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Motorrad – Ratgeber im Magazin

Wie alt darf ein Motorradreifen sein? Warum das Alter oft vor dem Profil zählt

· 8 Min. Lesezeit · Aktualisiert am 30.07.2026
Seitenwand und Profil eines Motorradreifens in einer Werkstatt (KI-generiert, OpenAI)
Seitenwand und Profil eines Motorradreifens in einer Werkstatt (KI-generiert, OpenAI)

Das Profil sieht noch tadellos aus, die Lauffläche hat kaum Kilometer gesehen – und trotzdem kann der Motorradreifen ein Sicherheitsrisiko sein. Der Grund liegt nicht auf der Lauffläche, sondern in der Gummimischung: Reifen altern auch dann, wenn sie kaum gefahren werden. Gerade beim Motorrad, das im Schnitt nur wenige tausend Kilometer im Jahr zurücklegt und den Winter über steht, erreichen viele Reifen die Altersgrenze, lange bevor das Profil abgefahren ist. Wir erklären, warum das so ist, wie Sie das Alter über die DOT-Nummer ablesen und wann der Wechsel wirklich fällig wird.

Warum beim Motorrad das Alter oft vor dem Profil kommt

Beim Auto wird ein Reifen in der Regel heruntergefahren, bevor er zu alt wird – bei den meisten Motorrädern ist es genau umgekehrt. Wer seine Maschine nur bei schönem Wetter und in der Saison bewegt, kommt oft auf wenige tausend Kilometer im Jahr. Ein Reifensatz hält damit rechnerisch viele Jahre – und genau darin liegt die Falle. Die Gummimischung altert in dieser Zeit nämlich unabhängig von der Laufleistung weiter: auch im Stand, auch mit vollem Profil, und die Uhr läuft nicht erst ab der Montage, sondern bereits ab dem Produktionsdatum. Ein Reifen, der scheinbar „neuwertig" auf der Felge sitzt, kann in Wahrheit schon deutlich in die Jahre gekommen sein.

Genau deshalb geben Prüforganisationen und Hersteller für Motorradreifen eine Altersempfehlung, die sich nicht am Profil orientiert. Das Profil beantwortet nur die halbe Frage: Es zeigt, wie viel Gummi noch da ist, aber nicht, wie gut dieser Gummi noch arbeitet. Wann ein Reifen wegen Abnutzung fällig wird, lesen Sie in unserem Ratgeber dazu, wie Sie den Verschleiß am Motorradreifen erkennen. Beim Alter kommt eine zweite, unsichtbare Verschleißgrenze hinzu – und die übersehen viele Fahrer, weil man ihr nicht ansieht, dass sie erreicht ist. Wer wenig fährt, sollte den Reifen also nicht nach dem Profil beurteilen, sondern zuerst auf das Herstellungsdatum schauen.

Was mit dem Gummi im Lauf der Jahre passiert

Ein Reifen ist kein totes Stück Gummi, sondern eine chemisch aktive Mischung aus Kautschuk, Weichmachern, Ölen und Schutzstoffen. Über die Jahre entweichen die flüchtigen Bestandteile, und die langen Polymerketten reagieren mit Sauerstoff und Ozon aus der Luft. Die Folge: Der Reifen härtet aus und verliert an Elastizität. Beschleunigt wird das durch UV-Strahlung, Temperaturschwankungen und den Kontakt mit Ozon. Sichtbar wird es – wenn überhaupt – erst spät, etwa durch feine Haarrisse (Krakelee) auf der Flanke oder in den Profilrillen.

Für ein Motorrad ist ausgehärteter Gummi besonders heikel. Ein harter Reifen baut weniger Grip auf, der Bremsweg wird länger, und der Effekt zeigt sich vor allem dort, wo die Maschine am meisten Haftung braucht: in der Schräglage. Genau an der Reifenschulter, die in der Kurve arbeitet, kann ein gealterter Reifen die nötige Haftung nicht mehr sicher aufbauen. Der ADAC warnt ausdrücklich, dass „eine Verhärtung der Gummimischung … auch schon früher als nach fünf Jahren auftreten und gefährlich werden" kann (Quelle: ADAC). Ein alter Reifen sieht also oft noch gut aus – und lässt trotzdem im entscheidenden Moment nach.

Erschwerend kommt hinzu, dass ein hartes Gummi auch langsamer auf Temperatur kommt. Motorradreifen entfalten ihren Grip erst, wenn sie warmgefahren sind – ist die Mischung ausgehärtet, gelingt das schlechter, und die ohnehin kritischen ersten Kilometer werden noch heikler. Warmfahren hilft dabei nur bedingt: Wärme macht einen frischen Reifen geschmeidig, kann eine chemisch gealterte Mischung aber nicht zurückverwandeln. Wer seine Maschine sportlich bewegt oder weiche, griffige Mischungen fährt, sollte das Alter besonders im Blick behalten, denn solche Reifen altern tendenziell schneller als harte Tourenmischungen.

Das Alter ablesen: die DOT-Nummer auf der Flanke

Wie alt ein Reifen ist, verrät die DOT-Nummer auf der Seitenwand. Entscheidend sind die letzten vier Ziffern in einem ovalen Feld: Die ersten beiden stehen für die Produktionswoche, die letzten beiden für das Jahr. „1608" bedeutet also 16. Kalenderwoche 2008, „2224" die 22. Woche 2024. Steht dort nur eine drei- oder vierstellige Zahl ohne dieses Format, handelt es sich um einen sehr alten Reifen aus der Zeit vor dem Jahr 2000 – der gehört ohnehin ersetzt.

Ein Detail, das viele nicht wissen: Häufig trägt nur eine der beiden Reifenflanken die vollständige DOT-Nummer, die andere eine verkürzte Kennung. Finden Sie das Datum nicht sofort, drehen Sie das Rad und schauen Sie auf der Innenseite nach – am eingebauten Reifen kann das bedeuten, dass Sie mit einer Lampe hinter die Bremsscheibe leuchten müssen. Notieren Sie sich das Datum am besten beim Reifenwechsel, dann müssen Sie später nicht suchen. Wichtig ist außerdem: Das DOT-Datum sagt, wann der Reifen gebaut wurde – nicht, wann er montiert oder gekauft wurde. Für die Altersbewertung zählt allein das Produktionsdatum. Wie die übrigen Angaben auf der Flanke zu lesen sind – von der Größe über die Bauart bis zum Geschwindigkeitsindex –, zeigen wir Ihnen im Beitrag dazu, wie Sie die Kennzeichnung eines Motorradreifens entschlüsseln. Wer tiefer einsteigen möchte, findet in unserem ausführlichen Ratgeber zur DOT-Nummer auch die Hintergründe zur Datumscodierung.

Wie alt darf ein Motorradreifen sein?

Ein festes gesetzliches Höchstalter für Reifen gibt es in Deutschland nicht – wohl aber klare Empfehlungen aus der Praxis. Als grobe Orientierung gilt: Bis zu einem Alter von etwa drei Jahren ab Produktionsdatum ist ein Reifen fabrikneu. Continental hält fest, dass ein sachgerecht gelagerter, unbenutzter Reifen technisch gesehen bis zu fünf Jahre nach seiner Herstellung noch als neuwertig verwendet werden kann, empfiehlt aber, „alle Reifen, die … älter als zehn Jahre sind, durch neuere zu ersetzen" (Quelle: Continental).

Für den laufenden Betrieb ist der ADAC beim Motorrad noch etwas vorsichtiger: „Üblicherweise wird eine Reifennutzung über das sechste Jahr hinaus nicht mehr empfohlen." Ob Ihr Reifen die sechs Jahre wirklich erreicht, hängt stark von den Bedingungen ab – häufige Sonneneinstrahlung, ganzjährige Nutzung bei jedem Wetter und lange Standzeiten über den Winter lassen die Gummimischung schneller altern.

Die zweite Grenze – das Profil: Unabhängig vom Alter gilt die gesetzliche Mindestprofiltiefe. Für Motorräder liegt sie bei 1,6 Millimeter, für Leichtkrafträder bis 3,5 kW bei 1,0 Millimeter (§ 36 StVZO). Der ADAC rät jedoch, spätestens bei zwei Millimetern zu wechseln, weil Nässe- und Aquaplaning-Verhalten schon vorher deutlich nachlassen. Fällig ist der Reifen also immer dann, wenn eine der beiden Grenzen – Alter oder Profil – erreicht ist.

Standzeit über den Winter: der stille Alterungstreiber

Die meisten Motorräder verbringen das halbe Jahr im Stand – und ausgerechnet die Art der Überwinterung entscheidet mit, wie schnell die Reifen altern. Continental empfiehlt, Motorradreifen kühl und trocken zu lagern, bei Temperaturen nicht über 35 Grad, besser unter 25 Grad, und geschützt vor direkter Sonne, Chemikalien und Ozon (Quelle: Continental). Ein oft übersehener Ozonquell in der Garage sind laufende Elektromotoren und Ladegeräte – die Batterie also nicht direkt neben den Reifen laden.

Steht die Maschine auf ihren Rädern, sollten die montierten Reifen ihre Form behalten und mit rund 1,0 bar befüllt sein, damit sie nicht punktuell belastet werden. Noch besser ist es, die Räder mit einem Montageständer ganz oder teilweise zu entlasten und den Reifendruck über den Winter leicht zu erhöhen. Wer keinen Ständer hat, bewegt das Motorrad alle paar Wochen ein kurzes Stück, damit nicht dauerhaft dieselbe Stelle auf dem Boden aufliegt. Wird das Motorrad dagegen monatelang ohne Bewegung auf demselben Fleck abgestellt, droht zusätzlich ein Standplatten nach langer Standzeit – ein Problem, das sich von der reinen Alterung unterscheidet, aber in dieselbe Richtung wirkt: weniger Sicherheit beim Saisonstart. Kontrollieren Sie die Reifen nach dem Winter deshalb nicht nur auf Druck und Profil, sondern werfen Sie auch einen Blick auf Risse und das Produktionsdatum.

Beim Kauf auf das Produktionsdatum achten

„Neu" heißt nicht automatisch „frisch". Auch ein fabrikneuer, nie montierter Reifen kann schon einige Jahre im Lager gelegen haben. Prüfen Sie deshalb beim Kauf – ob im Laden oder beim Montagetermin – die DOT-Nummer und lassen Sie sich keine überalterte Lagerware andrehen. Bei einem Reifen, der beim Kauf bereits drei oder vier Jahre alt ist, schrumpft die sinnvolle Nutzungsdauer entsprechend. Besonders bei selten nachgefragten Größen oder Auslaufmodellen lohnt der Blick auf das Datum, weil solche Reifen oft länger im Regal liegen. Ein Preisschnäppchen mit altem Herstellungsdatum ist am Ende selten ein guter Deal.

Ein weiterer Punkt speziell beim Motorrad: Weil Motorradreifen kein EU-Reifenlabel tragen, lässt sich die Qualität nicht auf einen Blick vergleichen – umso wichtiger sind ein aktuelles Produktionsdatum und ein zur Maschine passendes, freigegebenes Modell. Die früher übliche Reifenfreigabe führen die Hersteller heute meist als unverbindliche „Serviceinformation".

Ist der Wechsel fällig, finden Sie das gesamte Sortiment unter Motorradreifen für die Straße. Beliebte, lieferbare Modelle sind zum Beispiel der Michelin Power 5 120/70ZR17 58W und der passende Hinterreifen Michelin Power 5 180/55ZR17 73W für sportliche Naked Bikes sowie der Langläufer Metzeler ME 888 Marathon Ultra für Cruiser und Tourer. Wer den Reifenwechsel plant, achtet am besten gleich darauf, beide Reifen mit möglichst frischem Herstellungsdatum zu bekommen.

Häufige Fragen

Woran merke ich, dass die Gummimischung ausgehärtet ist?

Ein sicheres äußeres Zeichen sind feine Haarrisse auf der Flanke oder in den Profilrillen. Der Gummi fühlt sich außerdem hart und wenig elastisch an. Zuverlässig lässt sich das Aushärten aber nicht ertasten – deshalb ist das Produktionsdatum über die DOT-Nummer der bessere Maßstab.

Darf ich einen mehrere Jahre alten, ungefahrenen Reifen noch montieren?

Bei fachgerechter, kühler und trockener Lagerung gilt ein unbenutzter Reifen laut Continental bis etwa fünf Jahre nach der Produktion als neuwertig. Danach sollten Sie ihn kritisch prüfen; älter als zehn Jahre ab Produktionsdatum gehört ein Reifen grundsätzlich ersetzt.

Verliert ein alter Motorradreifen wirklich spürbar Grip?

Ja. Mit dem Aushärten sinkt die Haftung, der Bremsweg wächst, und in der Schräglage baut der Reifen weniger Grip auf – also genau dort, wo das Motorrad ihn am dringendsten braucht. Der ADAC weist darauf hin, dass eine gefährliche Verhärtung schon vor fünf Jahren auftreten kann.

Schlagwörter: Motorradreifen Reifenalter DOT-Nummer Reifenwechsel Motorrad Sicherheit

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