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Branche & Markt

Seit 1997 im Reifengeschäft: Wie sich der Markt in über 25 Jahren verändert hat

· 7 Min. Lesezeit
Langer Lagergang eines Reifenhändlers mit gestapelten Reifen in Regalen (KI-generiert, OpenAI)
Langer Lagergang eines Reifenhändlers mit gestapelten Reifen in Regalen (KI-generiert, OpenAI)

Manche Geschichten erzählt man in unserer Branche lieber nicht – weil sie nicht ins Hochglanzbild passen. Wir machen es trotzdem. Reifentiefpreis.de ist seit 1997 dabei und hat miterlebt, wie sich der Reifenhandel von Grund auf verändert hat. Dieser Beitrag ist ein ehrlicher Rückblick aus Händlersicht – belegt mit echten Marktzahlen, ohne Jammern, aber auch ohne Schönfärberei.

Vom Tuning zum Reifen-Spezialisten

Angefangen hat bei uns alles 1997 – und zwar mit Autotuning. Tieferlegen, Felgen, Fahrwerk: Reifen waren am Anfang nur ein Teil davon. Mit der Zeit haben wir gemerkt, wo unsere Stärke liegt, und uns Schritt für Schritt voll auf Reifen, Felgen und Kompletträder konzentriert.

Der Reifen war dabei immer das ehrlichste Produkt im Sortiment: Jeder braucht ihn, und am Ende entscheidet er über Sicherheit – nicht über Optik. Die Entscheidung, Spezialist zu werden, war richtig. Einfach war sie nie.

Als das Internet den Preis gläsern machte

Früher kannte der Kunde genau einen Preis: den vom Händler um die Ecke. Das änderte sich um die Jahrtausendwende schlagartig. Am 15. Januar 2000 ging mit ReifenDirekt.de der erste Online-Reifenshop Deutschlands an den Start – gegründet von der Delticom AG, die schon im Jahr 2000 rund 7 Mio. € umsetzte und bis 2021 auf über 585 Mio. € wuchs (Quelle: Delticom).

Plötzlich war jeder Preis vergleichbar, jeder Cent öffentlich. Der Reifen wurde vom Beratungsprodukt zur Ware mit Schaufensterpreis. Interessant ist dabei eine Zahl, die viele überrascht: Der reine Online-Handel macht bis heute nur einen kleinen Teil des Marktes aus.

Nur 5,5 % des Reifenabsatzes liefen 2024 über den B2C-Onlinehandel – der Reifenfachhandel hält dagegen 71,3 %. (Quelle: Bundesverband Reifenhandel, BRV)

Balkendiagramm: Reifenabsatz in Deutschland 2024 nach Vertriebskanal – Fachhandel und Kfz-Werkstätten 71,3 Prozent, übrige Kanäle 23,2 Prozent, Online-Handel 5,5 Prozent (Quelle: BRV)
Balkendiagramm: Reifenabsatz in Deutschland 2024 nach Vertriebskanal – Fachhandel und Kfz-Werkstätten 71,3 Prozent, übrige Kanäle 23,2 Prozent, Online-Handel 5,5 Prozent (Quelle: BRV)

Daten: Bundesverband Reifenhandel (BRV), 2024.

Insgesamt wurden 2024 in Deutschland rund 47,5 Mio. Reifen im Ersatzgeschäft verkauft (Quelle: BRV). Der eigentliche Druck kam also nicht über die Online-Menge, sondern über die Preis-Transparenz: Sie zwang jeden Händler, online wie stationär, in einen Dauerwettbewerb um den günstigsten Preis. Wie Sie heute trotz Preisflut die wirklich passenden Reifen finden, haben wir in unserem Ratgeber Reifen online kaufen zusammengefasst.

Sichtbarkeit kostet: das Wettrennen um Google

Ein guter Preis nützt nichts, wenn niemand den Shop findet. Also kam ein neuer Dauerkampf dazu: Sichtbarkeit. Wochen und Monate fließen in Suchmaschinenoptimierung – man optimiert, Google ändert die Regeln, man fängt von vorne an.

Dazu kommt die bezahlte Werbung. Ganz oben in den Suchergebnissen stehen die Anzeigen, und die kosten bei jedem Klick Geld – egal, ob am Ende jemand kauft. Die Klickpreise sind über die Jahre deutlich gestiegen, weil der Wettbewerb um die oberen Plätze immer härter wird (Quelle: Statista).

Das ist die unbequeme Wahrheit, über die kaum jemand offen spricht: In diesem Spiel verdient am zuverlässigsten die Werbeplattform selbst. Wer mitspielen will, zahlt – und der Preisdruck am Markt lässt dafür immer weniger Luft.

Wenn 9 von 10 Besuchern keine Menschen sind

Was kaum jemand außerhalb der Branche weiß: Ein Online-Shop wird rund um die Uhr von automatisierten Programmen angesteuert, die Schwachstellen suchen, Formulare missbrauchen und Server belasten.

2024 war erstmals mehr als die Hälfte (51 %) des weltweiten Web-Traffics automatisiert – 37 % entfielen auf bösartige Bots. (Quelle: Imperva Bad Bot Report 2025)

Gestapelter Balken: Anteil am weltweiten Web-Traffic 2024 – 49 Prozent menschlicher Traffic, 14 Prozent gute Bots, 37 Prozent bösartige Bots, zusammen 51 Prozent Bots (Quelle: Imperva)
Gestapelter Balken: Anteil am weltweiten Web-Traffic 2024 – 49 Prozent menschlicher Traffic, 14 Prozent gute Bots, 37 Prozent bösartige Bots, zusammen 51 Prozent Bots (Quelle: Imperva)

Daten: Imperva Bad Bot Report 2025.

Das ist der weltweite Schnitt (Quelle: Imperva). Bei einem kleinen, spezialisierten Shop wie unserem liegt der Bot-Anteil in Spitzen sogar bei rund 90 % – neun von zehn Zugriffen kommen dann nicht von Kunden, sondern von Maschinen. Befeuert wird das laut Imperva zusätzlich durch KI, die das Bauen solcher Bots stark vereinfacht hat. Dagegen anzukommen kostet Technik, Geld und Nerven – im Hintergrund, ohne dass ein Kunde je etwas davon merken soll.

Drei Bewertungen, die schwerer wiegen als tausend zufriedene Kunden

Jetzt der Teil, der an die Substanz geht. Wir haben sehr viele zufriedene Kunden. Aber so funktioniert das Netz nicht: Wer zufrieden ist, fährt weiter. Wer sich ärgert, schreibt. Und Bewertungen wiegen schwer.

Bis zu 84 % der Verbraucher nutzen Online-Bewertungen als Informationsquelle – in jedem zweiten Fall sind sie direkt kaufentscheidend. (Quelle: Statista)

So können drei verärgerte Stimmen online mehr Gewicht entfalten als tausend stille, zufriedene Kunden (Quelle: Statista). Darauf muss man reagieren, klären, geradebiegen – das ist auch richtig so. Ehrlich ist aber: Neben dem ständigen Preisdruck fehlt einem kleinen Betrieb dafür oft schlicht die Zeit, jedes Portal so zu pflegen, wie es nötig wäre.

Steigende Kosten, schrumpfende Margen

Während die Preise online gedrückt werden, steigen die Kosten auf der Einkaufsseite. Reifen bestehen zu großen Teilen aus Kautschuk – und der ist teuer geworden.

Die Rohstoffe für die Kautschukverarbeitung lagen 2024 rund 40 % über dem Niveau von vor Corona (2018/19); Naturkautschuk erreichte ein Sieben-Jahres-Hoch. (Quelle: WDK / Gummibereifung)

Naturkautschuk macht 30–40 % der Materialkosten eines Reifens aus und reagiert empfindlich auf Wetterextreme in den Anbauregionen Thailand, Indonesien und Malaysia (Quelle: Gummibereifung). Steigende Produktionskosten geben die Hersteller an Handel und Verbraucher weiter – während der Online-Preiskampf gleichzeitig nach unten zieht. Genau in dieser Zange steckt der Handel.

Weniger Betriebe, fehlende Fachkräfte

Dieser Druck hat Folgen für die ganze Branche. Die Zahl der Kfz-Betriebe in Deutschland sinkt seit Jahrzehnten:

Von 57.070 Betrieben im Spitzenjahr 1995 auf rund 36.580 im Jahr 2020. (Quelle: ZDK / Hans-Böckler-Stiftung)

Säulendiagramm: Anzahl der Kfz-Betriebe in Deutschland – 1995 rund 57.070, 2010 rund 38.050, 2020 rund 36.580, ein Rückgang von etwa 36 Prozent (Quelle: ZDK / Hans-Böckler-Stiftung)
Säulendiagramm: Anzahl der Kfz-Betriebe in Deutschland – 1995 rund 57.070, 2010 rund 38.050, 2020 rund 36.580, ein Rückgang von etwa 36 Prozent (Quelle: ZDK / Hans-Böckler-Stiftung)

Daten: ZDK / Hans-Böckler-Stiftung.

Gleichzeitig fehlt der Nachwuchs: Mehr als jeder zweite Kfz-Betrieb sieht seine Existenz durch den Fachkräftemangel bedroht (Quelle: Hans-Böckler-Stiftung, Branchenanalyse). Deshalb spielen wir nebenbei auch Ausbilder und geben das Wissen aus über zwei Jahrzehnten an die nächste Generation weiter. Das kostet zusätzlich Zeit, die der Tag eigentlich nicht hergibt. Und es ist trotzdem das Richtige: Dieses Handwerk verschwindet nicht von allein in die nächste Generation.

Und dann ist da noch der Versand

Zum Schluss das Thema, über das man fast lachen muss, weil es so absurd ist: der Versand. Reifen sind sperrig, schwer – und vor allem rund. Runde Pakete mögen Paketdienste nicht: Sie liegen nicht sauber auf dem Förderband, sie rollen. Einen Dienstleister zu finden, der Reifen zuverlässig und zu fairen Konditionen verschickt, ist ein echtes Dauerthema. Klingt nach einer Kleinigkeit – im Alltag ist es ein ständiges Ärgernis.

Was die Zukunft bringt: E-Autos, Euro 7 und der Reifen von morgen

Die nächsten Herausforderungen stehen schon vor der Tür – und sie sind groß.

Elektroautos verändern die Anforderungen an den Reifen grundlegend. E-Autos sind durch die Batterie rund 20–30 % schwerer, ihr sofort anliegendes Drehmoment belastet die Lauffläche zusätzlich. Studien gehen von bis zu 50 % schnellerem Verschleiß gegenüber Verbrennern aus (Quelle: firmenauto.de). Worauf es bei Reifen für Stromer ankommt, lesen Sie im Ratgeber E-Auto-Reifen.

Euro 7 bringt erstmals Grenzwerte für den Reifenabrieb: Ab Juli 2028 gelten für Pkw-Reifen feste Vorgaben (PM10) – 3 mg/km für reine E-Autos, 7 mg/km für andere Antriebe (Quelle: AutoServicePraxis). Die Hersteller reagieren mit neuen Gummimischungen; Pirelli etwa verspricht mit seiner ELECT-Reihe bis zu 20 % weniger Verschleiß. Der Zielkonflikt bleibt: Härtere Mischungen mindern den Abrieb, können aber den Bremsweg verlängern.

Für den Handel heißt das: noch mehr Größen, noch mehr Spezialwissen, noch mehr Beratung – bei weiter dünnen Margen. Wir sehen das als Chance: Genau diese Beratung kann ein anonymer Preisvergleich nicht leisten.

Was sich nie geändert hat

In über 25 Jahren hat sich fast alles verändert: der Vertrieb, der Preis, die Technik, der Wettbewerb. Eine Sache ist aber genau gleich geblieben wie 1997:

Der Reifen ist das Einzige, was Ihr Auto mit der Straße verbindet – vier Kontaktflächen, jede etwa so groß wie eine Handfläche, entscheiden über Ihre Sicherheit.

Daran hat kein Algorithmus und kein Preiskampf etwas geändert. Und genau deshalb machen wir weiter. Passende Reifen für jedes Fahrzeug finden Sie in unserem Reifen-Shop – mit Beratung, die über den reinen Preis hinausgeht.

Häufige Fragen

Wie groß ist der Online-Anteil im deutschen Reifenmarkt?

Kleiner als oft vermutet: 2024 lief nur rund 5,5 % des Reifenabsatzes über den reinen B2C-Onlinehandel, während der Reifenfachhandel 71,3 % hielt (Quelle: BRV). Den größten Effekt hat das Internet über die Preistransparenz, nicht über die Online-Menge.

Warum sind Reifen in den letzten Jahren teurer geworden?

Vor allem wegen gestiegener Rohstoffkosten: Die Rohstoffe für die Kautschukverarbeitung lagen 2024 rund 40 % über dem Vor-Corona-Niveau (Quelle: WDK). Diese Kosten geben die Hersteller weiter.

Brauchen Elektroautos spezielle Reifen?

Nicht zwingend, aber E-Autos stellen höhere Anforderungen (Gewicht, Drehmoment, Rollwiderstand) und verschleißen Reifen schneller. Ab Juli 2028 regelt zudem die Euro-7-Norm den Reifenabrieb (Quelle: AutoServicePraxis).

Schlagwörter: Reifenmarkt Reifenhandel Branche Online-Handel Zukunft

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