Norauto Wintersys 2: Das EU-Register kennt 26 Größen — aber keinen Hersteller
Am 2. Oktober hat ATU den Nachfolger seines Winterreifens der Eigenmarke Norauto in den Handel gebracht. Unter der Meldung stand binnen zwei Stunden die Frage, die bei jeder Handelsmarke zuerst kommt: Wer baut diesen Reifen eigentlich? Die Fachredaktion antwortete noch am selben Tag, dazu lägen ihr keine belastbaren Erkenntnisse vor. Wir haben deshalb dort nachgesehen, wo seit 2021 jeder in der EU verkaufte Reifen eingetragen sein muss — in der Produktdatenbank EPREL. Die Antwort fällt in zwei Hälften auseinander, und genau diese Zweiteilung ist die eigentliche Nachricht.
Was ATU angekündigt hat — und welche Frage offenblieb
Nach dem Sommerreifen Prevensys 5 im Frühjahr bringt die Werkstattkette nun die zweite Generation ihres Winterprofils, und zwar gleich in zwei Ausführungen. Die als High-Performance-Variante bezeichnete Wintersys 2 ist laut Hersteller für das breite Volumensegment gedacht und soll ausgewogene Wintereigenschaften mit hohem Fahrkomfort verbinden; die Ultra-High-Performance-Version Wintersys 2 UHP ist demnach für größere und leistungsstärkere Fahrzeuge ausgelegt und soll eine entsprechend hohe Fahrstabilität bieten. Verfügbar sind beide ab sofort in den gut 500 deutschen Filialen der Kette sowie in deren Onlineshop; dazu gibt das Unternehmen eine 14-tägige Zufriedenheitsgarantie, in deren Rahmen Kundinnen und Kunden die Reifen zwei Wochen im Alltag fahren können sollen. ATU gehört zur französischen Mobivia-Gruppe. All das meldet die Neue Reifenzeitung am 2. Oktober 2026.
Was in der Meldung nicht steht, ist alles Technische: keine Größenliste, keine Werte vom EU-Reifenlabel, kein Preis — und eben kein Produzent. Auf die direkte Leserfrage nach dem Hersteller antwortete die Redaktion am 2. Oktober, dazu lägen noch keine belastbaren Erkenntnisse vor. Ein weiterer Kommentar nannte zwar zwei Firmennamen, stützte sich dabei aber auf einen Fabrikstempel an einzelnen gesehenen Reifen. Das ist kein überprüfbarer Beleg, und wir führen solche Angaben hier bewusst nicht als Tatsache. Das EU-Register dagegen ist überprüfbar — jeder kann dieselbe Abfrage wiederholen.
243 Registereinträge auf einen Markennamen
Die EU-Produktdatenbank EPREL führt zu jedem in der EU in Verkehr gebrachten Reifen einen Eintrag mit Größe, Kennung, Labelwerten — und mit dem Unternehmen, das den Eintrag verantwortet. Wir haben die Marke am 4. Oktober 2026 vollständig abgefragt: Das Register nennt 243 Einträge unter dem Markennamen Norauto. Alle 243 stehen auf dem Status „veröffentlicht“, und bei allen 243 ist die Organisation verifiziert. Dass die Ernte vollständig ist, lässt sich beweisen: Die Datenbank gibt die Trefferzahl selbst mit 243 an, und unsere Auswertung enthält genau 243 verschiedene Registriernummern.
Diese 243 Einträge verteilen sich auf sechs Produktlinien: die Sommerreifen Prevensys 4 (71 Einträge) und Prevensys 5 (71), die Ganzjahresreifen 4 Seasons (25), 4 Seasons 2 (44) und 4 Seasons Van 2 (5) sowie den neuen Winterreifen Wintersys 2 mit 26 Einträgen. Ein einzelner Eintrag trägt statt eines Handelsnamens nur eine interne Nummer. Wie man eine Marke auf diesem Weg selbst nachschlägt und welche Fallen dabei lauern, haben wir in einer größeren Erhebung über 27.214 Registereinträge zu 29 günstigen Reifenmarken ausführlich beschrieben.
Beim Winterreifen fehlt der Hersteller — beim Ganzjahresreifen steht er da
Jetzt der Befund, auf den es ankommt. Das Register verzeichnet zu jedem Eintrag nicht nur, welches Unternehmen ihn angelegt hat, sondern auch, in welcher Rolle es das getan hat: als Hersteller, als Bevollmächtigter oder als Importeur. Und die 243 Norauto-Einträge teilen sich hier exakt in zwei Blöcke.
- 169 Einträge stehen auf die Norauto International mit Sitz in Villeneuve-d'Ascq in Frankreich — und zwar durchgängig in der Rolle Bevollmächtigter. Das sind beide Prevensys-Generationen und, für uns entscheidend, alle 26 Einträge der Wintersys 2.
- 74 Einträge stehen auf die Hankook Tire Europe GmbH in Deutschland — und zwar durchgängig in der Rolle Hersteller. Das sind die drei Ganzjahreslinien 4 Seasons, 4 Seasons 2 und 4 Seasons Van 2.
Im Klartext: Bei den Ganzjahresreifen der Marke beantwortet das Register die Herstellerfrage von selbst. Beim neuen Winterreifen beantwortet es sie nicht — dort hat sich die Handelsmarke selbst als Bevollmächtigte eingetragen, und ein produzierendes Unternehmen taucht in keinem der 26 Einträge auf.
Daraus folgt ausdrücklich nicht, dass derselbe Konzern auch den Winterreifen baut. Die Rollenangabe sagt genau das, was sie sagt: Für diese 26 Einträge übernimmt die Markeninhaberin die rechtliche Verantwortung, und wer die Reifen fertigt, ist dem Register nicht zu entnehmen. Das ist bei Hausmarken von Werkstattketten ein verbreitetes Muster und für sich genommen weder ungewöhnlich noch ein Mangel — es bedeutet nur, dass diese eine Frage über das Register offenbleibt. Wer sich für die Konzernstrukturen hinter günstigen Namen interessiert, findet in unserer Auswertung zu sechs Budgetmarken aus einem einzigen belgischen Haus das Gegenstück dazu.
Das Etikett: 26-mal dieselbe Nasshaftung
Was das Register sehr wohl hergibt, sind die harten Werte. Die 26 Einträge der Wintersys 2 decken 23 verschiedene Größen ab, verteilt auf 14 Zoll (eine Größe), 15 Zoll (vier), 16 Zoll (sechs), 17 Zoll (neun), 18 Zoll (fünf) und 19 Zoll (eine). Der Lastindex reicht von 81 bis 105. Alle 26 Einträge tragen das Alpine-Symbol, sind also als winterreifentauglich im Sinne der Kennzeichnung geführt — was das Symbol rechtlich bedeutet, erklären wir im Beitrag zum Alpine-Symbol und seiner Bedeutung für die Winterreifenpflicht.
Beim EU-Reifenlabel ist das Bild bemerkenswert einheitlich. Die Nasshaftung steht bei allen 26 Einträgen auf B — keine einzige Ausführung erreicht A, keine fällt auf C. Auch die Geräuschklasse ist durchgehend B, der gemessene Wert liegt bei 23 Einträgen bei 72 Dezibel und bei drei kleineren Größen bei 71. Lediglich die Kraftstoffeffizienz streut, und zwar nach unten: 20 Einträge stehen auf C, vier auf D, und nur zwei Größen erreichen B.
Interessant wird das im Hausvergleich. Dieselbe Marke erreicht mit ihren beiden Sommerreifen Prevensys 4 und Prevensys 5 in allen 142 Einträgen die Nasshaftungsklasse A, bei Prevensys 5 kommen sogar elf Einträge mit Effizienz A dazu. Die Ganzjahreslinien liegen dagegen wie der neue Winterreifen bei B. Innerhalb des eigenen Programms ist der Winterreifen beim Nassgriff also eine Klasse unter dem Sommerreifen angesiedelt — kein Beinbruch, aber eine Einordnung, die man kennen sollte, bevor man das Wort „Nachfolger“ mit „besser als alles andere“ übersetzt.
Zwei Varianten, ein Name im Register
Die Ankündigung spricht von zwei Ausführungen, HP und UHP. Im Register findet sich dieser Unterschied im Handelsnamen nicht wieder: Alle 26 Einträge laufen schlicht unter „Wintersys 2“. Sichtbar wird die Zweiteilung nur über die Kennung — und zwar an drei Größen, die doppelt eingetragen sind:
- 195/65 R15 einmal als 91T und einmal als 95H
- 205/55 R16 einmal als 91H und einmal als 91V
- 225/45 R17 einmal als 91H mit Effizienz D und einmal als 94V mit Effizienz C
Über alle 26 Einträge verteilen sich die Geschwindigkeitsindizes auf 13-mal V, 11-mal H und 2-mal T. Dass die V-Einträge die UHP-Variante sind, liegt nahe, lässt sich aus dem Register aber nicht belegen — dort steht kein Feld, das die beiden Linien trennt. Praktisch heißt das: Wer die beiden Ausführungen auseinanderhalten will, muss auf Last- und Geschwindigkeitsindex schauen, nicht auf den Produktnamen. Das ist dieselbe Vorsicht, die generell beim Reifenkauf gilt — das Etikett gehört immer zur konkreten Ausführung, nie zum Modellnamen.
Eingetragen im April, angekündigt im Oktober
Ein Nebenbefund, der für die Praxis mehr taugt, als es zunächst klingt: Alle 26 Einträge nennen als Markteintritt den 13. April 2026, veröffentlicht wurden sie am 13. und 14. April. Als Produktionsbeginn ist durchgehend die 10. Kalenderwoche 2026 hinterlegt. Die Verfügbarkeitsmeldung kam am 2. Oktober — also knapp sechs Monate später.
Für Leserinnen und Leser ist das ein brauchbarer Hinweis darauf, wie dieses Register funktioniert: Reifen stehen dort regelmäßig lange, bevor sie in der Fachpresse auftauchen oder im Regal liegen. Wer wissen will, welche Größen und Labelwerte ein angekündigtes Profil haben wird, muss nicht auf das Datenblatt warten — die Pflichtangaben sind längst öffentlich. Umgekehrt gilt: Ein Registereintrag ist kein Beweis dafür, dass ein Reifen auch tatsächlich schon zu kaufen ist.
Was Nasshaftung B in diesen 23 Größen wert ist
Kaufen können Sie die Wintersys 2 bei uns nicht — Hausmarken von Werkstattketten sind an die jeweilige Kette gebunden, und wir führen keinen einzigen Norauto-Reifen. Die 23 Größen sind aber alles andere als exotisch, und deshalb lässt sich gut einordnen, wo dieses Etikett im freien Markt steht. In unserem Sortiment stehen aktuell 8.879 lieferbare Pkw-Winterreifen; davon entfallen 2.562 Ausführungen von 77 Marken auf genau diese 23 Größen — also fast drei von zehn. Der Preis reicht dort von 38,49 Euro bis 789,46 Euro, der Median liegt bei 85,72 Euro.
Und so verteilt sich die Nasshaftung in diesem Ausschnitt: A nur 96-mal (3,7 Prozent), B 1.135-mal (44,3 Prozent), C 1.030-mal (40,2 Prozent), der Rest verteilt sich auf D (113), E (173) und F (15). Ein durchgängiges B bedeutet damit: Die Wintersys 2 liegt beim Nassgriff in der besseren Hälfte dieses Regals — zusammen gehören A und B hier auf 48,0 Prozent der Ausführungen. Bei der Effizienz ist C oder D erst recht keine Auffälligkeit, sondern der Normalfall: 75,3 Prozent der 2.562 Ausführungen stehen dort auf C oder D.
Die ehrlichere Frage lautet deshalb nicht „ist B gut?“, sondern „was kostet es, eine Klasse besser zu fahren?“. Die 96 Ausführungen mit Nasshaftung A beginnen bei 49,04 Euro, ihr Median liegt bei 96,07 Euro. Die Spitzenklasse ist also nicht grundsätzlich teuer, sie ist nur selten — und sie konzentriert sich auf wenige Modellreihen: Linglong (33 Ausführungen) und Bridgestone (33) stellen zusammen zwei Drittel aller A-Reifen in diesen Größen, dahinter folgen Pirelli (10), Sailun (8), Kumho (7), Nokian (3) und Radar (2).
In 22 der 23 Größen gibt es mindestens einen Reifen mit Nasshaftung A. Die einzige Ausnahme ist 165/70 R14: Dort stehen 75 Winterreifen im Regal, der Median liegt bei 49,87 Euro, aber kein einziger erreicht die Spitzenklasse beim Nassgriff. In der meistgefragten Pkw-Größe 205/55 R16 ist das Bild typischer — 222 lieferbare Winterreifen, Median 75,42 Euro, davon sechs mit Nasshaftung A. Drei einzeln geprüfte Belegfälle aus diesem Ausschnitt:
- Sailun ICE BLAZER Alpine2 205/55 R16 91H — 53,54 Euro, Effizienz C, Nasshaftung A, 68 dB
- Linglong GRIP MASTER WINTER 205/60 R16 92H — 49,04 Euro, Effizienz D, Nasshaftung A, 72 dB
- Bridgestone Blizzak LM005 195/65 R15 91T — 67,22 Euro, Effizienz C, Nasshaftung A, 71 dB
Alle drei liegen unter oder nahe am Median ihrer Größe und bieten trotzdem die beste Nasshaftungsklasse. Das ist der eigentliche Hebel: nicht die Marke, sondern das Etikett der konkreten Ausführung.
Was Sie daraus für den eigenen Kauf mitnehmen
Drei Dinge lassen sich aus diesem Fall verallgemeinern. Erstens: Ein Markenname sagt nichts über die Fabrik. Ob hinter einem Namen ein Reifenkonzern, ein Großhändler oder die Kette selbst steht, steht im Register — und wechselt bei Hausmarken sogar von Produktlinie zu Produktlinie, wie die Norauto-Einträge mustergültig zeigen. Zweitens: Die Rollenangabe ist der entscheidende Teil des Eintrags. Steht dort „Hersteller“, haben Sie eine Antwort; steht dort „Bevollmächtigter“, haben Sie nur die rechtlich verantwortliche Firma. Drittens: Vergleichbar werden Reifen erst über die Labelwerte der konkreten Größe, nicht über den Produktnamen — und dort ist zwischen B und A beim Nassgriff oft weniger Preisunterschied, als man vermutet.
Wer abschätzen will, was ein bekannter Name tatsächlich kostet, findet die Rechnung dazu in unserem Vergleich von 95 Preispaaren aus sechs Reifenkonzernen. Und wenn Ihnen im Regal ein Name begegnet, den Sie noch nie gehört haben, hilft unsere Prüfliste dafür, wie Sie eine unbekannte Reifenmarke seriös einschätzen. Die passende Auswahl für die kommende Saison finden Sie in unseren Winterreifen für Pkw.
Häufige Fragen
Ist ein Reifen schlechter, wenn im Register kein Hersteller genannt wird?
Nein. Die Rollenangabe beschreibt, wer rechtlich für den Eintrag geradesteht, nicht die Qualität des Produkts. Aussagekräftig für die Fahreigenschaften sind die Labelwerte und unabhängige Tests — nicht die Frage, ob dort „Hersteller“ oder „Bevollmächtigter“ steht.
Bekomme ich die Wintersys 2 auch außerhalb der Werkstattkette?
Nach der Ankündigung vom 2. Oktober wird der Reifen über die rund 500 Filialen der Kette und deren eigenen Onlineshop vertrieben. Hausmarken sind üblicherweise an ihren Vertriebsweg gebunden; wir führen die Marke nicht.
Wie schlage ich eine Handelsmarke selbst im EU-Register nach?
Rufen Sie die Reifensuche der EPREL-Datenbank auf und geben Sie den Markennamen als Lieferant oder Handelsmarke ein. Achten Sie in der Trefferliste auf die konkrete Größe samt Last- und Geschwindigkeitsindex — und darauf, in welcher Rolle das eingetragene Unternehmen geführt wird.