Winterreifen im Sommer fahren: erlaubt – aber wirklich eine gute Idee?
Der Sommer ist da, die Temperaturen klettern – und auf manchem Auto drehen sich immer noch die Winterreifen. Vielleicht ist der Wechsel im Frühjahr untergegangen, vielleicht sollen die alten Winterreifen „noch schnell aufgebraucht" werden. Doch ist das überhaupt erlaubt? Und vor allem: Ist es eine gute Idee? Die kurze Antwort lautet: rechtlich ja, fahrsicherheitstechnisch klar nein. Warum das so ist – und worauf Sie achten sollten – erklären wir hier mit den Messwerten des ADAC.
Ist es erlaubt, im Sommer Winterreifen zu fahren?
Ja. In Deutschland gibt es keine Sommerreifenpflicht. Die sogenannte situative Winterreifenpflicht (§ 2 Abs. 3a StVO) verpflichtet Sie nur bei winterlichen Verhältnissen – also bei Schnee, Eis, Schneematsch oder Glätte – dazu, geeignete Winterreifen mit Alpine-Symbol („3PMSF") zu nutzen. Eine umgekehrte Regel gibt es nicht: Winterreifen dürfen Sie das ganze Jahr über weiterfahren. Auch der ADAC bestätigt, dass Winterreifen im Sommer schlicht weitergefahren werden dürfen.
Zwei Dinge bleiben aber Pflicht – unabhängig von der Jahreszeit:
- Mindestprofiltiefe 1,6 mm (§ 36 StVZO). Wie Sie das selbst prüfen, zeigt unser ausführlicher Ratgeber zum Reifenprofil messen.
- Keine beschädigten oder überalterten Reifen.
Tipp für die Urlaubsfahrt: Im Ausland gelten teils andere Regeln. In Italien etwa sind Winterreifen mit niedrigem Geschwindigkeitsindex vom 16. Mai bis 14. Oktober sogar verboten (mit Ausnahmen). Prüfen Sie vor der Reise die Vorschriften des Ziellandes.
Welche Reifenregeln in Deutschland sonst noch zählen, fasst unser Überblick Reifen und Gesetz zusammen.
Warum Winterreifen im Sommer trotzdem ein Problem sind
Der entscheidende Unterschied steckt in der Gummimischung. Winterreifen sind mit einer weichen Mischung und vielen feinen Lamellen für Temperaturen unter etwa 7 Grad ausgelegt. Genau das wird im Sommer zum Nachteil: Bei Hitze wird das ohnehin weiche Gummi noch weicher, die zahlreichen Profilblöcke beginnen zu „walken", und der Reifen baut weniger Seitenführung auf. Das Fahrverhalten wird, so der ADAC, schwammig und unsicher – besonders spürbar in Kurven, an Autobahnausfahrten und bei voll beladenem Fahrzeug.
Den technischen Hintergrund dazu – Gummimischung, Profil und die 7-Grad-Faustregel – erklären wir im Detail im Vergleich Sommer-, Winter- und Ganzjahresreifen.
Der längere Bremsweg – das sagen die ADAC-Messwerte
Am deutlichsten zeigt sich der Nachteil beim Bremsen. Der ADAC hat Winterreifen mit unterschiedlichen Restprofiltiefen gegen Sommerreifen getestet – auf trockener Fahrbahn (bei rund 35 °C) und auf nasser Fahrbahn.
Das Ergebnis ist eindrücklich: Aus Tempo 100 stand das Fahrzeug mit Sommerreifen bereits, während es mit Winterreifen noch mit rund 37 km/h weiterrollte. Im ungünstigsten Fall war der Bremsweg bis zu 16 Meter länger. Selbst abgefahrene Winterreifen mit nur noch 4 mm Restprofil bremsten noch etwa 5 Meter länger als Sommerreifen. Und: Je mehr Profil der Winterreifen hatte und je heißer der Asphalt war, desto länger wurde der Bremsweg (Quelle: ADAC).
16 Meter – das ist mehr als eine ganze Pkw-Länge zusätzlich und oft genau der Unterschied zwischen rechtzeitigem Stehen und einem Aufprall. Wie stark Tempo, Profil und Reifenwahl den Anhalteweg generell beeinflussen, zeigen wir im Ratgeber Bremsweg bei Nässe.
Schwammiges Handling – und ein teurer Verschleiß
Neben dem Bremsweg leidet auch der Geldbeutel. Die weiche Wintermischung verschleißt bei Hitze deutlich schneller. Wer seine Winterreifen im Sommer „aufbrauchen" will, erreicht damit oft das Gegenteil: Statt zu sparen, fährt er den teuren Wintersatz in wenigen heißen Wochen unnötig herunter – und muss im Herbst trotzdem neue Winterreifen kaufen. Hinzu kommt ein höherer Rollwiderstand, der den Kraftstoffverbrauch leicht steigen lässt.
Unterm Strich ist das „Aufbrauchen" also meist eine Milchmädchenrechnung: weniger Sicherheit, schnellerer Verschleiß, etwas mehr Verbrauch.
Wann ist es ausnahmsweise vertretbar?
Ganz ohne Grauzone ist das Thema nicht. Der ADAC nennt eine pragmatische Ausnahme: In den Übergangsmonaten April und Mai, wenn die Temperaturen nur zeitweise sommerlich sind und die Winterreifen ohnehin schon abgefahren sind (etwa 4–5 mm Restprofil), kann man sie für die letzten Kilometer noch aufbrauchen.
Nicht sinnvoll ist es dagegen, neue Winterreifen mit vollem Profil über einen heißen Hochsommer zu fahren – hier überwiegen die Nachteile klar. Faustregel: je heißer und je tiefer das Profil, desto stärker der Sicherheitsverlust.
Und umgekehrt: Sommerreifen im Winter?
Der umgekehrte Fall ist noch heikler. Bei Kälte wird die harte Sommermischung glasig, Grip und Bremsleistung brechen ein – auf Schnee und Eis sind Sommerreifen schlicht gefährlich. Und anders als im Sommer ist das hier nicht nur unklug, sondern verboten: Wer bei winterlichen Verhältnissen mit Sommerreifen fährt, verstößt gegen die situative Winterreifenpflicht und riskiert ein Bußgeld – bei Behinderung anderer kommt ein Punkt hinzu.
Die bessere Lösung: rechtzeitig wechseln
Am sichersten und auf Dauer am günstigsten fahren Sie, wenn der Reifen zur Jahreszeit passt:
- Im Sommer auf Sommerreifen wechseln. Passende Modelle in der beliebtesten Pkw-Größe finden Sie unter Sommerreifen für Pkw – etwa den Hankook K135 Ventus Prime 4 205/55 R16 91V mit bester Nasshaftungsklasse A oder den Falken ZIEX ZE320 205/55 R16 94W.
- Den Wintersatz richtig einlagern, damit er die Sommerpause unbeschadet übersteht – wie das geht, steht in unserem Ratgeber Reifen richtig lagern.
- Sie wollen nur einen Satz? Dann sind Ganzjahresreifen der legale Kompromiss: Mit Alpine-Symbol erfüllen sie die Winterreifenpflicht, ohne dass Sie zweimal im Jahr wechseln. Für wen sich das lohnt, lesen Sie in Ganzjahresreifen: für wen sich Allwetterreifen lohnen und in der Rechnung Ganzjahresreifen oder zwei Sätze?.
Häufige Fragen
Ist es verboten, im Sommer mit Winterreifen zu fahren?
Nein. In Deutschland gibt es keine Sommerreifenpflicht – Winterreifen dürfen Sie ganzjährig fahren. Der ADAC rät bei sommerlichen Temperaturen aber ausdrücklich davon ab, weil sich Bremsweg und Fahrverhalten deutlich verschlechtern.
Wie viel länger ist der Bremsweg mit Winterreifen im Sommer?
Im ADAC-Test rollte das Fahrzeug mit Winterreifen aus Tempo 100 noch mit rund 37 km/h, als der Wagen mit Sommerreifen bereits stand. Im ungünstigsten Fall war der Bremsweg bis zu 16 Meter länger.
Nutzen sich Winterreifen im Sommer schneller ab?
Ja. Die weiche Wintermischung verschleißt bei Hitze deutlich schneller. Das „Aufbrauchen" im Sommer ruiniert den Wintersatz oft vorzeitig – gespart ist damit nichts.
Wann darf ich Winterreifen im Sommer ausnahmsweise aufbrauchen?
Der ADAC hält das in den Übergangsmonaten April/Mai mit bereits abgefahrenen Winterreifen (rund 4–5 mm Restprofil) für vertretbar. Neue Winterreifen mit vollem Profil sollten Sie nicht über den Hochsommer fahren.
Sind Ganzjahresreifen die Lösung?
Für viele Autofahrer in milden Regionen ja: Ganzjahresreifen mit 3PMSF-Symbol sind ein legaler Kompromiss für alle Jahreszeiten – allerdings nie ganz so gut wie ein spezialisierter Sommer- oder Winterreifen.
Fazit
Winterreifen im Sommer zu fahren ist erlaubt, aber selten klug: ein längerer Bremsweg (laut ADAC bis zu 16 Meter aus Tempo 100), schwammiges Handling und schnellerer Verschleiß sprechen dagegen. Nur abgefahrene Winterreifen in den kühleren Übergangswochen sind eine vertretbare Ausnahme. Wer auf Nummer sicher gehen will, wechselt rechtzeitig auf Sommerreifen – oder setzt gleich auf Ganzjahresreifen. Passende Reifen für jede Jahreszeit finden Sie in unserem Shop.