Umfrage: Abgefahrene Reifen sind die größte Wintergefahr – fast jeder Zweite fuhr trotzdem damit
Wenn man deutsche Autofahrer fragt, was ihnen im Winter am gefährlichsten erscheint, fällt die Antwort anders aus als erwartet. Nicht die spiegelglatte Fahrbahn steht ganz oben, nicht der Schneesturm auf der Autobahn — sondern der Zustand der eigenen Reifen. Das ist das auffälligste Ergebnis einer Umfrage, die Bridgestone im August 2026 unter 892 Personen ab 18 Jahren durchgeführt und am 25. August veröffentlicht hat (Quelle: Bridgestone Pressemitteilung; Meldung dazu bei Reifenpresse.de).
Interessant ist die Umfrage aber weniger wegen dieses einen Befunds, sondern wegen des Widerspruchs, der eine Frage später auftaucht. Denn dieselben Menschen, die abgefahrene Reifen für das größte Winterrisiko halten, geben zu ganz erheblichen Teilen an, genau damit schon einmal im Schnee gefahren zu sein. Wir haben uns die Zahlen angesehen, sie eingeordnet — und dazugeschrieben, was die Umfrage nicht beantwortet.
Was diese Umfrage ist — und was sie nicht ist
Bevor wir Zahlen zitieren, gehört die Einordnung an den Anfang, denn sie entscheidet darüber, wie viel Gewicht die Ergebnisse tragen. Es handelt sich um eine Erhebung des Herstellers selbst, nicht um eine Studie einer Prüforganisation wie ADAC, GTÜ oder DEKRA. Bridgestone nennt in der Fußnote der Pressemitteilung Zeitraum (August 2026), Zielgruppe (Personen ab 18 Jahren) und Stichprobengröße (892 Befragte) — ein durchführendes Institut, ein Erhebungsverfahren oder eine ausgewiesene Repräsentativität für die deutsche Bevölkerung nennt er nicht.
Dazu kommt: Alle Angaben sind Selbstauskünfte. Wer angibt, sein Profil zweimal im Jahr zu prüfen, hat es deshalb nicht zwingend getan; wer angibt, aus Kostengründen keinen Reifenkauf zu verschieben, steht dabei nicht an der Kasse. Und der Fragebogen enthält erkennbar Fragen, an denen ein Premiumhersteller geschäftliches Interesse hat — etwa die nach den Argumenten für einen Premiumreifen. Das macht die Umfrage nicht wertlos, es macht sie zu dem, was sie ist: ein Stimmungsbild mit klar benennbarem Absender.
Wir behandeln die Zahlen deshalb so, wie wir es bei jeder Herstellerangabe tun. Sie werden zitiert, sie werden zugeordnet, und sie werden dort, wo es um Sicherheit geht, gegen unabhängige Quellen gestellt. Genau das ist bei diesem Thema möglich, denn zur Profiltiefe gibt es sowohl eine gesetzliche Vorgabe als auch eine unabhängige Empfehlung.
Die größte Gefahr steht in der eigenen Garage
Nun zu den Ergebnissen. Auf die Frage nach dem größten Risiko beim Autofahren im Winter nennt mehr als jeder Dritte (36,5 Prozent) abgefahrene Reifen beziehungsweise eine zu geringe Profiltiefe. Erst danach folgen vereiste Straßen mit 28,3 Prozent und Sommerreifen im Winter mit 21,5 Prozent.
Das ist bemerkenswert, weil es der üblichen Wahrnehmung widerspricht. Winterliche Gefahr wird normalerweise mit dem Wetter verbunden — mit Blitzeis, mit Schneefall, mit Bildern von Autos im Straßengraben. Die Befragten verorten das Risiko dagegen näher bei sich selbst: nicht in der Straße, sondern im Fahrzeug. Aus technischer Sicht ist das die richtige Perspektive. Die Fahrbahn kann niemand ändern, die vier Kontaktflächen zu ihr schon — und über diese wenigen Quadratzentimeter je Rad läuft jede Brems-, Lenk- und Antriebskraft, die das Auto überhaupt aufbringen kann.
Auch beim eigenen Fahrverhalten zeigt sich diese Sensibilität. 34,2 Prozent geben an, im Winter wegen ihrer Reifen langsamer zu fahren, 37,0 Prozent vergrößern den Sicherheitsabstand, und 11,4 Prozent verzichten bei starkem Winterwetter möglichst ganz auf Autofahrten. Ein erheblicher Teil der Befragten passt sein Verhalten also bewusst an die Bereifung an, statt umgekehrt der Bereifung eine Fahrweise zuzumuten, für die sie nicht ausgelegt ist. Das ist im Grunde genau die Reihenfolge, die auch jeder Fahrsicherheitstrainer empfehlen würde.
Zwischen Einsicht und Fahrpraxis klafft eine Lücke
Der eigentliche Befund der Umfrage steht allerdings ein paar Zeilen weiter, und er relativiert das schöne Bild. 44,3 Prozent der Befragten geben an, schon einmal mit ungeeigneten Reifen bei Schnee unterwegs gewesen zu sein. Fast die Hälfte also — bei einer Gruppe, die dasselbe Problem kurz zuvor zur größten Wintergefahr erklärt hat.
Diese Lücke zwischen Einsicht und Praxis ist der interessanteste Teil der Erhebung, weil sie erklärt, warum Aufklärung allein wenig bewirkt. Das Wissen ist offensichtlich vorhanden. Was fehlt, ist der Zeitpunkt, an dem aus dem Wissen eine Entscheidung wird. Und genau dieser Zeitpunkt liegt in der Praxis fast nie im November, sondern deutlich früher — nämlich dann, wenn der Radsatz noch im Lager liegt und man ohne Zeitdruck feststellen kann, dass er die Saison nicht mehr trägt.
Die Kontrollgewohnheiten deuten in dieselbe Richtung. 48,9 Prozent prüfen Zustand und Profiltiefe bei jedem Reifenwechsel, also zweimal im Jahr, 41,1 Prozent kontrollieren mehrmals pro Saison — zusammen also neun von zehn Befragten. Nur 10 Prozent werden erst aktiv, wenn ihnen beim Fahren etwas Ungewöhnliches auffällt. Auf dem Papier ist das ein sehr guter Wert. Er passt nur nicht recht zu den 44,3 Prozent, die trotzdem schon einmal falsch bereift im Schnee standen.
Eine plausible Erklärung für diesen Widerspruch: Geprüft wird durchaus — aber die Prüfung endet zu oft mit dem Ergebnis „reicht noch". Sie scheitert also nicht an der Häufigkeit, sondern am Maßstab. Was „reicht" überhaupt heißt, ist damit die entscheidende Frage, und genau die stellt die Umfrage nicht.
Praktischer Anschluss: Wie so eine Kontrolle konkret abläuft und warum ein Winterradsatz in der Praxis häufiger am Alter als am Profil scheitert, haben wir in einem eigenen Ratgeber zum Prüfen der Winterräder vor der Montage beschrieben.
Was „reicht noch" tatsächlich bedeutet
Hier hilft die Umfrage nicht weiter, denn sie fragt nach Wahrnehmung, nicht nach Millimetern. Die Zahlen dazu kommen aus zwei unabhängigen Richtungen, und sie liegen weit auseinander.
Die gesetzliche Grenze liegt bei 1,6 Millimetern. § 36 StVZO verlangt, dass das Hauptprofil am ganzen Umfang eine Profiltiefe von mindestens 1,6 Millimetern aufweist. Wer darunter liegt, fährt nicht nur unsicher, sondern schlicht ordnungswidrig — mit allen Folgen für Bußgeld, Hauptuntersuchung und im Schadensfall für die Frage, wer haftet.
Die sicherheitstechnische Empfehlung liegt deutlich höher. Der ADAC rät zu mindestens 3 Millimetern bei Sommerreifen und mindestens 4 Millimetern bei Winter- und Ganzjahresreifen (Quelle: ADAC, Reifenprofil). Der Grund ist bauartbedingt: Ein Winterreifen arbeitet über die Verzahnung seiner Profilblöcke mit Schnee und über die Fähigkeit, Wasser und Matsch aus der Aufstandsfläche zu verdrängen. Beides hängt am Volumen der Rillen. Sinkt die Profiltiefe, sinkt dieses Volumen mit — der Reifen ist dann formal noch legal und praktisch längst kein vollwertiger Winterreifen mehr.
Zwischen 1,6 und 4 Millimetern liegen also 2,4 Millimeter, in denen ein Reifen zulässig ist, ohne noch zuverlässig das zu leisten, wofür man ihn gekauft hat. Wer seine Reifen prüft und bei 2,5 Millimetern „reicht noch" denkt, hat rechtlich recht und sicherheitstechnisch ein Problem. Wie Sie die Tiefe verlässlich und an der richtigen Stelle messen, steht in unserem ausführlichen Ratgeber zum Messen der Profiltiefe.
Der zweite Grenzwert ist der Kalender. Der ADAC empfiehlt in derselben Quelle, Winterreifen nicht länger als acht Jahre zu verwenden, weil die Mischung mit der Zeit aushärtet und gerade bei niedrigen Temperaturen an Elastizität verliert. Bridgestone verweist in der Pressemitteilung selbst auf diese Empfehlung. Für Winterreifen ist das besonders relevant, weil sie pro Jahr nur rund ein halbes Jahr laufen und deshalb oft noch reichlich Restprofil haben, wenn das Alter längst zum eigentlichen Problem geworden ist. Das Herstellungsdatum steht als vierstellige DOT-Nummer auf der Flanke: Die ersten beiden Ziffern nennen die Kalenderwoche, die letzten beiden das Jahr.
Beim Geld sagen die Befragten das Erwartbare
Der letzte Block der Umfrage betrifft den Kauf, und hier ist bei der Interpretation die größte Vorsicht angebracht — es sind genau die Fragen, die für den Absender geschäftlich interessant sind.
61,7 Prozent geben an, einen notwendigen Winterreifenkauf nicht aus Kostengründen zu verschieben. Beim Argument für einen Premiumreifen nennen 39,7 Prozent mehr Sicherheit an erster Stelle, 23,3 Prozent eine bessere Leistung bei Nässe und schlechtem Wetter, 16 Prozent eine geringere Geräuschentwicklung. Beim Kaufrhythmus denken 48,9 Prozent alle drei bis fünf Jahre über einen neuen Satz nach, 33,3 Prozent alle zwei bis drei Jahre, 12,3 Prozent erst nach sechs Jahren oder später, und 5,5 Prozent kaufen ausschließlich nach einem Schaden oder einem Fahrzeugwechsel.
Bei einer Selbstauskunft zur eigenen Sicherheitsbereitschaft antwortet fast niemand gern mit „ich spare am Reifen". Der Wert von 61,7 Prozent sagt deshalb mehr über die Haltung als über das tatsächliche Kaufverhalten aus. Bemerkenswerter ist die andere Zahl: Dass 12,3 Prozent sich erst nach sechs Jahren oder später überhaupt mit einem Reifenkauf beschäftigen, kollidiert direkt mit der Acht-Jahres-Empfehlung des ADAC. Bei einem Reifen, der beim Kauf bereits ein oder zwei Jahre alt sein kann, bleibt in diesem Rhythmus kaum Spielraum.
Wie groß die Preisspanne real ist, lässt sich an einer Größe zeigen. In der bei uns meistgefragten Pkw-Dimension 205/55 R16 führen wir mit Stand 26. August 2026 225 lieferbare Winterreifen. Der günstigste liegt bei 44,44 Euro, der teuerste bei 242,50 Euro je Reifen — für den vierfachen Satz sind das rund 178 gegenüber 970 Euro. Zwischen diesen Extremen liegt der eigentliche Markt, und dort fällt die Entscheidung auch: etwa beim Semperit Speed-Grip 5 in 205/55 R16 für 75,61 Euro, beim Continental WinterContact TS 870 in 205/55 R16 für 92,78 Euro oder beim Goodyear UltraGrip Performance 3 in 205/55 R16 für 105,89 Euro. Alle Preise sind unser Stand vom 26. August 2026 und kein allgemeiner Marktpreis. Den vollständigen Bestand dieser Dimension zeigt unsere Seite zur Größe 205/55 R16, das gesamte Sortiment finden Sie unter Winterreifen für Pkw.
Was von der Umfrage bleibt
Herstellererhebungen sind kein Ersatz für unabhängige Tests, und diese hier ist keine Ausnahme. Trotzdem enthält sie einen Befund, den man ernst nehmen sollte, weil er gerade nicht nach Werbung klingt: Das Problem im Winter ist nicht fehlendes Wissen. Neun von zehn Befragten prüfen ihre Reifen regelmäßig, mehr als ein Drittel hält abgefahrenes Profil für die größte Gefahr überhaupt — und fast die Hälfte war trotzdem schon einmal falsch bereift im Schnee unterwegs.
Der Unterschied zwischen diesen Gruppen liegt selten in der Einsicht und fast immer im Maßstab. Wer beim Prüfen die gesetzlichen 1,6 Millimeter im Kopf hat, kommt zu einem anderen Ergebnis als jemand, der die vom ADAC empfohlenen 4 Millimeter ansetzt — bei exakt demselben Reifen. Und wer erst beim ersten Schneefall prüft, hat die Entscheidung faktisch längst getroffen.
Der praktische Schluss ist deshalb unspektakulär, aber wirksam: den Radsatz jetzt aus dem Lager holen, Profiltiefe und Baujahr gegen die 4-Millimeter- und die Acht-Jahres-Marke halten, und im Zweifel jetzt bestellen statt im Dezember. Ende August ist der Bestand vollständig, die Auswahl groß und der Zeitdruck gleich null. Die passende Größe lesen Sie einfach von der Reifenflanke ab.
Häufige Fragen
Ist eine Herstellerumfrage überhaupt eine belastbare Quelle?
Als Stimmungsbild ja, als Sicherheitsnachweis nein. Die Bridgestone-Umfrage nennt Zeitraum und Stichprobe (892 Personen ab 18 Jahren, August 2026), aber kein durchführendes Institut und keine ausgewiesene Repräsentativität. Konkrete Sicherheitswerte sollten Sie deshalb an unabhängigen Quellen wie den ADAC-Empfehlungen oder veröffentlichten Reifentests festmachen.
Ab wie viel Millimetern sollte ich Winterreifen ersetzen?
Gesetzlich zulässig sind laut § 36 StVZO 1,6 Millimeter. Der ADAC empfiehlt für Winter- und Ganzjahresreifen mindestens 4 Millimeter, weil Schneegriff und Wasserverdrängung schon vorher deutlich nachlassen. Praktisch heißt das: Wer im Herbst unter 4 Millimeter liegt, kommt mit dem Satz nicht sicher durch die Saison.
Reicht es, die Reifen zweimal im Jahr beim Wechsel zu prüfen?
Für die meisten Fahrprofile ja, sofern die Prüfung Profiltiefe, Alter, Luftdruck und sichtbare Schäden umfasst. Wer viel fährt, häufig schwer beladen unterwegs ist oder ungleichmäßigen Abrieb bemerkt, sollte öfter nachsehen — auffälliger Verschleiß deutet oft auf falschen Luftdruck oder eine Fahrwerkseinstellung hin.
Quellen: Bridgestone Pressemitteilung vom 25.08.2026 (Umfrage „Winterreifen", August 2026, 892 Personen ab 18 Jahren) · Reifenpresse.de vom 25.08.2026 · ADAC, Reifenprofil und Mindestprofiltiefe · § 36 StVZO · eigene Sortimentsauswertung Reifentiefpreis.de, Stand 26.08.2026.