Reifenabrieb und Euro 7: Was die neuen EU-Grenzwerte für Autofahrer bedeuten
Reifen nutzen sich ab – das ist nichts Neues. Neu ist, dass die Europäische Union den dabei entstehenden Abrieb künftig zum ersten Mal gesetzlich begrenzt. Mit der Euro-7-Verordnung (Verordnung (EU) 2024/1257) rückt neben dem Auspuff erstmals auch das in den Fokus, was Reifen und Bremsen während der Fahrt an feinsten Partikeln freisetzen. Die Grundverordnung ist längst beschlossen; seit 2025 füllt die EU-Kommission die Details über Durchführungsverordnungen und UN-Regelungen nach. Wir erklären, was dahintersteckt, ab wann welche Fristen greifen und was Sie als Autofahrer schon heute tun können.
Was ist Reifenabrieb – und warum wird er zum Thema?
Bei jeder Fahrt reibt sich ein winziger Teil der Lauffläche ab und gelangt als feiner Staub in Luft, Boden und Gewässer. In Summe ist das viel: Nach Angaben des ADAC fallen EU-weit rund 500.000 Tonnen Reifenabrieb pro Jahr an. In Deutschland macht der Reifenabrieb damit rund ein Drittel aller Mikroplastik-Emissionen aus – er gilt als eine der größten Einzelquellen für Mikroplastik überhaupt.
Anders als die Abgase aus dem Auspuff zählen Reifen- und Bremsabrieb zu den sogenannten Nicht-Abgas-Emissionen (im Fachjargon „Non-Exhaust Emissions"). Während die Abgaswerte moderner Fahrzeuge über die Jahre deutlich gesunken sind, blieben diese „außermotorischen" Partikel bislang völlig unreguliert. Mit dem wachsenden Anteil schwerer Fahrzeuge – vom großen SUV bis zum batterieelektrischen Auto – gewinnt die Frage zusätzlich an Gewicht. Genau hier setzt Euro 7 an: Die Norm nimmt erstmals auch die Quelle in den Blick, die buchstäblich auf der Straße bleibt.
Euro 7: Erstmals Grenzwerte für Reifen- und Bremsabrieb
Euro 7 ist die neue Abgas- und Emissionsnorm der EU. Sie gilt laut ADAC für neu typgenehmigte Pkw-Modelle ab dem 29. November 2026 und für alle Neuzulassungen ab dem 29. November 2027. Das Besondere: Erstmals werden neben dem Auspuff auch Bremsabrieb und Reifenabrieb in die Regulierung einbezogen – allerdings mit ganz unterschiedlichen Fahrplänen.
Für den Bremsabrieb gelten bei Pkw und leichten Transportern (Klassen M1/N1) feste Grenzwerte für die Feinstaub-Partikelmasse (PM10). In der ersten Stufe – laut ADAC gültig bis 31. Dezember 2029 – liegt der Wert bei 7 mg/km für Verbrenner, Hybride und Brennstoffzellen-Fahrzeuge und bei nur 3 mg/km für rein batterieelektrische Fahrzeuge, die beim Bremsen häufig rekuperieren statt mechanisch zu bremsen. Ab dem 1. Januar 2030 soll der Wert neu festgelegt (verschärft) und zusätzlich erstmals ein Grenzwert für die Partikelzahl eingeführt werden; ab 1. Januar 2035 gilt dann einheitlich 3 mg/km für alle Antriebsarten.
Beim Reifenabrieb kommen die Vorgaben zeitlich gestaffelt und deutlich später – und zwar in zwei Schritten, gestaffelt nach Reifenklasse (C1 = Pkw, C2 = leichte Nutzfahrzeuge, C3 = schwere Nutzfahrzeuge). Grundlage ist das ADAC-Merkblatt zu Euro 7 (Stand 11/2025):
- Erste Stufe – Typgenehmigung neuer Reifentypen: Neu entwickelte Reifen müssen die Anforderungen erfüllen ab 1. Juli 2028 (C1), 1. April 2030 (C2) und 1. April 2032 (C3). Diese Frist betrifft nur die Zulassung neuer Reifentypen, nicht das Regal im Handel.
- Zweite Stufe – nur noch konforme Reifen im Verkehr: Erst danach dürfen ausschließlich Reifen in Verkehr gebracht werden, die die Grenzwerte einhalten – ab 1. Juli 2030 (C1), 1. April 2032 (C2) und 1. April 2034 (C3). Vorhandene Lagerbestände nicht-konformer Reifen dürfen noch abverkauft werden: C1-Reifen bis 30. Juni 2032, C2 bis 31. März 2034 und C3 bis 31. März 2036.
Für Sie als Autofahrer bedeutet das ganz konkret: Reifen, die Sie heute kaufen, bleiben uneingeschränkt nutzbar. Es gibt keine Nachrüst-, Umtausch- oder Austauschpflicht für vorhandene Reifen – Euro 7 richtet sich an Fahrzeug- und Reifenhersteller, nicht an den Bestand auf Ihrem Auto.
Warum die Reifen-Grenzwerte später greifen: Damit Werte fair und vergleichbar sind, muss zuerst ein verbindliches Prüfverfahren stehen – und genau das wird auf Ebene der UN-Wirtschaftskommission (UNECE) noch ausgearbeitet. Der ADAC beschreibt den Kern als Straßentest über rund 8.000 Kilometer, bei dem die Prüfreifen in einem Konvoi aus bis zu vier Fahrzeugen mit Referenzreifen gefahren und verglichen werden; ergänzend ist ein Laborverfahren vorgesehen. Bewertet wird der Abrieb nicht in absoluten Gramm, sondern pro Tonne Fahrzeuggewicht (mg/km/t) – so lassen sich Reifen unabhängig davon vergleichen, ob sie an einem leichten Kleinwagen oder einem schweren SUV laufen. Die konkreten Grenzwerte selbst sind laut ADAC noch nicht festgeschrieben; sie folgen, sobald das Messverfahren steht. Bis dahin lohnt sich der Blick auf bereits vorhandene Vergleichsdaten.
Wie stark sich Reifen beim Abrieb unterscheiden
Der ADAC misst den Reifenabrieb seit 2023 systematisch und hat dafür bislang 160 Reifenmodelle untersucht (84 Sommer-, 60 Winter- und 16 Ganzjahresreifen). Schon innerhalb der etablierten Marken zeigen sich deutliche Unterschiede. Der durchschnittliche Abrieb je Hersteller (in mg/km/t) lag laut ADAC-Auswertung etwa so:
- Michelin: 52 (niedrigster Wert)
- Hankook: 62 · Continental: 63 · Goodyear: 65
- Kumho: 70 · Falken: 72 · Semperit, Vredestein, Dunlop: je 73
- Pirelli: 76 · Bridgestone: 78
- Firestone: 82 (höchster Wert im Vergleich)
Zwischen dem sparsamsten und dem abriebstärksten Fabrikat liegen damit gut 50 Prozent Unterschied. Das zeigt: Wer auf einen verschleißarmen, langlebigen Reifen setzt, entlastet nicht nur die Umwelt, sondern in der Regel auch den eigenen Geldbeutel – denn ein Reifen, der langsamer abreibt, hält länger und muss seltener ersetzt werden. Diesen Zusammenhang zwischen Verschleiß, Rollwiderstand und Betriebskosten vertiefen wir im Beitrag Spritsparen mit den richtigen Reifen.
Was den Abrieb erhöht – und wie Sie ihn senken
Wie schnell sich ein Reifen abnutzt, hängt nicht nur vom Modell ab, sondern stark von Fahrzeug und Fahrweise. Der ADAC nennt unter anderem diese Faktoren, die den Abrieb erhöhen: ein höheres Fahrzeuggewicht (der Zusammenhang ist nahezu linear – schwere Fahrzeuge reiben mehr ab), höhere Geschwindigkeiten und Motoren mit hohem Drehmoment, eine sportliche Achsgeometrie, das Fahren mit Anhänger sowie griffige, raue Untergründe (Beton statt Asphalt), nasse Fahrbahnen und bergige Strecken. Gerade schwere Elektroautos und große SUV setzen Reifen also tendenziell stärker zu – ein Grund mehr, beim Reifenkauf neben Sicherheit und Effizienz auch auf die Laufleistung zu achten.
Auf das kommende Messverfahren von Euro 7 haben Sie keinen Einfluss – auf den tatsächlichen Abrieb Ihrer Reifen aber sehr wohl. Die wirksamsten Hebel laut ADAC:
- Verschleißarme Reifen wählen: Besonders für Vielfahrer lohnt sich ein langlebiges Markenmodell. Premium-Reifen wie der Michelin Primacy 5 205/55 R16 91V oder der rollwiderstandsarme Continental EcoContact 5 205/55 R16 91H sind auf Laufleistung und Effizienz ausgelegt; auch ein ausgewogener Allrounder wie der Barum Bravuris 6 205/55 R16 91V bietet ein gutes Verhältnis aus Preis, Effizienz und Haltbarkeit.
- Reifendruck regelmäßig prüfen: Falscher Luftdruck verschleißt den Reifen ungleichmäßig und schneller. Wie Sie den richtigen Wert finden und einstellen, lesen Sie in unserem Ratgeber Richtiger Reifendruck.
- Achseinstellung kontrollieren lassen: Falsche Spur oder falscher Sturz fressen Profil. Woran Sie das am Verschleißbild erkennen, zeigt der Beitrag Ungleichmäßiger Reifenverschleiß.
- Vorausschauend und gleichmäßig fahren: Starkes Beschleunigen und hartes Bremsen sind die größten Abrieb-Treiber, die Sie selbst in der Hand haben.
- Saisonal passende Reifen fahren: Der richtige Reifen für die Jahreszeit nutzt sich gleichmäßiger ab.
Eine große Auswahl an effizienten und langlebigen PKW-Reifen – auch in der beliebten Größe 205/55 R16 – finden Sie in unserem Shop. Welche gesetzlichen Vorgaben rund um Reifen sonst noch gelten, fassen wir im Überblick Reifen und Gesetz zusammen; wie Sie Effizienz- und Nasshaftungswerte richtig deuten, erklärt der ausführliche Ratgeber zum EU-Reifenlabel.
Häufige Fragen
Muss ich wegen Euro 7 meine Reifen wechseln?
Nein. Euro 7 stellt Anforderungen an neu typgenehmigte Fahrzeuge und neu auf den Markt gebrachte Reifentypen. Für Reifen, die Sie bereits besitzen oder heute kaufen, gibt es keine Austausch- oder Nachrüstpflicht – auch nach dem Stichtag 1. Juli 2028 dürfen Sie vorhandene Reifen ganz normal aufbrauchen.
Reiben Elektroautos die Reifen schneller ab?
Tendenziell ja: Der Abrieb steigt mit dem Fahrzeuggewicht nahezu linear, und E-Autos sind durch die Batterie oft schwerer und haben ein hohes Drehmoment. Umgekehrt sparen sie beim Bremsabrieb, weil sie häufig über den Motor rekuperieren statt mechanisch zu bremsen – Euro 7 trägt dem mit einem niedrigeren Bremsabrieb-Grenzwert (3 mg/km) für reine Elektrofahrzeuge Rechnung.
Woran erkenne ich beim Kauf einen abriebarmen Reifen?
Ein eigenes Abrieb-Label gibt es noch nicht – das ändert sich erst mit den Euro-7-Grenzwerten und dem passenden Messverfahren. Bis dahin sind unabhängige Reifentests (etwa des ADAC) und die Laufleistungs-Angaben der Hersteller die beste Orientierung. Als Faustregel gilt: Reifen mit niedrigem Rollwiderstand und guter Laufleistung reiben meist auch weniger ab.