehen Sie vor:
- Kofferraum leer räumen und die Rücksitzlehne aufrecht lassen. Die stehende Lehne ist die wichtigste Barriere zwischen Ladung und Insassen – im ADAC-Versuch war genau das die Grundlage des guten Ergebnisses.
- Räder flach hinlegen, das Schwerste nach unten und so weit vorn wie möglich. Schwere Ladung gehört tief in den Kofferraum oder in den hinteren Fußraum, nicht obenauf auf einen Stapel.
- Lücken schließen. Zwischen Rädern und Seitenwänden sollte möglichst kein Spielraum bleiben; kleinere Lücken lassen sich mit Decken oder Taschen ausfüllen. Eine Decke unter den Rädern schützt außerdem den Kofferraumteppich vor schwarzen Abriebspuren.
- Zurrgurte durch die Felgen führen und an den Verzurrösen im Kofferraumboden befestigen. Der ADAC empfiehlt, die Gurte durch die Radnaben zu fädeln, und verweist auf Gurte nach der Norm EN 12195. Die Gurtbänder müssen straff und gleichmäßig gespannt sein und dürfen nicht verdreht sein.
- Nach vorn abstützen. Ein zusätzliches Ladungssicherungsnetz wirkt nach ADAC-Angaben noch besser als Gurte allein. Als kostenlose Ergänzung lassen sich die Dreipunktgurte der hinteren Sitze diagonal in die jeweils gegenüberliegenden Gurtschlösser stecken – sie stützen die Lehne im Belastungsfall.
- Das vierte Rad unterbringen. Passt es nicht mehr flach in den Kofferraum, klemmen Sie es stehend hinter eine Vordersitzlehne in den hinteren Fußraum.
- Niemanden hinten mitnehmen und vor dem Losfahren einmal kräftig an der Ladung rütteln. Bewegt sich etwas, ist die Sicherung nicht fertig.
Wer den Radsatz ohnehin selbst wechselt, plant den Transport am besten gleich mit ein: Wie das Wechseln sauber und mit dem richtigen Drehmoment abläuft, steht in unserer Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Radwechsel.
Wenn nicht alle vier Räder passen
Der Reflex, einfach die Rückbank umzuklappen, macht den Transport nicht sicherer, sondern gefährlicher: Er nimmt der Ladung die stärkste Barriere und schafft eine durchgehende Bahn bis zu den Vordersitzen. Wenn der Kofferraum nicht reicht, ist die bessere Reihenfolge deshalb: so viele Räder wie möglich formschlüssig und verzurrt in den Kofferraum, die übrigen stehend hinter den Vordersitzen einklemmen – und lieber zweimal fahren als einmal überladen.
Bei großen Rädern von SUV, Van oder Transporter stößt diese Rechnung schnell an ihre Grenzen. Der ADAC zieht daraus eine klare Konsequenz: Lässt sich ein Radsatz nur transportieren, indem man die Sitze umklappt und den halben Innenraum vollpackt, ist es besser, die Räder in der Werkstatt einlagern zu lassen. Was ein solcher Service kostet und für wen er sich rechnet, haben wir im Beitrag Reifenhotel und Einlagerungsservice im Kostenvergleich aufgeschlüsselt. Wer selbst einlagert, findet Ort, Lage und Vorbereitung im ausführlichen Ratgeber zur richtigen Lagerung über die Saisonpause.
Ein letzter Punkt, der oft vergessen wird: Auch die kurze Fahrt zählt. Die StVO kennt keine Ausnahme für „nur einmal um die Ecke", und die meisten Vollbremsungen passieren nicht auf der Autobahn, sondern im Stadtverkehr – also genau auf dem Weg zur Werkstatt.
Der Transport, den Sie sich sparen können
Am sichersten ist die Fuhre, die gar nicht stattfindet. Neue Reifen müssen Sie nicht selbst durch die Gegend fahren: Wir liefern versandkostenfrei nach Hause (Einzelheiten unter Versandkosten und Lieferzeiten) – oder auf Wunsch direkt an eine Werkstatt in Ihrer Nähe, die die Räder gleich montiert. Passende Betriebe finden Sie über unsere Suche nach Montagestationen; wie Bestellung, Lieferung und Montage zusammenspielen, beschreibt der Ratgeber Reifen online bestellen Schritt für Schritt.
In der meistgefragten Größe unseres Shops, 205/55 R16, reicht die Auswahl vom günstigen Ganzjahresreifen bis zum Marken-Sommerreifen – zum Beispiel Nexen Nblue 4 Season 2 205/55 R16 94H oder Barum Bravuris 6 205/55 R16 91V. Alle lieferbaren Modelle dieser Dimension sehen Sie auf der Größenseite 205/55 R16.
Wer den Saisonwechsel dauerhaft vereinfachen will, fährt mit einem zweiten Satz Kompletträder am besten: Räder tauschen statt Reifen ummontieren spart Werkstattbesuche – und bleibt der zweite Satz gleich in der Einlagerung, entfällt der Transport ganz. Und falls Sie doch selbst fahren: Zurrgurte kosten wenige Euro, liegen platzsparend im Kofferraum und sind in fünf Minuten angelegt. Das ist der günstigste Sicherheitsgewinn, den ein Radwechsel zu bieten hat.
Häufige Fragen
Darf ich Räder einfach auf die umgeklappte Rückbank legen?
Erlaubt ist es nur, wenn die Ladung auch dann gesichert ist – und genau das ist bei umgeklappter Lehne besonders schwer. Paragraf 22 Absatz 1 StVO verlangt, dass nichts verrutschen, umfallen oder herumrollen kann, und zwar auch bei Vollbremsung. Ohne aufrechte Lehne, ohne Gurte und ohne Netz ist diese Bedingung praktisch nie erfüllt.
Welche Gurte eignen sich für einen Radsatz?
Der ADAC empfiehlt Zurrgurte nach der Norm EN 12195, durch die Radnaben gefädelt und an den Verzurrösen im Kofferraumboden befestigt. Ein zusätzliches Ladungssicherungsnetz wirkt noch besser. Einfache Gepäckspanner mit Haken sind kein Ersatz – sie sind für die Kräfte eines Aufpralls nicht ausgelegt.
Reicht es bei einer kurzen Fahrt zur Werkstatt nicht auch ohne Sicherung?
Nein. Die Vorschrift kennt keine Mindestentfernung, und die entscheidende Situation – eine Vollbremsung – tritt im Stadtverkehr sogar häufiger auf als auf langen Strecken. Auch das Bußgeld fällt unabhängig von der gefahrenen Strecke an.