Bridgestone Blizzak LM005: Warum der beste Nasswert die schwächste Laufleistung bedeutet
Kaum ein Winterreifen hat in den vergangenen Jahren so viele Testlisten angeführt wie der Bridgestone Blizzak LM005 – und kaum einer teilt die Bewertungen so klar in zwei Hälften. Auf nasser Fahrbahn ist er in seinem bekanntesten Test der beste Reifen des gesamten Feldes. Bei der prognostizierten Laufleistung ist er im selben Test der schlechteste. Beides hat dieselbe Ursache, und beides steht auch auf dem EU-Reifenlabel, wenn man weiß, worauf man schaut. Wir haben dafür unser komplettes Bridgestone-Winterregal ausgezählt und den ADAC-Test Kriterium für Kriterium nachgelesen.
Ein Modell, das fünf Vorgänger ersetzt hat
Der LM005 kam zur Wintersaison 2019 auf den Markt, und er kam mit einem ungewöhnlich breiten Auftrag. Bei der offiziellen Vorstellung erklärte Bridgestone, der neue Reifen löse gleich fünf Modelle ab: den Blizzak LM001, den LM001 Evo, den LM80, den LM80 Evo und den DriveGuard Winter. Mit ihm solle künftig „der komplette Markt an Wintertouringreifen für Pkw und Sport Utility Vehicles“ abgedeckt werden, entsprechend reiche die Dimensionspalette bis in Größen mit 21 und 22 Zoll (Quelle: Reifenpresse.de, 21.02.2019). Ein Modell statt fünf, dafür in möglichst vielen Größen – das war die Ansage.
Wie weit dieser Anspruch heute trägt, lässt sich am eigenen Lager nachprüfen. Wir haben dafür am 23. August 2026 alle lieferbaren Bridgestone-Winterreifen unseres Sortiments vollständig erhoben: 579 Ausführungen, verteilt auf 21 Profile. Auf den LM005 entfallen davon 165 Ausführungen in 122 verschiedenen Größen – von 14 bis 22 Zoll, also tatsächlich über die gesamte damals angekündigte Spannweite. Der Schwerpunkt liegt dabei längst nicht mehr beim Kleinwagen: 32 Ausführungen sind 18-Zöller, 29 haben 17 Zoll, 27 haben 19 Zoll und 24 haben 20 Zoll; unter 16 Zoll bleiben 20 Ausführungen übrig. 161 dieser 165 Ausführungen kosten zwischen 68,60 und 443,60 Euro, der Median liegt bei 186,60 Euro. Vier Einträge tragen auffällig hohe Preisangaben von über 500 Euro, die wir aus der Auswertung herausgenommen haben.
Bemerkenswert ist dabei, was die Auszählung außerdem zeigt: Die angekündigte Verschlankung des Portfolios ist im Handel bis heute nicht vollständig angekommen. Neben dem LM005 stehen die Modelle, die er ablösen sollte, weiterhin im Regal – der Blizzak LM001 allein mit 59 Ausführungen, dazu je eine Ausführung LM001 Evo und LM80 sowie fünf des LM80 Evo. Zusammen sind das 66 Ausführungen einer Generation, die offiziell seit 2019 abgelöst ist. Für Sie als Käuferin oder Käufer ist das weniger ein Kuriosum als ein praktischer Hinweis: Wenn Sie im Sortiment einen günstigen „Blizzak“ finden, lohnt der Blick auf die vollständige Modellbezeichnung. LM001 und LM005 sind zwei verschiedene Reifengenerationen mit unterschiedlichen Labelwerten und unterschiedlicher Testhistorie.
Was den LM005 technisch ausmacht
Das Profil ist laufrichtungsgebunden und V-förmig angelegt. Bridgestone beschreibt es auf der eigenen Produktseite so: Die Rillen des LM005 seien „tiefer und zickzack-förmig angeordnet, um Wasser, Matsch und Schnee von der Reifenoberfläche abzuleiten und auf verschneiter und nasser Straße zusätzlichen Grip zu erreichen“. Dazu kommen zahlreiche Lamellen, also feine Einschnitte in den Profilblöcken, die zusätzliche Griffkanten schaffen und sich auf Schnee und Eis verzahnen. Die Gummimischung führt der Hersteller unter der Bezeichnung NanoPro-Tech; sie soll auch bei niedrigen Temperaturen flexibel bleiben, was die Grundvoraussetzung dafür ist, dass ein Winterreifen überhaupt greift. Als Einsatzbereich nennt Bridgestone ausdrücklich „milde bis moderate Winter in Europa“ – der LM005 ist ein spikeloser Wintertouringreifen, kein nordischer Eisreifen für dauerhaft vereiste Straßen.
Der LM005 trägt das Alpine-Symbol (3PMSF), das Bergpiktogramm mit Schneeflocke, und gilt damit als vollwertiger Winterreifen. Das ist keine Formalie: Seit dem 1. Oktober 2024 zählen in Deutschland nur noch Reifen mit diesem Symbol als wintertauglich, die Übergangsfrist für ältere Reifen mit reiner M+S-Kennung ist ausgelaufen. Welche Pflichten daraus im Alltag folgen, ordnet unser Überblick Reifen und Gesetz: Welche Vorschriften in Deutschland wirklich gelten ein.
Hinweis in eigener Sache: Für das Kürzel „LM“ in der Blizzak-Reihe kursieren im Netz mehrere Deutungen. Bridgestone selbst erklärt es weder auf den deutschen Produktseiten noch in den Pressemitteilungen zur Modellvorstellung. Wir verzichten deshalb bewusst auf eine Auflösung, statt eine plausibel klingende, aber unbelegte Erklärung weiterzureichen.
Der ADAC-Test 2023: bester Nasswert, schwächste Laufleistung
Der ausführlichste unabhängige Test, der den LM005 erfasst, ist der ADAC-Winterreifentest vom 26. September 2023. Geprüft wurden 16 Reifen der Größe 205/60 R16 H, einer Dimension, die vor allem auf kompakten SUVs und Fahrzeugen der unteren Mittelklasse läuft. Der Testreifen von Bridgestone trug die Kennung 92 H, das EU-Label C/A/71 dB und kostete zum Testzeitpunkt 127 Euro. Sein Gesamturteil: 2,4, also „gut“ – in der Tabelle an sechster Stelle, notengleich mit dem Continental WinterContact TS 870 P und dem Hankook Winter i-cept RS3, hinter dem Dunlop Winter Sport 5 und dem Michelin Alpin 6 (je 2,2) sowie dem Goodyear UltraGrip 9+ (2,3).
Interessant wird es eine Ebene tiefer. Der ADAC bildet seine Gesamtnote aus zwei Hauptkriterien: Fahrsicherheit mit 70 Prozent und Umweltbilanz mit 30 Prozent. Bei der Fahrsicherheit erreicht der LM005 den Wert 2,1 – das ist der beste Wert des gesamten Testfeldes, gemeinsam mit dem späteren Tabellenersten Dunlop. Innerhalb dieses Blocks stehen 2,5 für die trockene Fahrbahn, 2,2 für die winterliche und 1,8 für die nasse Fahrbahn. Auch dieser Nasswert ist der beste im Feld; dahinter folgen der Firestone Winterhawk 4 mit 2,0 und der Goodyear UltraGrip 9+ mit 2,1.
Die Umweltbilanz fällt dagegen mit 3,1 aus, dem schwächsten Wert unter den empfehlenswerten Reifen. Verantwortlich ist vor allem ein Unterkriterium: die prognostizierte Laufleistung, bewertet mit 3,1 – der schlechteste Laufleistungswert aller 16 getesteten Reifen. Zum Vergleich: Der Fulda Kristall Control HP 2 kommt hier auf 1,3, der Michelin Alpin 6 auf 1,6. Dazu kommen 2,6 für den Abrieb, 2,5 für die Effizienz sowie je 3,1 und 3,3 für Geräusch und Nachhaltigkeit (Quelle: ADAC-Winterreifentest 205/60 R16, Bridgestone Blizzak LM005).
Bridgestone selbst verweist über die Jahre auf eine deutlich längere Erfolgsbilanz. In den Fußnoten der eigenen Winterreifen-Seiten beziffert der Hersteller die Testergebnisse des LM005 mit „24 x Gesamtsieg, 55 x Bester ‚auf Nässe‘, 21 x Top 3 ‚auf Schnee‘“ und führt als jüngsten Einzelbeleg den Winter- und Ganzjahresreifentest der AutoZeitung (Ausgabe 21/2024) an, in dem der LM005 in der Größe 215/55 R17 den ersten Platz von sieben Reifen belegte. Diese Zahlen sind Herstellerangaben und keine von uns geprüften Einzeltests – sie passen aber auffällig gut zu dem Muster, das der ADAC-Test zeigt: Die Auszeichnungen häufen sich genau in der Disziplin Nässe.
Warum Stärke und Schwäche dieselbe Ursache haben
Diese Verteilung ist kein Zufall und auch kein Widerspruch, sondern das direkte Ergebnis einer Auslegungsentscheidung. Nassgriff entsteht bei einem Winterreifen vor allem aus einer weichen, stark verzahnenden Lauffläche, die sich der Fahrbahn anschmiegt und den Wasserfilm durchbricht. Genau diese Eigenschaft kostet Substanz: Was sich gut verzahnt, reibt sich schneller ab. Ein Reifen, der auf maximale Kilometerleistung ausgelegt ist, arbeitet umgekehrt mit einer härteren Mischung und büßt dafür an nassem Grip ein. Der LM005 hat diesen Zielkonflikt konsequent zugunsten der Nässe entschieden – und bezahlt ihn beim Verschleiß.
Wie stark sich das auf die Endnote auswirkt, lässt sich mit der ADAC-Gewichtung selbst nachrechnen. Fahrsicherheit 2,1 mal 0,7 ergibt 1,47, Umweltbilanz 3,1 mal 0,3 ergibt 0,93; in der Summe sind das 2,40 und damit exakt die veröffentlichte Gesamtnote 2,4. Das ist unsere eigene Rechnung, keine Angabe des ADAC – sie zeigt aber sauber, was passiert: Der beste Sicherheitswert des Feldes reicht nur ins Mittelfeld der Tabelle, weil ein einziges Unterkriterium 30 Prozent der Note mitbestimmt.
Für die Praxis heißt das, dass eine Gesamtnote allein wenig aussagt – entscheidend ist, welches der Kriterien zu Ihrem Fahrprofil passt. Wer viel bei Regen, Matsch und Schneematsch unterwegs ist, bekommt hier den sichersten Reifen des Feldes. Wer dagegen 25.000 Kilometer im Jahr abspult, zahlt für dieselbe Auslegung mit einem früheren Wechsel: Ein Winterreifen gilt ab 4 Millimetern Restprofil als grenzwertig, und je schneller er dorthin kommt, desto eher steht der nächste Satz an. Rechnen Sie deshalb nicht mit dem Anschaffungspreis, sondern mit den Kosten pro Saison. Warum ein Testergebnis ohnehin nur für die exakt getestete Ausführung gilt und sich nicht ungeprüft auf jede andere Größe übertragen lässt, erklärt unser Ratgeber EU-Reifenlabel oder Reifentest.
Das EU-Label bestätigt den Testbefund
Für den LM005 lässt sich der Testbefund an einer zweiten, völlig unabhängigen Quelle gegenprüfen – am EU-Reifenlabel. Und der Abgleich ist auffällig eindeutig: Von den 16 Reifen des ADAC-Feldes von 2023 trägt genau einer die Nasshaftungsklasse A, nämlich der Blizzak LM005. Alle übrigen liegen bei B, einer bei C, einer bei D. Der Reifen mit der besten Labelklasse für Nässe war also auch der Reifen mit dem besten gemessenen Nassergebnis. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn Labelklasse und Testnote entstehen in völlig verschiedenen Verfahren – das Label vergleicht gegen einen genormten Referenzreifen, der Test misst gegen die Konkurrenz desselben Feldes.
Dass es sich dabei nicht um einen Einzelfall in einer einzelnen Dimension handelt, zeigt unsere Vollerhebung. Über alle 165 lieferbaren LM005-Ausführungen verteilt sich die Nasshaftung auf 154-mal Klasse A und 11-mal Klasse B – gut 93 Prozent des Modells erreichen also die Bestklasse. Noch klarer wird das Bild, wenn man die Auswertung nach Felgengröße aufschlüsselt: Alle 39 Ausführungen bis einschließlich 16 Zoll tragen ausnahmslos Klasse A. Sämtliche elf B-Bewertungen liegen bei 17 Zoll und darüber, wo breitere Laufflächen und flachere Flanken die Abstimmung verschieben. Wer einen Kompaktwagen fährt, bekommt den LM005 also garantiert in der Nass-Bestklasse.
Bei der Kraftstoffeffizienz fällt das Ergebnis dagegen nüchtern aus: 137 Ausführungen liegen bei C, 27 bei B, eine bei D – die Klasse A erreicht keine einzige Ausführung. Das Rollgeräusch bewegt sich zwischen 70 und 75 Dezibel, der Median liegt bei 72 Dezibel. Wichtig bleibt dabei die Grenze des Labels: Eine Klasse ist ein genormter Vergleichswert, kein Messwert aus einem Vergleichstest, und sie sagt nichts über Schneegriff, Aquaplaning oder Laufleistung. Wie die drei Felder zu lesen sind, erklärt der Ratgeber zum EU-Reifenlabel im Detail; dass derselbe Reifen je nach Dimension unterschiedliche Klassen tragen kann, zeigt der Beitrag Warum derselbe Reifen je nach Größe ein anderes EU-Label trägt.
Wo der LM005 im Regal konkurrenzlos ist
Seit 2024 hat Bridgestone mit dem Blizzak 6 einen Nachfolger im Programm, und in unserem Regal steht dieser mit 206 Ausführungen inzwischen breiter da als der LM005. Trotzdem ist der ältere Reifen für einen Teil der Fahrzeuge weiterhin die einzige Bridgestone-Option: Der Blizzak 6 beginnt bei 16 Zoll, unterhalb davon führen wir keine einzige Ausführung. Beim LM005 sind es dagegen 15 Größen unter 16 Zoll – darunter ausgerechnet 195/65 R15, die viertmeistgesuchte Reifengröße unseres gesamten Shops, sowie 185/65 R15 auf Platz zwölf. Wer einen Golf, Polo, Astra oder Fabia dieser Baujahre fährt, hat bei Bridgestone also nach wie vor genau eine Wahl. Passend dazu gehört der LM005 selbst zu den fünfzehn meistgesuchten Reifenmodellen bei uns – als einziges Bridgestone-Profil überhaupt.
Konkret heißt das zum Beispiel: Bridgestone Blizzak LM005 195/65 R15 91T für 69,00 Euro, Bridgestone Blizzak LM005 185/65 R15 88T für 68,60 Euro oder, eine Klasse darüber, der Bridgestone Blizzak LM005 205/60 R16 92H für 88,80 Euro – dieselbe Ausführung übrigens, die der ADAC 2023 geprüft hat. Alle Größen bündelt der Modell-Überblick zum Blizzak LM005, die gefragteste Dimension die Seite Winterreifen 195/65 R15.
Eine zweite Besonderheit, die der Nachfolger bislang nicht abbildet, ist die Runflat-Version. Den LM005 Driveguard führen wir in sieben Ausführungen von 16 bis 18 Zoll zwischen 98,30 und 349,90 Euro, etwa als Bridgestone Blizzak LM005 Driveguard 205/55 R16 94V für 169,50 Euro. Alle sieben tragen ebenfalls Nasshaftung A, bei der Kraftstoffeffizienz liegen vier auf C und drei auf E – der verstärkte Notlaufaufbau kostet also spürbar Rollwiderstand, und zwar deutlich mehr als beim Standardreifen. Ob sich das für Ihr Fahrzeug lohnt oder ob ein normaler Reifen mit Pannenset die bessere Wahl ist, klärt unser Ratgeber zu Notlaufreifen und ihrer Funktionsweise.
Was der Nachfolger dagegen anders macht und für wen sich welche Generation rechnet, behandeln wir getrennt – im Porträt des Bridgestone Blizzak 6 und im direkten Vergleich Blizzak 6 oder LM005. Wer breiter vergleichen möchte, findet das gesamte Angebot in der Kategorie Winterreifen für PKW, eine Einordnung des Herstellers im Porträt Bridgestone und mit dem Goodyear UltraGrip Performance 3 einen aktuellen Premium-Konkurrenten. Alle weiteren Kaufkriterien vom richtigen Zeitpunkt bis zur Profiltiefe fasst der Ratgeber zum Winterreifenkauf zusammen.
Häufige Fragen
Ist der Bridgestone Blizzak LM005 ein guter Winterreifen?
Ja. Im ADAC-Winterreifentest 2023 (205/60 R16 H) erreichte er die Note 2,4 („gut“) und hatte mit 2,1 den besten Fahrsicherheitswert des gesamten Feldes, darunter den besten Nasswert (1,8). Seine deutlichste Schwäche ist die prognostizierte Laufleistung, die im selben Test mit 3,1 der schwächste Wert aller 16 Reifen war. Für nasse, milde Winter ist er damit eine sehr sichere Wahl, für hohe Jahreskilometer eher nicht die günstigste.
Warum hat der LM005 auf dem EU-Label meist ein A bei der Nasshaftung?
Weil er konsequent auf Nassgriff ausgelegt ist. In unserem Sortiment tragen 154 von 165 lieferbaren Ausführungen die Nasshaftungsklasse A, elf die Klasse B – und alle 39 Ausführungen bis 16 Zoll durchgängig A. Im ADAC-Testfeld von 2023 war er der einzige Reifen mit Klasse A. Die Kehrseite derselben Auslegung ist der höhere Verschleiß.
Gibt es den LM005 auch als Runflat-Reifen?
Ja, als Variante Blizzak LM005 Driveguard mit Notlaufeigenschaften. Wir führen sie in sieben Ausführungen von 16 bis 18 Zoll. Sie kommt für Fahrzeuge infrage, die ab Werk auf Notlaufreifen ausgelegt sind – die passende Größe und der geforderte Lastindex stehen in der Zulassungsbescheinigung Teil I in den Feldern 15.1 und 15.2.