Zweimal derselbe Wortlaut: Was zwei Rückrufe über den Zentralverschluss am Rad zeigen
Am 26. Oktober 2026 hat das Kraftfahrt-Bundesamt einen Rückruf veröffentlicht, der in der Masse der Einträge kaum auffällt: 204 Fahrzeuge in Deutschland, Mangelbezeichnung „Radverlust“. Bemerkenswert wird er erst im Vergleich mit einem zweiten Eintrag aus dem November 2024 — gleicher Hersteller, Wort für Wort dieselbe Mangelbeschreibung, ein anderer Produktionszeitraum. Und in einer Spalte, die bei 7.930 von 7.933 Einträgen leer bleibt, steht beim älteren der beiden ein vollständiger Satz.
Die Spalte, in der nur ein einziger Rückruf einen Satz stehen hat
Die Rückrufdatenbank des Kraftfahrt-Bundesamtes ist kein Pressespiegel, sondern das Register der Behörde selbst. Zum Datenstand 28. Oktober 2026, 12:00 Uhr, enthält sie 7.933 Fahrzeugrückrufe und zusätzlich 168 Rückrufe zu Fahrzeugteilen. Jeder Eintrag führt Marke, Modell, Veröffentlichungsdatum, Produktionszeitraum, die Mangelbeschreibung, die Abhilfemaßnahme sowie die Stückzahlen für Deutschland und weltweit.
Eine der Spalten heißt „Titel der Maßnahme“. Sie ist fast immer leer oder mit „N/A“ gefüllt — wir haben sie über alle 7.933 Einträge ausgezählt: In genau drei Fällen steht dort überhaupt etwas, und zwei davon sind lediglich interne Kennungen der Hersteller („ePLU“ und „SFI-A-24-016-01-DE“). Damit bleibt ein einziger Datensatz im ganzen Register übrig, in dem an dieser Stelle ein vollständiger Satz steht. Er lautet: „Im ersten Schritt werden die Halter aufgefordert das Fahrzeug nicht mehr zu betreiben.“
Dieser Eintrag trägt die Referenznummer 14462R, wurde am 25. November 2024 veröffentlicht und betrifft Modelle von Porsche. Die Mangelbeschreibung lautet im Original: „Fehlerhafte Verschraubung der Räder kann zu Beschädigungen bis hin zum Bruch der Zentralverschlussmutter führen. In der Folge kann sich das Rad lösen.“ In der Spalte für bekannte Vorfälle steht dazu: 22 Vorfälle, darunter 9 Unfälle, dabei keine Personenschäden. Betroffen waren 12.708 Fahrzeuge weltweit, davon 2.543 in Deutschland, aus einem Produktionszeitraum vom 13. September 2023 bis zum 23. Oktober 2024. Als zweiter Schritt war für Januar 2025 angekündigt, das „Radspannsystem mit Zentralverriegelung“ zu prüfen und gegebenenfalls auszutauschen.
Zweiter Eintrag, gleicher Wortlaut — und das ist das eigentlich Neue
Am 26. Oktober 2026 ist ein zweiter Eintrag dazugekommen: Referenznummer 17211R, Herstellercode ATA1, Marke Porsche, Modelle GT4, 911 und Spyder. Die Mangelbeschreibung ist Zeichen für Zeichen dieselbe wie 2024 — wir haben den Volltext über alle 7.933 Einträge abgeglichen, und genau zwei Datensätze tragen diesen Wortlaut. Es handelt sich also nicht um eine Nachmeldung zum alten Fall, sondern um einen eigenständigen Rückruf mit eigener Referenznummer und eigenem Herstellercode.
Was sich unterscheidet, sind die Eckdaten. Die Stückzahl ist deutlich kleiner: 1.604 Fahrzeuge weltweit, 204 in Deutschland gegenüber 12.708 und 2.543 beim ersten Mal. Die Modellliste ist kürzer — der Panamera, der 2024 noch aufgeführt war, fehlt diesmal. Bekannte Vorfälle vermerkt das Register mit „nicht bekannt“. Und die Abhilfemaßnahme fällt anders aus als vor zwei Jahren: Statt einer Betriebsempfehlung und einer späteren Systemprüfung heißt es jetzt schlicht: „Die betroffenen Zentralverschlussschrauben müssen geprüft und abhängig vom Prüfergebnis ersetzt werden.“
Beim Produktionszeitraum lohnt ein genauer Blick, weil er leicht falsch gelesen wird. Der neue Eintrag nennt lediglich die Jahre 2024 bis 2025, der alte dagegen taggenau den 13. September 2023 bis zum 23. Oktober 2024. Das Register ist in dieser Spalte also unterschiedlich genau — und die beiden Zeiträume überschneiden sich im Jahr 2024. Daraus lässt sich gerade nicht ableiten, dass nur Fahrzeuge betroffen wären, die nach dem Ende der ersten Aktion gebaut wurden. Wer wissen will, ob sein eigenes Auto gemeint ist, kommt um die Fahrzeugidentifizierungsnummer und eine Rückfrage beim Hersteller nicht herum; eine Jahresangabe allein reicht dafür nicht.
Aufschlussreich ist auch die Spalte „Überwachung der Rückrufaktion durch das KBA“. Über alle 7.933 Einträge verteilt sie sich auf 5.844-mal „überwacht“, 1.941-mal „nicht überwacht“, 105-mal „in Untersuchung“ und 43-mal „N/A“; die vier Werte ergeben zusammen genau die Gesamtzahl. Der neue Porsche-Eintrag steht in der kleinen Gruppe „in Untersuchung“ — die Einstufung der Aktion ist also noch nicht abgeschlossen. Der Eintrag von 2024 trägt an dieser Stelle „N/A“.
Was ein Zentralverschluss ist — und warum eine Mutter vier Schrauben ersetzt
Die allermeisten Pkw halten jedes Rad mit vier oder fünf Schrauben beziehungsweise Muttern, verteilt auf einem Lochkreis. Ein Zentralverschluss macht es anders: Dort sitzt in der Radmitte ein einziges großes Spannelement, das die Felge gegen die Nabe presst. Das Register spricht bei den beiden Fällen entsprechend von der „Zentralverschlussmutter“, von „Zentralverschlussschrauben“ und einmal vom „Radspannsystem mit Zentralverriegelung“.
Ein Rad dieser Bauart lässt sich in einem einzigen Handgriff lösen — eine Eigenschaft, die man aus dem Rennsport kennt und die ihren Weg in besonders leistungsstarke Straßenfahrzeuge gefunden hat. Die Modellliste des Eintrags von 2024 liest sich genau so: Panamera GTS, Panamera Turbo und Turbo S, 911 GTS und 4 GTS, 911 Turbo und Turbo S, 911 Sport Classic, 911 GT3 und GT3 RS, GT4 RS sowie Spyder RS.
Der sicherheitstechnisch entscheidende Unterschied steckt aber nicht im Komfort, sondern in der fehlenden Redundanz. Bei fünf Radschrauben teilt sich die Kraft, die das Rad an der Nabe hält, auf fünf Verbindungen auf. Verliert eine davon an Vorspannung, tragen die übrigen vier zunächst weiter — das ist kein Freibrief, verschafft aber Zeit, in der sich der Fehler durch Geräusche oder Vibrationen bemerkbar machen kann. Beim Zentralverschluss gibt es diese vier anderen nicht. Die gesamte Spannkraft läuft über ein einziges Bauteil, und genau dieses Bauteil steht in beiden Registereinträgen im Mittelpunkt: Eine fehlerhafte Verschraubung kann es beschädigen, im Extremfall bis zum Bruch. Dass die aktuelle Abhilfemaßnahme darin besteht, die Zentralverschlussschrauben zu prüfen und je nach Befund zu ersetzen, passt zu dieser Lesart — ausgetauscht wird nicht das Rad, sondern das Spannelement.
Für den Alltag heißt das: Ein Rad mit Zentralverschluss ist nichts, was man zwischen Tür und Angel selbst wechselt. Es braucht das vorgeschriebene Anzugsmoment des Herstellers, das passende Werkzeug und einen Monteur, der beides kennt. Wer ein solches Fahrzeug fährt, sollte den Radwechsel der Fachwerkstatt überlassen — auch dann, wenn er am Alltagswagen seit Jahren selbst zum Drehmomentschlüssel greift.
Zweimal in 7.933 Einträgen — und drei Wörter, die man leicht verwechselt
Wie selten das Thema in der amtlichen Sammlung vorkommt, lässt sich exakt beziffern. Wir haben alle 7.933 Einträge über sämtliche Spalten hinweg nach den einschlägigen Begriffen durchsucht und jeden Treffer einzeln gelesen:
- „Zentralverschluss“: 2 Treffer. Es sind genau die beiden beschriebenen Porsche-Rückrufe von 2024 und 2026. Kein weiterer Hersteller taucht mit diesem Begriff im Register auf.
- „Zentralverriegelung“: 2 Treffer — einer davon derselbe Porsche-Eintrag von 2024, der andere ein Opel-Rückruf aus dem Jahr 2018. Dort ging es allerdings um die Türverriegelung: Feuchtigkeit konnte in deren Steuerung eindringen, das Register nennt Brandgefahr. Mit der Radbefestigung hat dieser Eintrag nichts zu tun.
- „Zentralmutter“: 1 Treffer — ein Peugeot-Rückruf von 2014, bei dem laut Register die Zentralmutter der hinteren Radzapfen gesichert werden musste, weil sich sonst die Radnabe lösen und das Rad verloren gehen konnte. Ein ähnliches Wort, aber eine andere Verbindung: Dort hält die Mutter die Nabe, nicht das Rad.
Das ist keine Wortklauberei, sondern der übliche Preis einer maschinellen Auswertung. Ein Volltextfilter liefert zuverlässig Fehltreffer, und ohne das Lesen jedes einzelnen Datensatzes käme man hier schnell auf vier statt zwei Fälle. Wie groß dieser Effekt beim Thema Radbefestigung insgesamt ist, zeigt unsere Auswertung aller Rückrufe rund um Radschrauben, Radmuttern und Radnaben — dort war das falsch angezogene Drehmoment die häufigste Ursache.
„Radverlust“ ist keine Sportwagenkrankheit
Ebenso aufschlussreich ist der Blick über den Einzelfall hinaus. Das Register führt zu jedem Eintrag eine kurze Mangelbezeichnung, und in sieben Fällen besteht sie aus nichts anderem als dem Wort „Radverlust“. Zählt man die Einträge mit, deren Mangelbezeichnung die Wörter „Radverlust“ oder „Radablösung“ in einem ganzen Satz enthält, sind es 25. Die sieben knappen Fälle umspannen dabei eine erstaunliche Bandbreite:
- Porsche, November 2024: 2.543 Fahrzeuge in Deutschland, 12.708 weltweit — der einzige der sieben Einträge, der ausdrücklich Unfälle nennt (22 Vorfälle, darunter 9 Unfälle).
- Dacia Jogger, Februar 2025: 1.040 Fahrzeuge in Deutschland, 5.659 weltweit, keine Vorfälle bekannt.
- Kubota RTV-X1100, Februar 2025: 403 Fahrzeuge in Deutschland, 1.424 weltweit.
- Kubota M6-122, M6-132 und M6-142, August 2025: 245 Fahrzeuge in Deutschland, 2.117 weltweit, dazu zehn gemeldete Sachschäden.
- Honda Civic und HR-V, Januar 2026: 26.463 Fahrzeuge in Deutschland und 700.318 weltweit — der umfangreichste Fall unserer gesamten Auswertung zur Radbefestigung, bei dem der Mangel übrigens nicht in der Schraube, sondern in der Felge saß.
- Silence S04, Juli 2026: 25 Fahrzeuge in Deutschland, 154 weltweit, ein gemeldetes Schadensereignis.
- Porsche, Oktober 2026: 204 Fahrzeuge in Deutschland, 1.604 weltweit — der neue Fall.
Von 25 betroffenen Fahrzeugen in Deutschland im kleinsten bis zu 26.463 im größten Fall: Die Verbindung zwischen Rad und Fahrzeug ist offensichtlich kein Thema einer einzelnen Fahrzeugklasse. Ein Vorbehalt gehört allerdings dazu, und er gilt für jede Zahl aus diesem Register: Eine große Stückzahl sagt nichts über die Wahrscheinlichkeit im Einzelfall. Sie sagt zunächst nur, wie viele Fahrzeuge der Hersteller nicht sicher ausschließen konnte. Wie vorsichtig man mit den Kennzahlen dieser Datenbank umgehen muss, haben wir in unserem Überblick über 37 Reifenrückrufe aus 18 Jahren ausführlich beschrieben.
Was Betroffene tun — und was daraus für alle anderen folgt
Für Halterinnen und Halter der genannten Modelle ist der Weg kurz: Das Register nennt als Kontaktweg ausdrücklich den Fahrzeughersteller beziehungsweise eine Vertragswerkstatt; eine eigene Rückrufseite ist für diesen Fall nicht hinterlegt. Eine Abhilfemaßnahme aus einem Rückruf ist für die Halter in aller Regel kostenfrei, unabhängig von Alter und Gewährleistungsstand des Fahrzeugs. Entscheidend für die Frage, ob ein bestimmtes Auto betroffen ist, bleibt die Fahrzeugidentifizierungsnummer — Modellname und Baujahr genügen nicht. Wie Sie das für Ihr eigenes Fahrzeug und für Ihre Reifen Schritt für Schritt nachsehen, erklärt unser Ratgeber So prüfen Sie, ob Ihre Reifen von einem Rückruf betroffen sind.
Für alle anderen — also für die überwältigende Mehrheit mit vier oder fünf Radschrauben — steckt die eigentliche Lehre in der Formulierung der Mangelbeschreibung. Dort steht nicht „defektes Bauteil“, sondern „fehlerhafte Verschraubung“. Nicht das Material hat zuerst nachgegeben, sondern die Art, wie es verspannt war. Genau dieser Zusammenhang gilt am Alltagsauto unverändert: Zu wenig Drehmoment lässt die Verbindung sich lockern, zu viel überdehnt sie — und von Hand lässt sich keines von beiden zuverlässig beurteilen. Deshalb gehören ein Drehmomentschlüssel und der Herstellerwert zu jedem Radwechsel, und das Nachziehen nach den ersten Kilometern ebenso. Wie das in der Praxis abläuft und wo die Haftungsfragen liegen, steht in unserer Anleitung zum Räderwechsel in Eigenregie.
Der zweite Punkt betrifft das Bauteil selbst. Eine Radschraube ist kein Universalteil: Bundform, Länge und Gewinde müssen zur Felge und zur Nabe passen, und eine unpassende Schraube lässt sich oft problemlos eindrehen, ohne jemals die nötige Vorspannkraft aufzubauen. Welche Varianten es gibt und woran die Verwechslung typischerweise scheitert, haben wir unter Kugelbund oder Kegelbund bei der Radschraube zusammengestellt; passende Teile führen wir in der Abteilung Radschrauben und Radmuttern.
Und wenn beim Werkstatttermin ohnehin die Räder herunterkommen, lohnt der Blick auf den Reifenzustand gleich mit. In den breiten Dimensionen leistungsstarker Fahrzeuge steht bei uns unter anderem der Continental SportContact 7 255/35 R20 97Y im Regal, in einer typischen Hinterachsdimension etwa der Hankook Ventus S1 Evo3 K127 315/30 R21 105Y. Einen Überblick über das gesamte Segment gibt unsere Kategorie Sportreifen für Pkw.
Häufige Fragen
Woran erkenne ich, ob mein Auto überhaupt einen Zentralverschluss hat?
Am auffälligsten ist die Radmitte: Statt vier oder fünf Schraubenköpfen auf einem Lochkreis sitzt dort ein einzelnes großes Spannelement. Die Bauart findet sich vor allem bei besonders leistungsstarken Modellen; bei einem gewöhnlichen Serienfahrzeug ist eine konventionelle Verschraubung die Regel. Im Zweifel hilft ein Blick in die Betriebsanleitung, die in der Regel auch das vorgeschriebene Anzugsmoment nennt.
Muss ich eine Rückrufmaßnahme selbst bezahlen?
In aller Regel nicht. Abhilfemaßnahmen aus einem Rückruf führen die Hersteller kostenfrei durch, unabhängig von Gewährleistung, Garantie und Fahrzeugalter. Das gilt für die Prüfung ebenso wie für den Austausch betroffener Teile.
Was bedeutet der Vermerk „in Untersuchung“ im Rückrufregister?
Es ist einer von vier Werten, die in der Spalte zur Überwachung der Aktion vorkommen. Bei 7.933 Einträgen steht er 105-mal; die große Mehrheit ist mit „überwacht“ oder „nicht überwacht“ eingetragen. Der Rückruf vom 26. Oktober 2026 fällt in diese kleinere Gruppe, der Vorgänger von 2024 trägt dort „N/A“.