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Reifenlabel & EU-Kennzeichnung – Ratgeber im Magazin

Nasshaftung D und E: Warum diese Reifen in keinem Vergleichstest auftauchen

· 11 Min. Lesezeit · Aktualisiert am 24.08.2026
Autoreifen auf nasser Fahrbahn mit Sprühfahne (KI-generiert, OpenAI)
Autoreifen auf nasser Fahrbahn mit Sprühfahne (KI-generiert, OpenAI)

Auf jedem Neureifen für Pkw klebt ein Etikett mit drei Bewertungen, und eine davon ist die wichtigste für Ihre Sicherheit: die Nasshaftung. Die Skala reicht von A bis E. Über das obere Ende wird viel geschrieben — über das untere fast nie. Dabei steckt dort eine Information, die kein Reifentest der Welt Ihnen liefern kann: Reifen mit den Klassen D und E tauchen in Vergleichstests gar nicht erst auf, weil sie vom Testkonsortium schon vor dem ersten Bremsversuch aussortiert werden. Wir haben deshalb zwei komplette Reifengrößen in unserem Sortiment ausgezählt und uns angesehen, wer am unteren Ende der Skala steht, was diese Reifen kosten und warum ein E nicht in jedem Fall dasselbe bedeutet.

Was die Klassen A bis E über die Nasshaftung wirklich sagen

Die Nasshaftungsklasse ist kein Gefühl und keine Herstellermeinung, sondern ein Messergebnis. Nach der Reifen-Kennzeichnungs-Verordnung (EU) 2020/740 wird auf nasser Fahrbahn entweder der Bremsweg mit ABS oder der maximale Reibwert zwischen Reifen und Fahrbahn ermittelt und mit den Werten eines Referenzreifens verglichen. Aus diesem Vergleich entsteht der sogenannte Nasshaftungskoeffizient G, und der wird anschließend in die Klassen A bis E einsortiert — A steht für den kürzesten, E für den längsten Bremsweg. Das erklärt der Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie auf seiner Informationsseite zum Reifenlabel und seinen Bewertungskriterien ausführlich.

Wie groß der Abstand zwischen oben und unten ausfällt, ist beziffert: Ist ein Pkw komplett mit Reifen der Klasse A bestückt, kann er bei einer Vollbremsung aus 80 km/h auf durchschnittlich griffiger Fahrbahn bis zu 18 Meter früher stehen als derselbe Wagen auf Reifen der Klasse E. Achtzehn Meter sind mehr als vier Autolängen — das ist der Unterschied zwischen einem Schreckmoment und einem Auffahrunfall. Wie sich diese Spanne auf die einzelnen Klassenstufen verteilt und was sie im Alltag bedeutet, haben wir in unserem Ratgeber dazu beschrieben, wie viel kürzer ein Reifen mit Nasshaftung A bremst.

Wichtig ist dabei ein Detail, das oft untergeht: Die Klasse gehört nicht zum Modellnamen, sondern zur einzelnen Ausführung. Derselbe Reifen kann in einer Größe ein B und in der nächsten ein C tragen. Wer sich auf das EU-Reifenlabel verlässt, muss deshalb immer die Angabe zu genau der Größe und Kennung lesen, die er kaufen will — nicht die zum Modell allgemein.

Der ADAC lässt D und E gar nicht erst antreten

Jetzt kommt der Punkt, der in kaum einer Kaufberatung steht. Das Testkonsortium um den ADAC wählt die Reifenmodelle für seine Vergleichstests nach Marktbedeutung und Preisspanne aus — und filtert vorher hart. Auf den Übersichtsseiten zu den Reifentests beschreibt der Club die Produktauswahl wörtlich so: „Bei der Produktauswahl werden nur Reifenmodelle berücksichtigt, deren EU-Reifenlabel in dem Kriterium ‚Nasshaftung‘ die Klasse ‚C‘ oder besser trägt. Damit soll vermieden werden, dass Reifen an dem Vergleichstest teilnehmen, die dem Anschein nach die Mindestanforderung in diesem wichtigen Kriterium nicht erfüllen.“ Nachlesen können Sie das in der Methodenbeschreibung zum ADAC-Sommerreifentest in 225/50 R17.

Daraus folgt etwas Grundsätzliches über Reifentests: Ein Testfeld ist keine Stichprobe des Marktes, sondern bereits eine Vorauswahl. Wenn in einem Test „kein Reifen durchfällt“, heißt das nicht, dass es keine schwachen Reifen gibt — es heißt, dass die schwächsten von vornherein nicht mitfahren durften. Und umgekehrt: Ein Reifen, der in keinem Test auftaucht, muss deshalb noch lange kein schlechter Reifen sein. Für die allermeisten Größen gibt es schlicht überhaupt keinen aktuellen Test, wie unsere Auszählung der Testarchive zeigt — sie beziffert, für welche Reifengrößen es überhaupt aktuelle Tests gibt.

Für Sie als Käufer bedeutet die Regel zweierlei. Erstens: Das Label ist an dieser Stelle informativer als jede Testnote, weil es für jede einzelne Ausführung existiert und nicht nur für die zwei Handvoll Modelle, die es ins Testfeld geschafft haben. Zweitens: Ein D oder E ist ein Signal, das die Fachwelt selbst ernst nimmt — sonst würde man diese Reifen nicht vom Vergleich ausschließen. Bleibt die Frage, wie oft Ihnen dieses Signal beim Reifenkauf überhaupt begegnet.

33 von 852: Wie selten das untere Ende in einer Bestseller-Größe ist

Um das zu beantworten, haben wir eine der meistgefragten Pkw-Größen unseres Shops vollständig ausgezählt: 205/55 R16. Erfasst wurden am 22. August 2026 alle lieferbaren Pkw-Reifen dieser Dimension über mehrere unabhängige Abfrageachsen — nach Saison, nach Marke, nach Profil und nach Kennung —, anschließend wurden die Treffer über die Artikelnummer entdoppelt. Das Ergebnis: 852 lieferbare Ausführungen von 85 Marken, davon 434 Sommerreifen, 221 Winterreifen, 194 Ganzjahresreifen und drei Sportreifen.

So verteilen sich diese 852 Ausführungen auf die Nasshaftungsklassen:

  • Klasse A — 174 Ausführungen (20,4 Prozent): jeder fünfte Reifen im Regal erreicht die Bestnote.
  • Klasse B — 443 Ausführungen (52,0 Prozent): die klare Mehrheit, mehr als die Hälfte des Angebots.
  • Klasse C — 202 Ausführungen (23,7 Prozent): solide Mitte und zugleich die letzte Stufe, die der ADAC in ein Testfeld lässt.
  • Klasse D — 10 Ausführungen (1,2 Prozent).
  • Klasse E — 23 Ausführungen (2,7 Prozent).

Unter dem Strich tragen also 33 von 852 Ausführungen die Klasse D oder E — 3,9 Prozent. Die übrigen 819 Reifen, also 96,1 Prozent des Angebots in dieser Größe, erfüllen die Zugangshürde des Testkonsortiums. In einer gefragten Bestseller-Dimension ist das untere Ende der Skala damit die Ausnahme und nicht die Regel; wer hier zufällig zugreift, landet mit hoher Wahrscheinlichkeit bei B oder C. Beruhigend ist das trotzdem nur auf den ersten Blick — denn die 33 verteilen sich nicht gleichmäßig über das Regal, und sie sind auch nicht dort, wo man sie vermuten würde.

Auffällig ist zunächst die Saisonverteilung. Winterreifen stellen 221 der 852 Ausführungen, also gut ein Viertel des Angebots. Unter den 33 Reifen mit D oder E sind es aber 22 — zwei Drittel. Winterreifen sind am unteren Ende der Nasshaftungsskala damit rund zweieinhalbmal so stark vertreten wie im Gesamtangebot. Fünf Sommerreifen, fünf Ganzjahresreifen und ein Sportreifen machen den Rest aus.

In der kleinen Größe trifft es mehr als jeden zwölften Reifen

Damit aus einer Momentaufnahme ein belastbares Bild wird, haben wir dieselbe Vollerhebung in einer zweiten, deutlich kleineren Dimension wiederholt: 165/70 R14, eine typische Kleinwagengröße, die in unserer Nachfragestatistik ebenfalls weit oben steht. Hier fanden wir 267 lieferbare Pkw-Ausführungen von 75 Marken — 107 Sommer-, 77 Winter- und 83 Ganzjahresreifen.

Das Bild kippt deutlich. Nur acht Ausführungen (3,0 Prozent) erreichen Nasshaftung A, 95 (35,6 Prozent) liegen bei B und 140 (52,4 Prozent) bei C. Am unteren Ende stehen zwölf Reifen mit D und elf mit E: 23 von 267 Ausführungen oder 8,6 Prozent — mehr als jeder zwölfte Reifen und damit gut doppelt so häufig wie in 205/55 R16. Auch hier sind Winterreifen überrepräsentiert: Sie stellen 28,8 Prozent des Angebots, aber zwölf der 23 Reifen am unteren Ende.

Dass kleine Größen bei den Labelklassen insgesamt schlechter dastehen, ist kein Zufall dieser einen Dimension, sondern ein Muster, das sich über das ganze Sortiment zieht — wir haben es an anderer Stelle über mehrere Zollgrößen hinweg ausgewertet und beschrieben, warum kleine Reifengrößen selten ein A auf dem Label tragen. Für den Kauf heißt das: Je kleiner Ihr Rad, desto genauer lohnt sich der Blick auf die Nasshaftungsklasse, weil die Wahrscheinlichkeit spürbar steigt, in diesem Regal auf ein D oder E zu stoßen.

Der Preis warnt Sie nicht

Die naheliegende Vermutung lautet: Reifen mit D oder E sind die Billigsten im Regal, und wer etwas mehr ausgibt, ist automatisch auf der sicheren Seite. Unsere Zahlen widerlegen das ziemlich gründlich. In 205/55 R16 liegt der Medianpreis aller 852 Ausführungen bei 67,80 Euro — der Medianpreis der 33 Reifen mit D oder E bei 65,80 Euro. Das ist praktisch derselbe Betrag. In 165/70 R14 ist es sogar umgekehrt: Dort kostet der mittlere Reifen 50,10 Euro, der mittlere Reifen mit D oder E aber 53,40 Euro. Am Preisschild ist die schwache Nasshaftung also nicht zu erkennen.

Wer nach Markennamen geht, kommt ebenfalls nicht weit. Unter den 33 Ausführungen mit D oder E in 205/55 R16 stehen zwar erwartbare Namen aus dem Budgetsegment — aber eben nicht nur. Der teuerste Reifen der Gruppe ist der Toyo Proxes R888R 205/55 R16 94W für 183,00 Euro. Der Dunlop SP Winter Sport 3D 205/55 R16 91H kostet 149,80 Euro, der Bridgestone Blizzak Ice 205/55 R16 94S 119,20 Euro und der Michelin X-Ice Snow 205/55 R16 94H 118,00 Euro — alle vier mit Nasshaftung E, alle vier deutlich über dem Median ihrer Größe. Umgekehrt gibt es die Bestnote schon für kleines Geld: Der Nexen N blue S 205/55 R16 91V trägt bei 55,50 Euro Nasshaftung A und zusätzlich Kraftstoffeffizienz A. Preis und Labelklasse sind in dieser Größe schlicht zwei unabhängige Größen. Alle Preise sind Stände vom 22. August 2026 und ändern sich im Reifenhandel laufend.

Warum ein E nicht automatisch „schlechter Reifen“ heißt

Jetzt wird es differenziert — und ehrlicherweise komplizierter, als es die Skala vermuten lässt. Sehen Sie sich die vier teuren E-Reifen von oben noch einmal an: Drei davon tragen „Ice“ oder „Blizzak Ice“ im Namen und sind ausgesprochene Eis- und Schneespezialisten, der vierte ist ein Semislick für die Rennstrecke. Das ist kein Zufall, sondern die logische Folge dessen, was das Label misst: die Haftung auf nassem Asphalt bei Temperaturen des europäischen Prüfverfahrens. Eine Gummimischung, die auf Eis und festgefahrenem Schnee greifen soll, ist auf eine ganz andere Betriebstemperatur und Oberfläche ausgelegt — und ein Semislick ist für trockene, warme Strecke gebaut, weshalb wir seine Stärken und Grenzen gesondert beschrieben haben, nämlich was Semislicks von normalen Sommerreifen unterscheidet. Beide Bauarten erkaufen ihre Spezialität mit Nasshaftung, und genau das zeigt das Label auch an.

Die richtige Lesart ist deshalb nicht „D oder E gleich Schrott“, sondern: Das Label sagt Ihnen, worauf dieser Reifen nicht ausgelegt ist. Für den Alltag auf deutschen Straßen — nasse Landstraße, nasse Autobahn, Regen im November — ist die Nasshaftung das wichtigste der drei Kriterien, weil hier die meisten kritischen Situationen entstehen. Wer sein Auto überwiegend so bewegt, sollte D und E meiden, unabhängig vom Preis und unabhängig vom Markennamen. Wer dagegen bewusst einen Eisspezialisten für eine Skandinavien-Reise oder einen Semislick für Trackdays kauft, weiß, was er tut, und akzeptiert den Kompromiss mit offenen Augen. Beides ist eine legitime Entscheidung — nur eben keine, die man versehentlich treffen sollte.

Bleibt der Rest der Gruppe: Reifen, die weder Eisspezialist noch Rennstreckengerät sind und trotzdem am unteren Ende stehen. Bei ihnen ist das D oder E genau das, wonach es aussieht — ein schwacher Wert in der Disziplin, die im Alltag am häufigsten über den Ausgang einer brenzligen Situation entscheidet.

So gehen Sie beim Kauf damit um

Aus den Zahlen ergibt sich eine kurze, praktikable Routine, die keine zwei Minuten kostet:

  1. Nasshaftungsklasse der konkreten Ausführung lesen, nicht die des Modells. In unseren Artikeldaten steht sie bei jedem Reifen; im stationären Handel steht sie auf dem Aufkleber und im Produktdatenblatt.
  2. C als Untergrenze setzen, wenn der Reifen ein normaler Straßenreifen für den deutschen Alltag werden soll. Das ist dieselbe Schwelle, die auch das Testkonsortium anlegt.
  3. Bei D oder E prüfen, ob es einen Grund gibt. Nordischer Eisreifen, Semislick, sehr alte Modellgeneration? Dann ist der Wert erklärbar. Wenn nicht, weitersuchen — in beiden untersuchten Größen gibt es reichlich Alternativen.
  4. Nicht über den Preis abkürzen. Ein A ist in 205/55 R16 ab 45,40 Euro zu haben, ein E kann 183,00 Euro kosten. Der Betrag sagt über diese Klasse nichts aus.

Konkret heißt das zum Beispiel: In 205/55 R16 bekommen Sie mit dem Uniroyal RainSport 5 205/55 R16 91H für 64,50 Euro einen Sommerreifen mit Nasshaftung A von einem Hersteller, der sich seit Jahrzehnten auf Nässe spezialisiert. Und selbst in der kleinen Größe ist die Bestnote nicht unerreichbar: Der GT-Radial FE2 165/70 R14 81T kostet 40,80 Euro und trägt ebenfalls ein A bei der Nasshaftung. Das komplette Angebot finden Sie auf unseren Größenseiten für alle Reifen in 205/55 R16 und für das Angebot in 165/70 R14.

Unterm Strich: Das untere Ende des Labels ist selten, aber es ist da — und es versteckt sich weder hinter niedrigen Preisen noch hinter unbekannten Marken. Ein Blick auf einen einzigen Buchstaben genügt, um es zu erkennen.

Häufige Fragen

Darf ein Reifen mit Nasshaftung D oder E überhaupt verkauft werden?

Ja. Das EU-Reifenlabel ist eine Informationspflicht und kein Verbot — es macht die gemessene Leistung nur sichtbar. Ob ein Reifen auf den Markt darf, regelt separat die technische Typgenehmigung nach der UNECE-Regelung Nr. 117, deren verschärfte Anwendung seit Juli 2026 tatsächlich Modelle aus dem Handel genommen hat; das haben wir in unserem Beitrag zur ECE-R117 und ihren Folgen für das Reifenangebot beschrieben.

Hat ein Reifenmodell immer dieselbe Nasshaftungsklasse?

Nein. Die Klasse wird je Ausführung ermittelt, also je Kombination aus Größe, Last- und Geschwindigkeitsindex. Ein Modell kann in einer Dimension ein B und in einer anderen ein C oder D tragen. Wie stark diese Unterschiede innerhalb einer einzigen Reifenfamilie ausfallen können, zeigt unsere Auswertung dazu, warum derselbe Reifen je nach Größe ein anderes EU-Label trägt.

Wie erkenne ich die Klasse, bevor ich bestelle?

Bei jedem Neureifen für Pkw, Transporter und Lkw müssen die drei Labelwerte vor dem Kauf sichtbar sein. Im Onlinehandel stehen sie in den Artikeldaten, auf dem Reifen selbst klebt das Etikett, und über den QR-Code auf dem Label gelangen Sie in die europäische Produktdatenbank EPREL mit dem hinterlegten Datenblatt.

Schlagwörter: EU-Reifenlabel Nasshaftung Reifentest Kaufberatung Sicherheit

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