Anhängerreifen richtig wählen: Größe, Tragfähigkeit und Bauart
Ob Boot, Pferdeanhänger, Wohnwagen oder der kleine Kastenanhänger für den Baumarkt: Im Sommer sind Anhänger ständig im Einsatz – und wer neue Reifen braucht, steht schnell vor der Frage, welche eigentlich passen. Anhängerreifen folgen nämlich einer ganz eigenen Logik. Sie laufen wenig Kilometer, tragen aber viel Last, stehen oft monatelang und altern dadurch am Datum statt am Profil. Dieser Ratgeber führt Sie Schritt für Schritt durch die Auswahl: von der richtigen Größe über die Tragfähigkeit bis zur Bauart – damit Sie sicher und legal in den Urlaub kommen.
Was Anhängerreifen von Pkw-Reifen unterscheidet
Ein Anhänger hat keinen eigenen Antrieb und keine Lenkung – seine Reifen müssen vor allem eines können: Last tragen. Schon ein kleiner Einachser ist im beladenen Zustand rasch am zulässigen Achslast-Limit, und ein voll beladener Wohnwagen bringt mehrere Hundert Kilogramm pro Reifen auf die Straße. Beim Pkw dreht sich die Reifenwahl um Grip, Bremsweg und Abrollkomfort; beim Anhänger stehen dagegen Tragreserve und Alterungsbeständigkeit im Vordergrund. Genau deshalb greifen viele Anhängerbesitzer zu verstärkten Reifen mit kräftigeren Seitenwänden.
Hinzu kommt der geringe Kilometerstand. Ein Reifensatz, der in zehn Jahren kaum 5.000 Kilometer sieht, hat am Ende oft noch reichlich Profil – ist aber durch die Alterung des Gummis längst spröde geworden. Bei Anhängerreifen entscheidet deshalb fast immer das Alter über den Wechselzeitpunkt, nicht der Verschleiß. Gerade das macht das Thema so tückisch: Ein optisch noch „guter" Reifen kann bei voller Beladung und sommerlicher Hitze plötzlich versagen, weil die überalterte Gummimischung der Belastung nicht mehr standhält. Für die Auswahl heißt das: Nicht der sportlichste oder leiseste Reifen zählt, sondern einer, der die Last souverän trägt und beim Kauf möglichst frisch ist.
Reifengröße und Kennzahlen: die Flanke richtig lesen
Alles, was Sie für die Auswahl brauchen, steht auf der Reifenflanke. Eine typische Anhängergröße lautet 155/70 R13C 75N – und jede Angabe hat ihre Bedeutung:
- 155 – die Reifenbreite in Millimetern.
- 70 – das Höhen-Breiten-Verhältnis in Prozent (Flankenhöhe = 70 % der Breite).
- R – Radialbauart; 13 – der Felgendurchmesser in Zoll.
- C – die Kennung für einen verstärkten Nutzlast-Reifen (dazu gleich mehr).
- 75 – der Lastindex (LI), also die Tragfähigkeit pro Reifen. LI 75 entspricht 387 kg, LI 78 sind 425 kg, LI 84 bereits 500 kg je Reifen.
- N – der Geschwindigkeitsindex: N steht für 140 km/h, M für 130 km/h und L für 120 km/h.
Tragfähigkeit an die Achslast anpassen: Der entscheidende Schritt bei der Auswahl ist, den Lastindex zur zulässigen Achslast Ihres Anhängers passend zu wählen. Die Faustregel für eine Achse mit zwei Reifen lautet: Die Tragfähigkeit eines Reifens, mal zwei, muss mindestens die zulässige Achslast erreichen. Bei 600 kg zulässiger Achslast braucht jeder Reifen also mindestens 300 kg Tragfähigkeit – LI 75 (387 kg) läge hier komfortabel darüber. Die zulässige Achslast finden Sie auf dem Typenschild des Anhängers und in der Zulassungsbescheinigung Teil I. Wichtig: Lastindex und Geschwindigkeitsindex dürfen Sie überschreiten, aber nie unterschreiten. Wie die genauen Tragfähigkeits- und Tempowerte hinter den Indizes aussehen, lesen Sie ausführlich im Ratgeber Lastindex und Geschwindigkeitsindex am Reifen.
ST, C oder Reinforced: den passenden Reifentyp wählen
Weil Anhänger so viel Last tragen, sind gewöhnliche Standard-Pkw-Reifen selten die beste Wahl. In der Praxis begegnen Ihnen drei Bauarten:
- ST-Reifen (Special Trailer): speziell für Anhänger konstruiert, mit besonders steifen Seitenwänden. Da an einem Anhänger keine Antriebs- oder Lenkkräfte wirken, sind sie ganz auf Lastaufnahme und Spurtreue ausgelegt – ideal für Boots-, Pferde- und Kastenanhänger in den typischen kleinen Größen.
- C-Reifen (Commercial): ursprünglich für Transporter und Nutzfahrzeuge, mit verstärkter Karkasse für hohe Last und höheren Luftdruck. Sie sind auf schwereren Anhängern und Wohnwagen weit verbreitet und an dem angehängten „C" hinter der Größe erkennbar.
- Reinforced bzw. XL: ein Pkw-Reifen mit verstärktem Unterbau und höherem Lastindex als die Standardversion gleicher Größe – eine Option, wenn kein passender ST- oder C-Reifen verfügbar ist.
Welcher Typ passt, hängt vom Gewicht ab: Der kleine Einachser kommt mit ST- oder C-Reifen in kleiner Dimension aus, ein schwerer Tandem-Anhänger oder großer Wohnwagen verlangt nach einem C-Reifen mit hohem Lastindex. Beachten Sie bei verstärkten Reifen auch den Luftdruck: Sie entfalten ihre volle Tragfähigkeit erst beim vorgeschriebenen, meist höheren Druck – ein zu niedrig gefüllter C-Reifen trägt also nicht so viel, wie sein Lastindex verspricht. Verbindlich ist immer die Reifenfreigabe in den Anhängerpapieren – dort stehen die zulässigen Größen und Mindest-Kennzahlen. Ein Wohnmobil ist übrigens ein eigenes Kraftfahrzeug und trägt meist spezielle CP-Reifen; dafür gibt es den separaten Ratgeber Wohnmobilreifen und die CP-Kennung, und für Transporter den Kaufratgeber für C-Reifen.
Reifenalter beim Kauf prüfen: das Datum entscheidet
Gummi altert, ob der Reifen fährt oder steht. UV-Licht, Ozon, Wärme und lange Standzeiten machen die Mischung mit den Jahren hart und rissig – die Haftung lässt nach, und das Risiko eines Reifenschadens steigt. Weil Anhängerreifen so wenig laufen, ist genau das der entscheidende Punkt: Das Profil reicht oft noch jahrelang, doch der Reifen ist innerlich längst gealtert. Deshalb sollten Sie schon beim Kauf auf ein frisches Produktionsdatum achten und keinen Reifen nehmen, der lange im Regal lag.
Das Datum verrät die DOT-Nummer: Ihre letzten vier Ziffern stehen für Kalenderwoche und Jahr der Herstellung – „2519" bedeutet zum Beispiel 25. Kalenderwoche 2025. Wie Sie die DOT-Nummer richtig lesen und einordnen, erklärt der Beitrag Reifenalter und DOT-Nummer. Als Faustregel gilt: einen neuen Reifensatz möglichst nicht älter als zwei bis drei Jahre kaufen, montierte Anhängerreifen ab etwa sechs Jahren genau im Auge behalten und spätestens nach rund zehn Jahren ersetzen – bei Rissen in Flanke oder Profilgrund früher. Unabhängig vom Alter gilt selbstverständlich die gesetzliche Mindestprofiltiefe von 1,6 mm (§ 36 StVZO) auch für Anhänger; wie Sie das Profil zuverlässig prüfen, zeigt der Ratgeber Profiltiefe messen.
Tempo 100, Luftdruck und Standplatten – das Wichtigste kurz
Drei Themen begleiten jeden Anhängerreifen über die reine Auswahl hinaus – hier das Reifen-Wesentliche in Kürze:
- Tempo-100-Zulassung: Wer statt der üblichen 80 km/h mit 100 km/h auf die Autobahn darf, braucht Reifen mit Geschwindigkeitsindex mindestens „L" (120 km/h), die zudem nicht älter als sechs Jahre sein dürfen (maßgeblich ist die DOT-Nummer). Alle weiteren Bedingungen – ABS-Zugfahrzeug bis 3,5 Tonnen, das Massenverhältnis von Anhänger zu Zugfahrzeug, Prüforganisation und Plakette – erklärt der ausführliche Ratgeber Anhänger- und Wohnwagenreifen mit Tempo-100-Zulassung sowie der ADAC.
- Luftdruck: Anhängerreifen brauchen wegen der hohen Last oft spürbar mehr Druck als ein Pkw-Reifen gleicher Größe. Zu wenig Druck lässt die Flanken walken, der Reifen erhitzt sich – im schlimmsten Fall droht ein Schaden bei voller Beladung. Den passenden Wert nennt das Typenschild des Anhängers; Details im Beitrag Richtiger Reifendruck.
- Standplatten: Steht der Anhänger lange am selben Fleck, verformt sich der Reifen an der Aufstandsfläche und „eiert" danach. Vorbeugen können Sie durch Aufbocken über den Winter, leicht erhöhten Standdruck und gelegentliches Bewegen – mehr dazu unter Reifen richtig lagern und pflegen.
Passende Anhängerreifen im Shop finden
Für Anhänger gibt es robuste ST-Reifen und verstärkte C-Reifen in den typischen kleinen Größen. Drei lieferbare Beispiele in der gängigen Dimension 155/70 R13C – alle mit Geschwindigkeitsindex N (140 km/h) und damit von der Temposeite her Tempo-100-tauglich:
- Goodride ST290 155/70 R13C 75N
- GT-Radial KargoMax ST-4000 155/70 R13C 78N
- Linglong R701 155/70 R13C 75N
Die ganze Auswahl finden Sie in der Kategorie Anhänger- und Oldtimerreifen sowie passgenau über die Größe 155/70 R13. Achten Sie beim Kauf immer zuerst auf Lastindex und Geschwindigkeitsindex, wählen Sie die Bauart passend zum Gewicht Ihres Anhängers – und prüfen Sie nach der Montage das Produktionsdatum, damit eine spätere Tempo-100-Zulassung von Anfang an auf der sicheren Seite ist.
Häufige Fragen zu Anhängerreifen
Wie finde ich den richtigen Lastindex für meinen Anhänger?
Nehmen Sie die zulässige Achslast vom Typenschild oder aus der Zulassungsbescheinigung Teil I und teilen Sie sie durch die Zahl der Reifen an der Achse (meist zwei). Das Ergebnis ist die Mindest-Tragfähigkeit pro Reifen, zu der Sie den passenden Lastindex wählen. Ein höherer Lastindex ist immer erlaubt, ein niedrigerer nie.
Was bedeutet das „C" hinter der Reifengröße?
Das „C" steht für „Commercial" und kennzeichnet einen verstärkten Reifen für höhere Lasten und höheren Luftdruck – ursprünglich für Transporter, heute oft auf Anhängern und Wohnwagen. Daneben gibt es speziell auf Anhänger zugeschnittene ST-Reifen (Special Trailer). Beide Bauarten sind für den Anhängerbetrieb gut geeignet.
Darf ich normale Pkw-Reifen auf den Anhänger montieren?
Nur, wenn Größe, Lastindex und Geschwindigkeitsindex zur Zulassung des Anhängers passen und der Reifen die Achslast trägt. Wegen der hohen Last sind verstärkte C-, ST- oder Reinforced-Reifen aber meist die bessere Wahl. Verbindlich ist immer die Reifenfreigabe in den Fahrzeugpapieren des Anhängers.