General Tire wird 111: 307 Ausführungen im Regal – und bei 107 davon täuscht das M+S
Am 29. September 1915 gründeten William O'Neil, Winfred Fouse und weitere Partner in Akron im US-Bundesstaat Ohio die General Tire and Rubber Company. Die Marke feiert dieser Tage also ihr 111-jähriges Bestehen — und gehört seit 1987 zum Continental-Konzern. Für uns war das der Anlass, nicht die Firmengeschichte nachzuerzählen, sondern einmal nachzuzählen, was von dieser Marke heute tatsächlich bei uns im Regal steht. Das Ergebnis ist aufschlussreicher als jede Jubiläumsmeldung: 307 lieferbare Ausführungen, 14 Profilnamen — und ein Befund, der ausgerechnet jetzt zum Saisonwechsel für viele Fahrer teuer werden kann.
Gegründet 1915 in Akron, seit 1987 im Continental-Konzern
Die Gründung fällt in die Frühzeit der amerikanischen Reifenindustrie: Akron in Ohio war damals das Zentrum der Branche, und General war dort eines von vielen jungen Unternehmen. Anders als viele Wettbewerber setzte die Firma früh auf größere, robustere Dimensionen — eine Ausrichtung, die bis heute nachwirkt. Über die Zwischenstation des Mischkonzerns GenCorp kam die Marke 1987 an die Continental AG und ist seitdem Teil des hannoverschen Konzerns. Die Fachpresse hat das Jubiläum in dieser Woche aufgegriffen (Quelle: Reifenpresse.de); der Hersteller selbst tritt in Deutschland unter General Tire auf.
Für die Einordnung im Konzern ist das wichtig: General steht bei Continental nicht als Billigmarke, sondern als Spezialist. Wer wissen möchte, wie sich die übrigen Konzernmarken zueinander verhalten, findet das in unserem Überblick, welche Reifenmarke zu welchem Konzern gehört, und im Datencheck zu Matador — der günstigsten Marke im selben Konzern. General liegt preislich deutlich darüber, was an der Ausrichtung liegt und nicht an einem Premium-Aufschlag.
307 Ausführungen, 14 Profile — und 13 tragen denselben Namen
Wir haben das komplette General-Sortiment am 30. September 2026 über alle Regalfächer und die gesamte Zollachse ausgezählt. Heraus kamen 307 lieferbare Ausführungen, verteilt auf 14 Profilnamen. Und davon heißen 13 „Grabber“ — vom Grabber AT3 über den Snow Grabber Plus bis zum Grabber X3. Nur ein einziges Profil trägt einen anderen Namen, der Super All Grip, und der steht mit genau einer Ausführung im Regal. Eine so konsequente Ein-Namen-Marke ist uns bei keinem anderen Hersteller in dieser Größenordnung begegnet.
Noch deutlicher wird die Ausrichtung beim Blick auf die Rubriken. So verteilen sich die 307 Ausführungen:
- Offroad-Sommerreifen: 171 Ausführungen — mehr als die Hälfte des gesamten Sortiments
- PKW-Ganzjahresreifen: 98 Ausführungen
- PKW-Winterreifen: 35 Ausführungen (ausschließlich der Snow Grabber Plus)
- Transporter-Ganzjahresreifen: 3 Ausführungen
Was in dieser Liste fehlt, ist der eigentliche Befund: Es gibt bei uns keinen einzigen General-PKW-Sommerreifen. Nicht einen. Wer einen klassischen Sommerreifen für die Mittelklasse-Limousine sucht, wird bei dieser Marke nicht fündig — und das ist keine Lücke in unserem Einkauf, sondern die Produktstrategie der Marke selbst. General ist ein SUV-, Geländewagen- und Pick-up-Spezialist, und das Sortiment bildet das ohne jeden Kompromiss ab.
Dazu passt die Zollverteilung: Das Sortiment beginnt erst bei 15 Zoll und reicht bis 22 Zoll, mit dem Schwerpunkt auf 17 Zoll (75 Ausführungen), 18 Zoll (64) und 16 Zoll (54). Kleinwagengrößen in 13 und 14 Zoll gibt es schlicht nicht. Die größte Modellreihe, der Grabber AT3 mit 120 Ausführungen, taucht bei uns übrigens in drei verschiedenen Rubriken auf — 64-mal unter Offroad-Sommerreifen, 53-mal unter PKW-Ganzjahresreifen und dreimal bei den Transportern. Wer nur in einer Kategorie sucht, übersieht also den größten Teil des Programms. Zuverlässiger ist die Modellübersicht zum Grabber AT3, in der alle Größen zusammenlaufen.
Bei 107 Ausführungen steht M+S, aber kein Alpine-Symbol
Das ist der Befund, der zum Saisonwechsel wirklich zählt. Wir haben für alle 307 Ausführungen einzeln nachgesehen, ob sie das Alpine-Symbol tragen — das kleine Bergpiktogramm mit Schneeflocke, offiziell 3PMSF. Das Ergebnis: 200 der 307 Ausführungen (65,1 Prozent) tragen es, 107 nicht. Und jetzt kommt der Punkt, der leicht zur Falle wird: Alle 107 Ausführungen ohne Alpine-Symbol tragen die Aufschrift „M+S“ auf der Flanke.
Genau hier täuscht die Optik. Ein grobstolliger All-Terrain- oder Geländereifen mit „M+S“-Prägung sieht wintertauglich aus und wird von vielen Fahrern auch so verstanden. Rechtlich ist er es nicht mehr: Für reine M+S-Reifen galt in Deutschland eine Übergangsfrist, und die ist am 30. September 2024 endgültig abgelaufen. Seitdem weist allein das Alpine-Symbol einen Reifen als Winterreifen aus. Wer bei winterlichen Straßenverhältnissen mit einem reinen M+S-Reifen unterwegs ist, erfüllt die situative Winterreifenpflicht nicht — unabhängig davon, wie grob das Profil aussieht. Die Einzelheiten dazu, wann und unter welchen Bedingungen das greift, haben wir im Ratgeber dazu zusammengestellt, wann Winterreifen in Deutschland Pflicht sind.
Praktisch heißt das für das General-Sortiment: Die 107 Ausführungen ohne Alpine-Symbol sind der Grabber GT Plus (67), der Grabber X3 (19), der Grabber HTS 60 (7) sowie einige kleinere Reihen. Sie sind ausgezeichnete Sommer- und Geländereifen — aber eben keine Winterreifen. Die 200 Ausführungen mit Alpine-Symbol decken den Winterbedarf ab, angeführt vom Grabber AT3 (alle 120 Ausführungen), dem Grabber Cross A/S (41) und dem Snow Grabber Plus (35). Sie kosten bei uns zwischen 83,04 und 305,10 Euro, in der Mitte der Preisliste stehen 156,40 Euro je Reifen. Wer einen reinen Wintersatz sucht, findet ihn unter den Winterreifen für PKW.
Alle 67 Reifen mit Nasshaftung A gehören zu einem einzigen Profil
Beim EU-Reifenlabel wird das Bild ähnlich eindeutig — und ähnlich überraschend. Über alle 307 Ausführungen gerechnet verteilt sich die Nasshaftung so: 67-mal A, 26-mal B, 119-mal C, 36-mal D und 59-mal E. Ein Fünftel des Sortiments trägt also die beste Nasshaftungsklasse. Nur: Alle 67 dieser Reifen gehören zu ein und demselben Profil, dem Grabber GT Plus. Kein anderes der 14 Profile erreicht in irgendeiner Größe ein A.
Der Grund dafür ist keine Zauberei, sondern Bauart. Der Grabber GT Plus ist ein straßenorientierter SUV-Sommerreifen mit geschlossenem Laufflächenbild — er wird auf Asphalt gemessen und ist für Asphalt gebaut. Die All-Terrain- und Geländeprofile daneben tragen offene, grobstollige Muster, die im Nassbremstest der Label-Norm konstruktionsbedingt schlechter abschneiden, dafür aber auf Schotter und Schlamm überlegen sind. Bei der Kraftstoffeffizienz zeigt sich dasselbe Muster noch schärfer: Kein einziger General im Regal erreicht die Klasse A, und nur sechs Ausführungen kommen überhaupt über C hinaus — dreimal der Grabber GT Plus, zweimal der Grabber A/T Sport-W und einmal der Grabber HTS 60.
Was das Label über einen Geländereifen aussagt und was nicht, erklären wir im Detail auf unserer Seite zum EU-Reifenlabel. Für die Kaufentscheidung ist die Lehre aus diesen Zahlen schlicht: Bei einer Marke, deren Sortiment überwiegend aus Geländeprofilen besteht, taugt das Label nicht als Rangliste. Es vergleicht Reifen, die für völlig verschiedene Untergründe gebaut wurden, an ein und demselben Maßstab.
Der teuerste General im Regal trägt das schwächste Label
Wie weit Label und Preis auseinanderlaufen können, zeigt ein Blick auf die beiden Enden der Preisliste. Das Sortiment spannt sich von 75,83 bis 346,26 Euro je Reifen, in der Mitte der Preisliste stehen 155,46 Euro.
- Der günstigste General im Regal ist der General GRABBER GT PLUS 215/60 R17 96H für 75,83 Euro — mit dem Label C für Kraftstoffeffizienz, A für Nasshaftung und 71 dB. Das ist zugleich eines der besten Labels, die diese Marke überhaupt zu bieten hat.
- Die vier teuersten Ausführungen stammen ausnahmslos vom Grabber X3 und liegen zwischen 325,80 und 346,26 Euro. Ihr Label lautet durchgehend E für Effizienz, E für Nasshaftung und 79 dB — die schwächsten Werte im gesamten General-Programm.
Der Widerspruch löst sich auf, sobald man weiß, was der Grabber X3 ist: ein Mud-Terrain-Reifen für schweres Gelände, mit Geschwindigkeitsindex Q, also bis 160 km/h. Er ist für Schlamm, Sand und loses Geröll gebaut, nicht für die Autobahn — und teuer, weil verstärkte Seitenwände und aufwendige Karkassen Geld kosten. Sein E/E-Label ist bei dieser Bauart kein Qualitätsmangel, sondern die zwangsläufige Folge der Auslegung. Wer sich das genauer ansehen möchte, findet die Größen in der Modellübersicht zum Grabber X3. Umgekehrt heißt das: Ein hoher Preis ist bei Geländereifen kein Hinweis auf ein besseres Label, eher im Gegenteil. Das Rollgeräusch bestätigt das Bild — die 21 lautesten Ausführungen mit 79 dB sind fast alle Grabber X3, während der Grabber GT Plus bei 71 bis 73 dB liegt.
Was der ADAC dem Grabber AT3 bescheinigt — und für wen die Marke passt
Belastbare Testdaten gibt es zur größten Modellreihe: Im ADAC All-Terrain-Reifentest 2025 erreichte der General Grabber AT3 die Gesamtnote 3,2 und landete damit auf dem dritten Platz hinter dem Yokohama Geolandar A/T G015 (2,9) und dem Falken Wildpeak A/T AT3WA (3,1). Wichtiger als die Platzierung ist ein anderes Detail: Der Grabber AT3 gehörte zu den vier Kandidaten ohne Abwertung — vier andere Reifen im Feld wurden wegen einzelner Schwächen abgewertet. Wie sich die Noten auf den einzelnen Untergründen verteilen und warum in diesem Test kein Reifen eine Empfehlung bekam, haben wir im ADAC-All-Terrain-Test 2025 im Detail aufgeschlüsselt.
Daraus ergibt sich eine ziemlich klare Empfehlung, für wen diese Marke passt und für wen nicht. Sinnvoll ist ein General, wenn Sie ein SUV, einen Geländewagen oder einen Pick-up fahren und regelmäßig unbefestigte Wege, Waldwege, Baustellen oder Schotter unter den Rädern haben — dafür ist das Sortiment gebaut, und dort spielen die groben Profile ihre Stärken aus. Wenig sinnvoll ist er, wenn Sie fast ausschließlich Asphalt fahren und auf Verbrauch achten: Ein Sortiment ohne eine einzige Effizienzklasse A ist für den reinen Pendlerbetrieb die falsche Wahl, und ein klassischer PKW-Sommerreifen ist bei dieser Marke ohnehin nicht zu haben.
Drei konkrete Reifen als Orientierung, je nach Einsatz: Für den ganzjährigen Einsatz am Transporter oder SUV der General Grabber AT3 215/65 R16C 109T, der wie alle AT3-Ausführungen das Alpine-Symbol trägt. Für den reinen Wintersatz der General SNOW GRABBER PLUS 215/65 R16 98H — mit 83,04 Euro der günstigste Winterreifen der Marke bei uns. Und wer überwiegend auf der Straße bleibt, aber ein SUV fährt, fährt mit dem Grabber GT Plus am besten. Das übrige Geländesortiment finden Sie bei den Offroad-Sommerreifen. Ob ein grober All-Terrain-Reifen im Alltag überhaupt die richtige Wahl ist, haben wir zudem an 491 Ausführungen durchgerechnet: lohnt sich ein All-Terrain-Reifen im Alltag?
Häufige Fragen
Ist General Tire eine Billigmarke?
Nein. Die Marke gehört seit 1987 zu Continental, ist dort aber nicht als Preiseinstieg positioniert, sondern als Spezialist für SUV, Geländewagen und Pick-up. Die Preise in unserem Regal reichen von 75,83 bis 346,26 Euro je Reifen, in der Mitte liegen 155,46 Euro — das liegt spürbar über der konzerneigenen Einstiegsmarke.
Darf ich einen General mit M+S-Kennung im Winter fahren?
Nur, wenn er zusätzlich das Alpine-Symbol trägt. Von den 307 Ausführungen in unserem Regal erfüllen 200 diese Bedingung, 107 nicht — obwohl alle 107 die Aufschrift „M+S“ tragen. Die Übergangsfrist für reine M+S-Reifen ist am 30. September 2024 abgelaufen.
Worin unterscheiden sich Grabber AT3 und Grabber AT³ Plus?
Der AT³ Plus ist die neuere Generation und schneidet beim EU-Label in vergleichbaren Größen durchgängig gleich gut oder besser ab. Verfügbar ist er allerdings erst in wenigen Größen. Wir haben beide Generationen Größe für Größe gegenübergestellt: ausführlicher Vergleich von Grabber AT³ und AT³ Plus.