Pirelli Scorpion Trail II: Was der straßenbetonte Adventure-Reifen wirklich kann
Kaum ein Reifensegment wächst so stark wie das der großen Reiseenduros — und im Shop gehört der Pirelli Scorpion Trail II zu den meistgefragten Modellen für genau diese Maschinen. Er ist ein straßenbetonter Adventure-Reifen: Er sieht grobstollig aus, fährt sich aber wie ein Sport-Touring-Reifen. Seit rund zehn Jahren zählt der Trail II zu den festen Größen im Adventure-Bereich, und noch heute fragen viele Fahrerinnen und Fahrer gezielt nach diesem Modell. In diesem Porträt lesen Sie, für welche Motorräder und Fahrprofile er gemacht ist, wo seine echten Stärken liegen, wo seine Grenzen sind — und wann der 2024 erschienene Nachfolger Scorpion Trail III die klügere Wahl ist.
Für welches Motorrad der Scorpion Trail II gemacht ist
Pirelli ordnet den Scorpion Trail II ausdrücklich den „adventure-touring and Enduro street motorcycles" zu — also den großen Reiseenduros und straßenorientierten Enduros, wie sie BMW mit der R-GS-Reihe, Suzuki mit der V-Strom, Triumph mit der Tiger oder Honda mit der Africa Twin baut. In den eigenen Worten des Herstellers liefert der Reifen eine „Sport touring equipment with dirt-road capabilities" für „long journeys and excursions with light off road stretches". Die Betonung liegt klar auf der Straße: sportlich unterwegs, aber gutmütig genug für gelegentliche Schotterpassagen.
Das spiegelt sich in den Größen wider. Vorn gibt es den Reifen in 17, 19 und sogar 21 Zoll (etwa 110/80 R19, 120/70 R19 oder 90/90-21 für speichengefelgte Adventure-Bikes), hinten in kräftigen 17-Zoll-Dimensionen bis 190/55 ZR17. Die typische Kombination großer Reiseenduros wie der BMW R 1200/1250 GS ist vorn 120/70 R19 und hinten 170/60 R17; kompaktere Adventure-Bikes und Crossover-Modelle rollen häufig auf einem 17-Zoll-Vorderrad mit 120/70 ZR17. Welche Kombination zu Ihrer Maschine gehört, steht in den Fahrzeugpapieren und auf der Reifenflanke — wie Sie diese Angaben entschlüsseln, erklärt unser Ratgeber Motorradreifen-Größe lesen. Einen Überblick über alle lieferbaren Maße bietet der Modell-Hub zum Pirelli Scorpion Trail II; weitere Straßenreifen finden Sie in der Kategorie Motorradreifen für die Straße.
Die Technik: Dual-Compound und 0-Grad-Stahlgürtel
Der wichtigste technische Baustein ist die Dual-Compound-Mischung am Hinterreifen. Pirelli setzt einen breiteren, härteren Mittelstreifen ein, der auf hohe Laufleistung und ein besseres Verhalten bei Nässe ausgelegt ist, sowie weichere Schulterbereiche für den Grip in Schräglage. So soll der Reifen den Spagat schaffen, den Reiseenduro-Fahrer verlangen: lange halten, wenn es geradeaus über die Autobahn geht, und trotzdem in Kurven griffig sein.
Unter der Lauffläche arbeitet ein Stahlgürtel im 0-Grad-Winkel, der laut Hersteller „greater stability and excellent handling on all types of road surface, even at full load" bringt — wichtig bei voll beladenen Reisemaschinen mit Koffern und Sozius. Die 0-Grad-Bauweise legt die Stahllage in Umfangsrichtung um den Reifen; das hält die Kontur bei hohem Tempo stabil und wirkt dem Aufblähen durch Fliehkraft entgegen. Genau deshalb tragen die Größen für schnelle Maschinen die Freigaben V (bis 240 km/h) und W (bis 270 km/h). Das Profil selbst leitet Pirelli in seiner Nutzwert-Ausrichtung vom sparsamen Langläufer Angel GT ab: Der Trail II übernimmt dessen Laufleistungs-Gene und verpackt sie in eine grobstolligere Optik. Die seitlichen und mittigen Rillen sind so angelegt, dass sie Wasser verdrängen und zugleich für Traktion und gleichmäßigen Verschleiß sorgen — die Optik erinnert an einen Geländereifen, funktional bleibt es aber ein Straßenprofil mit hohem Gummi-Kontaktanteil. Warum es für Motorradreifen übrigens kein EU-Reifenlabel gibt und woran Sie Qualität stattdessen erkennen, lesen Sie im ausführlichen Ratgeber zum fehlenden Reifenlabel.
Auf der Straße: sportlich, leicht, berechenbar
Auf Asphalt spielt der Scorpion Trail II seine Stärken aus. Der britische Fachtitel Motorcycle News (MCN) fuhr ihn auf einer Suzuki V-Strom und lobte ihn als „light and predictable" mit schnellem Warmlauf und „excellent road holding"; das Fazit der Tester: Die Reifen würden das Motorrad „in every aspect" verbessern, ohne Nachteil, es fühle sich „lighter, easier to ride and more fun" an. Als einzigen Kritikpunkt notierte MCN ein leicht nervöses Verhalten, wenn man am Kurvenausgang sehr hart am Gas zieht. Der schnelle Warmlauf ist im Alltag mehr wert, als er klingt: Gerade schwere Reiseenduros stehen oft nach kurzen Pausen mit ausgekühltem Reifen an der Ampel, und ein Reifen, der zügig auf Betriebstemperatur kommt, gibt in den ersten Kurven früher Vertrauen.
Das deckt sich mit der Erfahrung vieler Fahrer. Im Aggregat des Portals Tyre Reviews kommt der Reifen auf rund 77 von 100 möglichen Punkten aus neun Bewertungen, mit klaren Spitzenwerten bei Trockengrip (8,7 von 10), Handling (8,4) und Rückmeldung (8,1). Für einen Reifen mit derart grobem Erscheinungsbild ist das ein bemerkenswert sportliches Zeugnis — genau das ist die Idee hinter dem Trail II: das Aussehen eines Geländereifens, das Fahrgefühl eines Sport-Touring-Reifens. Wer den Vergleich zu einem reinen Straßen-Sport-Touring-Reifen sucht, findet ihn im Porträt zum Pirelli Angel GT II, dem Schwestermodell ohne Geländeanspruch.
Nässe und Laufleistung: die ehrlichen Grenzen
So einheitlich das Lob auf trockener Straße ausfällt, so klar zeigt sich auch die Schwachstelle. In derselben Nutzerauswertung ist die Nasshaftung mit 6,9 von 10 der schwächste Einzelwert des Reifens, die Laufleistung liegt mit 7,1 im soliden Mittelfeld. Das heißt nicht, dass der Trail II bei Regen gefährlich wäre — die Dual-Compound-Mischung ist gerade auf nasses Verhalten mit ausgelegt —, aber Nässe ist eben nicht seine Paradedisziplin. Wer viel im Regen und auf Langstrecke unterwegs ist, sollte das einkalkulieren. Passend dazu würde in derselben Auswertung nur gut die Hälfte der Befragten den Reifen wieder kaufen — ein ehrlicher Hinweis darauf, dass der Trail II zwar solide ist, im heute dicht besetzten Adventure-Segment aber nicht mehr konkurrenzlos an der Spitze steht.
Dass Nässe die schwierigste Disziplin ist, liegt in der Natur des Segments: Ein grob profilierter Adventure-Reifen muss auf der Straße mit weniger zusammenhängender Gummifläche auskommen als ein glatt gestalteter reiner Straßenreifen, und genau dieser Kompromiss kostet ein paar Prozent Nassgrip. Genau an diesem Punkt setzt Pirelli beim Nachfolger an (dazu weiter unten). Bei der Laufleistung profitiert der Trail II von seiner Angel-GT-Verwandtschaft: Für einen groben Adventure-Reifen hält er ordentlich, ohne ein ausgewiesener Kilometer-Rekordhalter zu sein. Wie viel Sie am Ende herausfahren, hängt stark von Maschinengewicht, Beladung, Luftdruck und Fahrstil ab — der richtige Fülldruck und das behutsame Einfahren neuer Reifen sind dabei bares Geld wert und stehen im Ratgeber Motorrad-Reifendruck und neue Reifen einfahren. Ein neuer Reifensatz braucht zudem die ersten rund 150 Kilometer, bis die glatte Neureifen-Oberfläche aufgeraut ist und den vollen Grip aufbaut.
Im Gelände nur leichte Kost: Das grobe Profil weckt Erwartungen, die der Scorpion Trail II bewusst nicht erfüllen will. Pirelli spricht selbst nur von „light off road stretches" — also festen Schotterwegen, Feldwegen und der gelegentlichen unbefestigten Zufahrt zum Hotel. Für ernsthaftes Gelände mit Schlamm, tiefem Sand oder groben Steinen ist er der falsche Reifen; dort sind echte 50/50- oder Enduro-Reifen mit deutlich offenerem Stollenbild überlegen. Wer sein Adventure-Bike aber zu rund 90 Prozent auf der Straße bewegt und nur gelegentlich leicht ins Gelände abbiegt, liegt beim Trail II richtig. Fahrer, die einen ähnlich straßenbetonten Allrounder von einem anderen Hersteller vergleichen möchten, finden im Porträt zum Continental ContiTrailAttack 3 einen direkten Konkurrenten in derselben Klasse.
Scorpion Trail II oder Trail III — welcher passt?
Seit Anfang 2024 hat Pirelli den Nachfolger Scorpion Trail III im Programm. Laut Hersteller wurde für die dritte Generation alles überarbeitet — Mischung, Profil, Struktur und Kontur —, mit dem Ziel deutlich sportlicherem Straßenverhalten, mehr Grip und vor allem besserer Nassperformance. Der Trail III richtet sich an Fahrer, die den Schwerpunkt klar auf die Straße legen und nur leicht ins Gelände abbiegen, und ist auf mittlere bis große Hubräume ab rund 400 Kubikzentimetern zugeschnitten. Pirelli bringt ihn nach und nach in neun Vorder- und neun Hinterradgrößen an den Markt; im Shop ist er im Modell-Hub Scorpion Trail III verfügbar.
Muss es also zwingend der neue sein? Nicht unbedingt. Der Trail II bleibt lieferbar, ist häufig günstiger und in vielen Dimensionen für ältere Maschinen erhältlich, für die es den Trail III noch nicht in jeder Größe gibt. Für Vielfahrer mit viel Regenanteil, die Wert auf die letzten Prozent Nassgrip legen, ist der Trail III das rundere Paket. Wer überwiegend bei trockenem und wechselhaftem Wetter tourt, ein bewährtes, sportlich-berechenbares Fahrverhalten schätzt und aufs Budget achtet, bekommt mit dem Scorpion Trail II weiterhin einen sehr guten straßenbetonten Adventure-Reifen. Gängige Größen für große Reiseenduros sind vorn 120/70 R19 und hinten 170/60 R17; für viele mittlere Adventure-Bikes passt hinten die 150/70 R17 — die maßgebliche Freigabe steht immer in Ihren Fahrzeugpapieren.
Häufige Fragen
Ist der Pirelli Scorpion Trail II noch zeitgemäß?
Ja. Zwar gibt es seit 2024 den moderneren Trail III, doch der Trail II bleibt ein bewährter, straßenbetonter Adventure-Reifen mit starkem Trockengrip und gutem Handling. Für viele Reiseenduros ist er nach wie vor eine solide und oft günstigere Wahl.
Wie viele Kilometer hält der Scorpion Trail II?
Eine feste Kilometerzahl nennt Pirelli nicht — die Laufleistung hängt von Motorradgewicht, Beladung, Luftdruck und Fahrstil ab. Dank der von der Langläufer-Baureihe Angel GT abgeleiteten Mittelmischung hält er für einen groben Adventure-Reifen ordentlich; Nutzerbewertungen sehen die Laufleistung im soliden Mittelfeld.
Ist der Scorpion Trail II auch bei Nässe sicher?
Er ist bei Regen fahrbar, aber Nasshaftung ist nicht seine Paradedisziplin: In Nutzerauswertungen ist sie der schwächste Einzelwert. Wer sehr viel im Regen fährt, ist mit dem nässeoptimierten Nachfolger Trail III oder einem reinen Straßenreifen besser bedient.