Sailun im Datencheck: 827 Reifen – und 19 billigere Winterreifen, die kein A bei Nässe schaffen
Es gibt im Regal eine Marke mit 827 lieferbaren Reifen – mehr Ausführungen als von Goodride, Minerva oder Linglong. Sie heißt Sailun, kommt aus China, und beim Winterreifenkauf taucht sie regelmäßig in der Preisliste auf. Dort steht sie allerdings fast nie ganz unten. Das ist kein Zufall: Ein Teil der Erklärung steht im Amtsblatt der Europäischen Union, der andere im EU-Reifenlabel. Wir haben beides nachgezählt – das eigene Regal mit Stand vom 24. Oktober 2026 und die Verordnung, die seit Juli den Zoll festlegt.
Wer hinter Sailun steckt
Sailun ist kein Handelsname eines Importeurs, sondern ein eigenständiger Hersteller: die Sailun Group Co., Ltd. mit Sitz in Qingdao in der Provinz Shandong, börsennotiert in Shanghai. Produziert wird längst nicht mehr nur in China – der Konzern betreibt Werke unter anderem in Vietnam und in Kambodscha und baut die Auslandsfertigung seit Jahren aus. Das ist für Käufer in Deutschland deshalb relevant, weil Zölle am Ursprungsland hängen, nicht am Markennamen.
Die Größenordnung lässt sich an den Geschäftszahlen ablesen. Für das erste Halbjahr 2026 meldete das Unternehmen einen Umsatz von rund 20 Milliarden Yuan, ein Plus von knapp 14 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum; rund drei Viertel davon entfielen laut European Rubber Journal auf das Auslandsgeschäft. Sailun gehört damit nicht mehr in die Schublade „kleiner Billiganbieter", sondern spielt im Mittelfeld der globalen Reifenindustrie mit – mit allem, was daran hängt: eigener Entwicklung, eigenen Baureihen und einem Sortiment, das vom 13-Zoll-Kleinwagenreifen bis zum 21-Zoll-SUV-Reifen reicht.
Für die Einordnung im Regal ist noch ein zweiter Punkt wichtig. Sailun ist nicht dieselbe Firma wie Zhongce Rubber, zu der die Marken Goodride und Westlake gehören – auch wenn beide Hersteller aus China kommen und im selben Preissegment antreten. Wer wissen will, wie dieses Schwestermarken-Prinzip im Regal aussieht, findet es in unserem ausführlichen Datencheck zur Marke Goodride erklärt.
827 Reifen im Regal – und kein einziger davon vergriffen
Zuerst die Grundgesamtheit, damit die Zahlen einzuordnen sind: 827 lieferbare Sailun-Ausführungen führen wir derzeit. Bemerkenswert ist, was passiert, wenn man die nicht lieferbare Ware dazunimmt – die Zahl bleibt bei 827. Es gibt also keinen einzigen Sailun-Artikel, der gerade vergriffen wäre. Das ist keineswegs selbstverständlich; bei anderen Warengruppen klaffen im Oktober durchaus Lücken.
Nach Saison sortiert ergibt sich ein klares Bild: 443 Sommerreifen, 258 Winterreifen und 126 Ganzjahresreifen. Der Schwerpunkt liegt also im Sommer, der Winter macht nicht ganz ein Drittel aus. Nach Fahrzeugklasse verteilt sich das Sortiment auf 568 Pkw-Reifen (davon 319 Sommer-, 143 Winter- und 106 Ganzjahresreifen), 184 Offroad-Reifen (93 Sommer, 91 Winter) und 75 Reifen für Van und Transporter (31 Sommer, 24 Winter, 20 Ganzjahres). Die Summen gehen exakt auf, es fehlt keine Kategorie.
Bei den Durchmessern zeigt sich, dass Sailun kein reiner Kleinwagen-Ausstatter ist. Gezählt haben wir 27 Ausführungen in 13 Zoll, 67 in 14 Zoll, 130 in 15 Zoll, 162 in 16 Zoll, 114 in 17 Zoll, 111 in 18 Zoll, 86 in 19 Zoll, 77 in 20 Zoll, 30 in 21 Zoll, 22 in 22 Zoll – und genau einen einzelnen 24-Zöller. Ab 18 Zoll aufwärts sind das 327 Ausführungen, also knapp 40 Prozent des gesamten Sailun-Regals. Der Preis spannt sich entsprechend weit: vom Atrezzo Eco in 165/60 R14 für 27,09 Euro bis zum Ice Blazer Arctic EVO in 275/45 R21 für 313,63 Euro. Zwischen dem günstigsten und dem teuersten Sailun liegt der Faktor 11,6. Alle Preise verstehen sich als Momentaufnahme vom 24. Oktober 2026 und ändern sich laufend.
24,4 statt 45,3 Prozent: der Zollsatz, der den Preis erklärt
Seit dem 8. Juli 2026 gilt in der EU ein endgültiger Antidumpingzoll auf neue Pkw-, Bus- und Transporterreifen aus China. Geregelt ist er in der Durchführungsverordnung (EU) 2026/1540 vom 6. Juli 2026. Betroffen sind Reifen mit einer Tragfähigkeitskennzahl von 121 oder weniger – also praktisch alles, was an Pkw, SUV und Transporter montiert wird.
Entscheidend ist, dass es keinen einheitlichen Satz gibt, sondern eine Staffel nach Hersteller. Die Verordnung nennt in Artikel 1 vier Stufen: 4,3 Prozent für die chinesischen Werke der Hankook Group, 45,3 Prozent für die Shandong Yongsheng Rubber Group, 24,4 Prozent für die im Anhang namentlich aufgeführten weiteren mitarbeitenden Unternehmen – und 45,3 Prozent für alle übrigen Einfuhren aus China.
Wir haben im Anhang der Verordnung nachgesehen: Dort stehen sowohl die Sailun Group Co., Ltd. (TARIC-Zusatzcode 88DO) als auch die Sailun (Dongying) Tire Co., Ltd. (88DN). Sailun fällt damit unter die mittlere Stufe und zahlt 24,4 Prozent, nicht den Residualsatz von 45,3 Prozent. Genau hier liegt der strukturelle Unterschied zu den ganz billigen Angeboten im Regal: Marken, deren Hersteller nicht im Anhang stehen, tragen den doppelt so hohen Zoll. Eine Einschränkung macht die Verordnung ausdrücklich – der unternehmensspezifische Satz gilt nur, wenn dem Zoll eine gültige Handelsrechnung mit der vorgeschriebenen Erklärung vorliegt; andernfalls greift auch hier der Satz für alle übrigen Einfuhren.
Damit ist die Sache allerdings noch nicht zu Ende. Parallel läuft ein Antisubventionsverfahren, dessen Sätze laut Reifenpresse.de je nach Herstellergruppe bei gut 24,6, bei 27,5 und bis zu 29,6 Prozent liegen. Wichtig für die Einordnung: Beide Komponenten lassen sich nicht einfach addieren, der Gesamtausgleichszoll ergibt sich anders. Die oft zitierte Spanne von knapp 28 bis gut 57 Prozent steht in der Überschrift jener Meldung ausdrücklich mit einem Fragezeichen. Was der Zoll bisher tatsächlich mit den Preisen im Regal gemacht hat, haben wir an anderer Stelle über acht Wochen Woche für Woche nachgemessen – mit einem Ergebnis, das weniger dramatisch ausfiel als erwartet.
Vier Winterreihen – und beim Nassgriff liegen Welten dazwischen
Wer „Sailun Winterreifen" in die Suche tippt, bekommt vier verschiedene Baureihen – und die unterscheiden sich beim EU-Reifenlabel so stark, dass der Markenname allein überhaupt nichts aussagt. Wir haben die Etiketten je Reihe stichprobenartig ausgelesen:
- Ice Blazer Alpine+ (44 Ausführungen entfallen auf diese Reihe): Nasshaftung durchgehend Klasse C, Kraftstoffeffizienz D bis E. Das ist die ältere, günstige Reihe – sie beginnt bei 37,22 Euro.
- Ice Blazer Alpine2 (26 Ausführungen): Nasshaftung Klasse A, Effizienz C, Rollgeräusch 68 bis 71 Dezibel. Die stärksten Nässewerte im ganzen Sailun-Winterregal.
- Ice Blazer Alpine EVO2 (54 Ausführungen): Nasshaftung B, Effizienz C. Die breiteste Reihe, vor allem in den größeren Durchmessern.
- Ice Blazer Arctic EVO (31 Ausführungen): Nasshaftung D bis E, Effizienz B bis D. Das ist die nordische Reihe, ausgelegt auf Eis und festen Schnee – und genau dafür zahlt man beim Nassgriff.
Der praktische Schluss daraus ist unbequem, aber eindeutig: Zwischen der besten und der schwächsten Sailun-Winterreihe liegen beim Nassgriff die Klassen A bis E, also die gesamte Breite der Skala. Zwei Reifen derselben Marke, derselben Saison und womöglich derselben Größe können im Nassbremsen völlig unterschiedlich dastehen. Nasshaftung A ist im Winterregal ohnehin selten – wie selten, haben wir in einer eigenen Auswertung über alle Winterreifen im Sortiment nachgezählt. Wer eine Sailun kauft, sollte deshalb nicht auf die Marke schauen, sondern auf den Zusatz hinter „Ice Blazer".
Der Härtetest in 205/55 R16: 19 günstigere Reifen – und kein einziges A
Die Probe aufs Exempel haben wir in der meistgefragten Winter-Dimension überhaupt gemacht: 205/55 R16. In dieser Größe führen wir 217 lieferbare Winterreifen, vier davon von Sailun. Der günstigste Sailun ist der Ice Blazer Alpine2 für 53,80 Euro mit dem Etikett C/A/68, der teuerste ein Alpine+ für 83,46 Euro.
Jetzt wird es interessant. Sortiert man alle 217 Winterreifen dieser Größe nach Preis, stehen 19 Reifen vor dem ersten Sailun – sie kosten zwischen 44,98 und 53,35 Euro. Und kein einziger dieser 19 günstigeren Reifen trägt Nasshaftung A. Sie verteilen sich auf die Klassen C, D und E: Der billigste im Feld, ein Grenlander Icehawke 1 für 44,98 Euro, steht bei E/E und 79 Dezibel; ein Minerva Frostrack HP kostet 48,50 Euro bei C/C; ein Westlake Z-507 liegt bei 50,12 Euro mit C/C. Der Sailun Ice Blazer Alpine2 ist in dieser Größe der erste Reifen in der Preisliste überhaupt, der beim Nassgriff ein A erreicht – und kostet dafür 8,82 Euro mehr als der billigste Reifen im Feld.
Das ist die eigentliche Antwort auf die Frage, warum Sailun nie ganz unten in der Liste steht: Die Marke konkurriert nicht um den niedrigsten Preis, sondern bietet im selben Preisband die bessere Nasshaftungsklasse. Übrigens zeigt dieselbe Liste noch ein Lehrstück über Billigmarken – sowohl ein Westlake Z-507 als auch ein Goodride Z-507 tauchen darin auf, zum gleichen Profilnamen und mit identischem Etikett. Dass hinter verschiedenen günstigen Markennamen oft derselbe Lieferant steckt, haben wir uns am Beispiel von vier Budgetmarken genauer angesehen.
Konkret im Regal: Sailun ICE BLAZER Alpine2 205/55 R16 91H für 53,80 Euro. Weitere Ausführungen dieser Reihe stehen auf der Modellseite zum Ice Blazer Alpine2, das gesamte Angebot in dieser Dimension unter 205/55 R16.
Was ein unabhängiger Test tatsächlich gemessen hat
Testergebnisse zu Sailun sind rar – und das meiste, was im Netz kursiert, bezieht sich auf ältere Baureihen. Belastbar und frei zugänglich ist ein Check von AUTO BILD vom 3. Juni 2026, in dem der Ice Blazer Alpine Evo 2 in der Größe 245/45 R19 auf einem BMW 5er gegen vier Vergleichsreifen von Firestone, Giti, Kumho und Vredestein antrat.
Die Redaktion gibt die Ergebnisse nicht in Metern an, sondern als Prozentwerte im Verhältnis zum Mittelwert der vier Vergleichsreifen. Beim Nassbremsen erreichte der Sailun 112,4 Prozent und damit den besten Wert des Feldes. Bei der Schneetraktion landete er mit 100,6 Prozent auf Rang drei von fünf, hinter Vredestein und Firestone. Beim Trockenbremsen blieb er mit 98,9 Prozent knapp unter dem Durchschnitt, im Nass- und Trockenhandling lag er mit 100,0 beziehungsweise 100,5 Prozent im Mittelfeld. Das Fazit der Tester: Der Reifen bestehe den Check „souverän" – ausdrücklich gelobt wurden sichere Fahreigenschaften und die Handlingqualitäten. Nachzulesen ist das im AUTO BILD-Check zum Ice Blazer Alpine Evo 2.
So gut dieses Ergebnis ist – man sollte es richtig einordnen. Es handelt sich um einen Check gegen vier Reifen, nicht um einen großen Vergleichstest mit zwanzig oder fünfzig Modellen; die Prozentwerte beziehen sich nur auf dieses kleine Feld, und absolute Bremswege nennt der Bericht nicht. Für die anderen drei Sailun-Winterreihen gibt es diesen Befund ausdrücklich nicht. Was gegen eine ganze Testgruppe passiert, bleibt also offen – und lässt sich aus diesem Check nicht hochrechnen.
Für wen sich Sailun lohnt – und für wen nicht
Sailun ist eine sinnvolle Wahl, wenn Sie im Budget-Segment einkaufen, aber nicht den allerletzten Euro jagen. Für einen Aufschlag von wenigen Euro gegenüber den billigsten Angeboten bekommen Sie bei der richtigen Baureihe eine Nasshaftungsklasse, die im selben Preisband sonst nicht zu haben ist – und Nässe ist in einem deutschen Winter der weitaus häufigere Fahrbahnzustand als geschlossene Schneedecke.
Besonders überzeugend sind die Etiketten im Ganzjahresbereich: Der Atrezzo 4Seasons Pro, mit 46 Ausführungen die meistgefragte Sailun-Reihe im Shop überhaupt, trägt durchgehend B bei der Effizienz, B bei der Nasshaftung und 72 Dezibel – das sind die besten Labelwerte im gesamten Sailun-Sortiment. Ein Beispiel: Sailun ATREZZO 4SEASONS PRO 225/55 R19 103W für 105,60 Euro, weitere Größen auf der Modellseite zum Atrezzo 4Seasons Pro.
Nicht die richtige Wahl ist die Marke, wenn Sie Premium-Niveau bei Schnee und Eis erwarten – dafür fehlen schlicht die unabhängigen Belege. Vorsicht ist außerdem bei der Reihe Ice Blazer Arctic EVO geboten: Sie klingt nach dem härtesten Winterreifen im Programm und ist auf Eis auch dafür gebaut, bezahlt das aber mit Nasshaftung D bis E. Wer überwiegend auf nasser, nicht auf vereister Straße unterwegs ist, fährt mit dem Alpine2 besser. Und wer nur auf den Preis schaut, landet beim Ice Blazer Alpine+ ab 37,22 Euro – sollte dann aber wissen, dass er die ältere Reihe mit schwächeren Etiketten kauft.
Das gesamte Angebot finden Sie in unseren Rubriken Winterreifen für Pkw und Ganzjahresreifen für Pkw.
Häufige Fragen
Ist Sailun eine empfehlenswerte Marke?
Sailun ist kein Premiumhersteller, im Budget-Segment aber solide aufgestellt: Die Reihe Ice Blazer Alpine2 erreicht Nasshaftung A, der Ganzjahresreifen Atrezzo 4Seasons Pro durchgehend B/B. Ein AUTO BILD-Check hat die Reihe Alpine Evo 2 im Juni 2026 bestanden. Entscheidend ist immer die Baureihe, nicht der Markenname.
Woran erkenne ich die richtige Ice-Blazer-Reihe?
Am Zusatz hinter dem Reihennamen und am Etikett: Alpine2 steht für Nasshaftung A, Alpine EVO2 für B, Alpine+ für C bei älterer Technik und Arctic EVO für den Eis-Spezialisten mit schwachen Nässewerten. Die Labelwerte stehen bei uns an jedem Artikel.
Sind Sailun-Reifen durch die EU-Zölle teurer geworden?
Für Sailun gilt seit dem 8. Juli 2026 ein Antidumpingzoll von 24,4 Prozent, nicht der Höchstsatz von 45,3 Prozent. Ein Antisubventionsverfahren läuft zusätzlich noch. Wie stark sich die Zölle auf die Regalpreise durchgeschlagen haben, haben wir über acht Wochen gemessen.