Continental WinterContact TS 870 und TS 870 P: ein Name, zwei Testakten
Continental ist in Deutschland die mit Abstand meistgefragte Reifenmarke, und für den Winter führt der Hersteller aus Hannover zwei Reihen mit fast identischem Namen: den WinterContact TS 870 und den WinterContact TS 870 P. Prospekte und Preisvergleiche behandeln beide gern als ein einziges Produkt mit zwei Größenbereichen. Die Testakten der Fachpresse sagen etwas anderes. Wir haben 35 veröffentlichte Testurteile zu beiden Reihen ausgewertet, die Messwerte zweier ADAC-Detailseiten nebeneinandergelegt und alle 755 lieferbaren Continental-Winterreifen unseres Regals nach EU-Label und Preis ausgezählt. Das Ergebnis ist eindeutiger, als der gemeinsame Name vermuten lässt.
Ein Name, zwei Profile – und der Unterschied ist keine Kosmetik
Continental hat die beiden Reifen am 3. Mai 2021 gemeinsam vorgestellt, und schon die Pressemitteilung zum Marktstart macht deutlich, dass es sich technisch nicht um dasselbe Produkt in zwei Größenspannen handelt. Der TS 870 bekam ein V-förmiges Laufflächenprofil, dessen Hauptrillen auf eine gewellte, umlaufende Mittelrille zulaufen – eine Bauart, die Continental selbst als optisch deutlich vom Wettbewerb unterscheidbar beschreibt. Beim TS 870 P haben sich die Entwickler ausdrücklich gegen das V-Profil entschieden: Er bekam eine steifere Konstruktion mit vier großen Umfangsrillen zwischen den Profilblockreihen, weil breite Reifen das Wasser anders aus der Aufstandsfläche schaffen müssen (Quelle: Continental, Pressemitteilung vom 03.05.2021).
Das ist der eigentliche Kern der Sache: Der Buchstabe P steht nicht für eine bessere Ausführung desselben Reifens, sondern für eine andere Konstruktion für eine andere Fahrzeugklasse. Der TS 870 war zum Start mit 19 Größen für 14- bis 17-Zoll-Felgen im Programm, Querschnitte 45 bis 65, Breiten 175 bis 225 Millimeter, freigegeben bis 240 km/h; im Folgejahr kamen rund 45 weitere Größen dazu. Der TS 870 P startete mit 52 Pkw- und SUV-Größen für 16- bis 21-Zoll-Felgen, Querschnitte 35 bis 65, Breiten 205 bis 255 Millimeter, freigegeben bis 270 km/h. Continental nennt ihn dort auch ausdrücklich als Nachfolger des TS 850 P und weist auf die steife Karkasse als Vorteil für schwere Elektrofahrzeuge hin.
Fünf Jahre später hat sich das Bild im Regal verschoben. In unserem Sortiment stehen am 29. August 2026 79 lieferbare Ausführungen des TS 870 – inzwischen von 14 bis 19 Zoll – und 205 Ausführungen des TS 870 P von 16 bis 22 Zoll. Beide Reihen sind also über ihren ursprünglichen Größenkorridor hinausgewachsen, und sie überschneiden sich: Drei Größen gibt es in beiden Reihen. Wirklich zur Wahl stehen Sie aber nur in zwei Ausführungen, nämlich dort, wo auch die Last- und Geschwindigkeitskennung übereinstimmt: In 215/60 R16 95H kostet der TS 870 126,31 Euro und der TS 870 P 135,41 Euro, in 225/50 R17 98H sind es 139,77 gegenüber 144,62 Euro. In beiden Fällen ist der kleinere Reifen der günstigere und mit 70 statt 71 Dezibel der geringfügig leisere. In allen übrigen Fällen gilt weiterhin: Die in Ihrer Zulassungsbescheinigung eingetragene Größe entscheidet, nicht der Geschmack.
Was Continental verspricht – und woran die Zahlen gemessen sind
Beide Reihen nutzen die Cool-Chili-Mischung, eine silicabetonte Gummimischung mit speziellen Harzen, die bei Kälte flexibel bleiben und das Nassbremsen verbessern soll, sowie die Hydro Grooves zur schnellen Wasserableitung. Für den TS 870 nennt Continental auf der aktuellen Produktseite zusätzlich das Triple Sipe Concept, also ein dreifach gestaffeltes Lamellenkonzept für kurze Bremswege auf Schnee (Quelle: Continental, Produktseite WinterContact TS 870). Beim TS 870 P beschreibt der Hersteller stattdessen tiefe Parallellamellen, die Schnee aufnehmen, damit Schnee auf Schnee greift, und lange Wischkanten für das Ableiten von Schneematsch (Quelle: Continental, Produktseite WinterContact TS 870 P).
Interessanter als die Technikbegriffe ist das Kleingedruckte darunter. Die Werbeaussagen zum TS 870 – besseres Nassbremsen, geringerer Kraftstoffverbrauch, höhere Laufleistung – tragen auf der Produktseite eine Fußnote, die nur aus fünf Wörtern besteht: im Vergleich zum Vorgänger WinterContact TS 860. Es sind also keine absoluten Bestwerte, sondern Fortschritte gegenüber einem Reifen aus dem Jahr 2016.
Für den TS 870 P hat Continental die Fortschritte gegenüber dem TS 850 P sogar beziffert, und diese Aufstellung lohnt eine genaue Lektüre, weil sie die Gewichte verrät:
- Nassbremsen: plus 4 Prozent
- Aquaplaning-Verhalten: plus 8 Prozent
- Bremsen auf Eis: plus 5 Prozent
- Trockenhandling: plus 6 Prozent
- Handling auf Schnee: plus 6 Prozent
- Rollwiderstand: minus 2 Prozent
- Laufleistung: plus 16 Prozent
Der mit Abstand größte Sprung liegt also bei der Laufleistung, der kleinste ausgerechnet beim Nassbremsen. Wer die Marketingzeile „sicherer bei Nässe“ liest und dahinter einen Quantensprung vermutet, liegt daneben: Vier Prozent kürzerer Nassbremsweg sind aus 80 km/h gut anderthalb Meter. Das ist ein echter, aber überschaubarer Fortschritt – und er erklärt, warum der Reifen in den Tests bei Nässe nicht überall vorn liegt.
Merksatz für jede Herstellerangabe: Prozentzahlen ohne Bezugsgröße sind keine Information. Fragen Sie immer, gegenüber welchem Reifen, in welcher Größe und in welchem Zustand gemessen wurde – die Antwort steht fast immer in der Fußnote.
Der kleine TS 870: sieben Testsieg-Vermerke und kaum eine Schwäche
Die Reifentest-Datenbank von Reifenpresse.de führt zum TS 870 acht Einträge aus den Jahren 2021 bis 2024 mit Volltext-Urteil, Testfahrzeug, Größe und Ausgabe. Das Bild ist bemerkenswert geschlossen: In sieben der acht Einträge steht ein Testsieg-Vermerk, und in vier von acht notiert die Datenbank ausdrücklich „Schwächen: keine genannt“.
Die Bandbreite der Urteile reicht von „gut“ über „sehr empfehlenswert“ bis „vorbildlich“. AutoBild kürte ihn 2021 in 205/50 R16 zum Testsieger und Eco-Meister, die Auto Zeitung 2022 in 225/45 R17 auf einem Audi A3 ebenfalls zum Testsieger. Die ADAC Motorwelt führt ihn 2022 gleich in zwei Größen als Testsieger, 2023 in 225/45 R17 und 2024 in 205/55 R16 erneut (Quelle: Reifentest-Datenbank Reifenpresse.de). Kritik findet sich nur dreimal überhaupt, und sie ist mild: kleine Schwächen im Kurvengrip auf Nässe (auto motor und sport 20/2021), nur durchschnittlicher Rollwiderstand (Auto Zeitung 21/2022) und ein erhöhtes Preisniveau (AutoBild 40/2024).
Wie sich das in Metern ausdrückt, zeigt die ADAC-Detailseite zum Winterreifentest 2024. Geprüft wurde in 205/55 R16 91H auf einem VW Golf, das Gesamturteil lautete 2,0 („gut“) und reichte für den Testsieg unter zwölf Reifen. Die Teilnoten: Fahrsicherheit 1,8, davon trockene Fahrbahn 2,0, nasse Fahrbahn 1,9 und winterliche Fahrbahn 1,6; die Umweltbilanz kam auf 2,3. Entscheidend sind aber die Messwerte im Verhältnis zum Testfeld, denn die veröffentlicht der ADAC mit Bestwert und schlechtestem Wert in Klammern:
- Nassbremsweg 80–0 km/h auf Asphalt: 35,1 Meter – exakt der Bestwert des Feldes, das bis 40,7 Meter reichte.
- Nassbremsweg auf Beton: 38,5 Meter – ebenfalls Bestwert, der schlechteste Reifen brauchte 46,6 Meter.
- Bremsen auf Eis, 20–0 km/h: 18,3 Meter – Bestwert bei einer Spanne bis 21,6 Meter.
- Bremsen auf Schnee, 30–0 km/h: 9,9 Meter – Bestwert bei einer Spanne bis 11,0 Meter.
- Prognostizierte Laufleistung: 43.800 Kilometer bei einem Feld von 33.400 bis 53.200 Kilometern.
Unter „Schwächen“ trägt die ADAC-Seite den Eintrag „Keine besonderen Schwächen“ (Quelle: ADAC, Detailseite WinterContact TS 870). Der Reifen führte damals also in vier von vier Bremsdisziplinen sein Testfeld an. Der ADAC nannte für den Testreifen einen Preis von 128 Euro; dieselbe Ausführung steht bei uns aktuell für 96,58 Euro im Regal. Diese Größe finden Sie gebündelt unter Winterreifen in 205/55 R16, konkret etwa den Continental WinterContact TS 870 205/55 R16 91H.
Der große TS 870 P: dieselbe Marke, ein deutlich unruhigeres Bild
Zum TS 870 P führt dieselbe Datenbank 26 Einträge aus den Jahren 2022 bis 2025 – gut dreimal so viele wie zum kleinen Bruder, was allein schon zeigt, wie viel häufiger die großen Dimensionen getestet werden. Und hier wird das Bild unruhig.
Erstens der Preis. In neun der 26 Einträge steht als Schwäche eine Preisnotiz: „hohes Preisniveau“, „erhöhtes Preisniveau“, „relativ hoher Kaufpreis“, bei AutoBild Sportscars 11/2025 sogar „teuerster Anschaffungspreis“. Beim kleinen TS 870 kommt dieser Vorwurf genau einmal vor. Wenn sich über 26 Tests hinweg ein einziger Befund derart hartnäckig wiederholt, ist das die belastbarste Aussage des ganzen Datensatzes – aussagekräftig ist nicht das beste Einzelurteil, sondern das, was sich über Quellen hinweg wiederholt.
Zweitens die Nässe, und hier liegt der eigentliche Fund. Neun Einträge kritisieren ausdrücklich das Nassverhalten: schwaches Bremsen und früh einsetzendes Aquaplaning in Längsrichtung (auto motor und sport 20/2022, 245/45 R19), schwaches Bremsen und geringe Reserven (auto motor und sport 20/2023, 255/45 R20), kräftiges Untersteuern in nassen Kurven (Sportauto 11/2023 und das Schwestermagazin AUTO Straßenverkehr 24/2023, beide 225/40 R18), „im Nassen etwas hinter den Besten“ (ACE Lenkrad 5/2023, 235/55 R18), „steht bei Nässe etwas später“ (AutoBild 41/2025, 225/40 R18), „Bremswege auf Nässe dürften kürzer ausfallen“ (Auto Zeitung 22/2025, 245/45 R19), „etwas schwächer beim Aquaplaning“ (AutoBild Sportscars 11/2025, 235/50 R19) und „Schwäche im Aquaplaning quer“ (ADAC Motorwelt 4/2025, 225/40 R18).
Jede einzelne dieser neun Nässe-Kritiken betrifft eine Ausführung ab 18 Zoll. In den acht Datenbank-Einträgen zu 16 und 17 Zoll findet sich keine einzige. Umgekehrt gilt das ausdrücklich nicht: Auch unter den großen Größen gibt es Tests, die die Nässe loben, etwa AutoBild Allrad 41/2024 in 245/45 R18 mit „vorzügliche Fahreigenschaften auf verschneiter und nasser Fahrbahn“. Es handelt sich also nicht um ein Naturgesetz, sondern um eine Häufung – aber um eine sehr klare.
Drittens die Streuung innerhalb einer einzigen Größe. In 215/55 R17 liegen sechs Urteile vor, und sie reichen von einem Ende der Skala zum anderen: ADAC Motorwelt 4/2024 auf einem VW T-Roc nur „befriedigend“ mit dem Vermerk „nicht ausgewogen, Schwächen auf trockener Fahrbahn (Abwertung)“; Auto Zeitung 21/2024 „sehr empfehlenswert“ samt Spritsparempfehlung; Autoflotte 8/9 2025 „gut“ und Testsieger, aber „auf Schnee nur Mittelmaß“; auto motor und sport 21/2025 auf einem Audi S Q2 „überragend“ und Testsieger; AUTO Straßenverkehr 22/2025 „sehr gut“ – laut Datenbank ein an den amS-Test angelehnter Schwestertest mit zusätzlicher Preisbewertung; AutoBild Allrad 42/2025 „vorbildlich“ mit dem Etikett „Energiesparexperte“. Zwischen dem schwächsten und dem stärksten Urteil liegen ein Jahr, unterschiedliche Prüfprotokolle und unterschiedliche Wettbewerbsfelder. Belegbar ist deshalb nicht, warum die Urteile so weit auseinanderliegen – belegbar ist nur, dass sie es tun. Wer sich auf ein einziges Testurteil verlässt, kauft je nach Quelle einen Testsieger oder einen Mittelfeldreifen. Warum das kein Einzelfall ist, zeigt unser Beitrag dazu, wie stark Testergebnisse zwischen den Größen schwanken.
Auch beim P lohnt der Blick auf die harten Zahlen. Die ADAC-Detailseite dokumentiert den Test 2023 in 205/60 R16 92H, Gesamturteil 2,4 („gut“), Teilnoten 2,5 trocken, 2,2 nass, 2,2 winterlich und 2,5 Umweltbilanz. Der Nassbremsweg lag bei 38,2 Metern in einem Feld von 35,2 bis 45,6 Metern, also drei Meter hinter dem Besten. Die prognostizierte Laufleistung betrug 41.700 Kilometer – der ADAC nennt sie „leicht unterdurchschnittlich“, das Feld reichte bis 56.000 Kilometer (Quelle: ADAC, Detailseite WinterContact TS 870 P). Ausgerechnet die Laufleistung also, für die Continental den größten Fortschritt gegenüber dem Vorgänger ausweist, landete in diesem Testfeld im unteren Mittelfeld. Ein direkter Notenvergleich mit dem TS 870 verbietet sich – andere Größe, anderes Jahr, anderes Feld. Vergleichbar ist nur die Position innerhalb des jeweils eigenen Testfelds, und die fällt für die beiden Reifen sehr verschieden aus. Die passende Ausführung finden Sie als Continental WinterContact TS 870 P 205/60 R16 92H; die vielgetestete 17-Zöller-Dimension steht als Continental WinterContact TS 870 P 215/55 R17 98H im Regal, alle weiteren Maße dieser Größe unter Reifen in 215/55 R17.
Was das EU-Label sagt – und was es nicht sagen kann
Hier wird es lehrreich, denn das Label zeichnet ein anderes Bild als die Testberichte. Wir haben alle lieferbaren Ausführungen ausgezählt:
- WinterContact TS 870, 79 Ausführungen: Nasshaftung 64-mal Klasse B, 15-mal C. Kraftstoffeffizienz 59-mal C, 20-mal D – kein einziges B. Rollgeräusch 69 bis 72 Dezibel, Preisspanne 69,70 bis 188,35 Euro, Median 114,95 Euro.
- WinterContact TS 870 P, 205 Ausführungen: Nasshaftung 202-mal Klasse B, nur dreimal C. Kraftstoffeffizienz 72-mal B, 131-mal C, zweimal D. Rollgeräusch 70 bis 75 Dezibel, Preisspanne 95,16 bis 383,59 Euro, Median 198,52 Euro.
Auf dem Papier ist also ausgerechnet der große P der bessere Reifen: praktisch durchgehend Nasshaftungsklasse B und 72 Ausführungen mit Effizienzklasse B, die dem TS 870 komplett fehlt. In den Tests sammelt aber genau er die Nässe-Kritik. Ein Widerspruch ist das nur scheinbar, denn beide messen unterschiedliche Dinge.
Die Nasshaftungsklasse ist ein Band, keine Rangliste. Nach Anhang I Teil B der EU-Verordnung 2020/740 gilt für Pkw-Reifen der Klasse C1: Klasse A ab einem Nasshaftungskennwert von 1,55, Klasse B von 1,40 bis 1,54, Klasse C von 1,25 bis 1,39 (Quelle: EUR-Lex, Verordnung (EU) 2020/740). Innerhalb der Klasse B liegen also rund zehn Prozent Leistungsunterschied, ohne dass sich der Buchstabe ändert. Zwei Reifen mit demselben B können sich beim Bremsweg spürbar unterscheiden.
Und der Kennwert misst nur eine einzige Disziplin. Er wird nach Anhang 5 der UNECE-Regelung Nr. 117 ermittelt – als Bremsversuch auf nasser Geradeausstrecke, verglichen mit einem Referenzreifen. Aquaplaning und Kurvenhaftung bei Nässe kommen darin überhaupt nicht vor. Genau diese beiden Disziplinen sind es aber, die die Tester beim TS 870 P in den breiten Größen bemängeln. Das Label kann diese Schwäche gar nicht abbilden – nicht weil es fehlerhaft wäre, sondern weil es dafür nicht gemacht ist. Warum das Label deshalb kein Ersatz für einen Test ist, vertieft unser Beitrag EU-Reifenlabel oder Reifentest; wie selten die Bestklasse bei Winterreifen überhaupt vorkommt, zeigt die Auswertung dazu, warum Nasshaftung A bei Winterreifen fast nicht existiert.
Beide Reihen tragen im Übrigen das Alpine-Symbol, das Bergpiktogramm mit Schneeflocke. Das ist rechtlich der entscheidende Punkt: § 36 Absatz 4 StVZO definiert Winterreifen ausschließlich über dieses Symbol nach UNECE-Regelung Nr. 117 und nennt die alte M+S-Kennzeichnung überhaupt nicht mehr (Quelle: gesetze-im-internet.de, § 36 StVZO). Was daraus für die situative Winterreifenpflicht folgt, lesen Sie im Ratgeber Winterreifenpflicht in Deutschland.
Vorgänger, Nachfolger – und was das Regal über die Preise verrät
Continentals Winterprogramm ist inzwischen ein Nebeneinander mehrerer Generationen: 755 lieferbare Ausführungen in 17 Baureihen stehen bei uns im Regal, vom betagten ContiWinterContact TS 800 bis zum neuen WinterContact 8 S, mit dem der Hersteller die Namenslogik umgestellt hat. Der 8 S ist mit 36 Ausführungen zwischen 19 und 22 Zoll das sportliche Spitzenmodell, Median 288,13 Euro; was hinter der neuen Bezeichnung steckt, erklärt unser Beitrag zu Contis neuen Winterreifen-Namen. Wer den bewährten Klassiker sucht, findet ihn im Porträt zum WinterContact TS 830 P.
Spannend wird es beim Preisvergleich zwischen den Generationen, weil sich hier eine verbreitete Annahme widerlegen lässt. Wir haben alle Größen gesucht, in denen zwei Baureihen mit identischer Last- und Geschwindigkeitskennung nebeneinanderstehen – nur so vergleicht man wirklich Gleiches:
- TS 870 P gegen den Vorgänger TS 860 S: 23 direkt vergleichbare Ausführungen. In 21 von 23 ist der neuere Reifen der günstigere. Der größte Abstand liegt in 255/40 R22 103V bei 220,54 gegenüber 306,01 Euro, also gut 85 Euro zugunsten des neueren Modells.
- Das Label bestätigt den Generationssprung: In denselben 23 Paarungen steht der TS 870 P 23-mal in Nasshaftungsklasse B, der TS 860 S nur neunmal. Beim Rollgeräusch ist der Neuere 21-mal leiser und zweimal gleichauf, nie lauter.
- TS 870 P gegen den Vorgänger TS 850 P: 21 vergleichbare Ausführungen, in 16 davon ist der neuere Reifen günstiger.
Der Befund lautet also: Auslaufmodelle werden nicht billiger, sie werden selten. Wer beim Vorgänger nach dem Schnäppchen sucht, findet meist das Gegenteil – Restgrößen in geringer Stückzahl zu Preisen, die der Nachfrage folgen und nicht dem Alter. Zwei Ausreißer benennen wir dabei offen und lassen sie aus der Auswertung heraus, weil sie erkennbare Restposten sind: Der TS 850 P in 215/40 R18 89V steht mit 381,25 Euro im Regal, der alte TS 860 in 185/55 R15 82T sogar mit 713,00 Euro. Solche Einzelpreise sagen nichts über eine Baureihe aus. Die verbliebenen Bestände sehen Sie unter WinterContact TS 860 S und WinterContact TS 850 P; mehr zu dieser Preismechanik steht in Drei Preisfallen im Reifenregal, und warum schon die Kennzahl neben der Größe den Preis verschiebt, erklärt der Beitrag zum Last- und Geschwindigkeitsindex.
Welcher Continental-Winterreifen zu Ihrem Auto passt
Die praktische Konsequenz aus alldem lässt sich in wenigen Sätzen sagen. Fahren Sie 14 bis 17 Zoll, führt der Weg fast zwangsläufig zum TS 870 – und das ist eine ausgesprochen gute Nachricht, denn in seinem Segment ist er über acht Testjahrgänge hinweg praktisch kritikfrei geblieben und lag im ADAC-Test 2024 in allen vier Bremsdisziplinen an der Spitze seines Feldes. Alle verfügbaren Maße bündelt die Modellübersicht zum WinterContact TS 870.
Fahren Sie 18 Zoll und mehr, bekommen Sie den TS 870 P – und sollten wissen, worauf Sie sich einlassen: ein sehr ausgewogener, in Trockenhandling und Laufruhe hoch gelobter Reifen, der im Preisvergleich regelmäßig als teuerster Kandidat auffällt und dessen Nässe-Reserven in den breiten Dimensionen von mehreren Redaktionen als begrenzt beschrieben werden. Wer viel bei Regen auf der Autobahn unterwegs ist, sollte deshalb gezielt die Aquaplaning-Bewertungen der Tests in seiner Größe lesen und sich nicht auf das Label verlassen. Die Modellübersicht zum WinterContact TS 870 P zeigt, was lieferbar ist; für sportlich ausgelegte Fahrzeuge ab 19 Zoll steht daneben der WinterContact 8 S.
Steht die Marke noch nicht fest, lohnt der Quervergleich mit zwei ebenfalls testerprobten Premium-Konkurrenten: dem Bridgestone Blizzak LM005 und dem Goodyear UltraGrip Performance 3. Wer den saisonalen Radwechsel ganz vermeiden möchte, findet in Continentals AllSeasonContact 2 eine Ganzjahres-Alternative mit den bekannten Kompromissen. Und wer die Auswahl grundsätzlich systematisch angehen will, findet die Reihenfolge der Entscheidungen im ausführlichen Ratgeber zum Winterreifenkauf.
Unser Fazit: Der WinterContact TS 870 und der WinterContact TS 870 P teilen sich einen Namen, eine Gummimischung und eine Marke – aber weder das Profil noch die Testbilanz. Der kleine Reifen ist einer der unauffälligsten Winterreifen des Marktes im besten Sinne: viele Testsiege, kaum Kritik, moderater Preis. Der große ist ein sehr guter Reifen mit zwei klar benennbaren Eigenheiten, dem hohen Preis und der in breiten Dimensionen umstrittenen Nässe-Performance. Beides sind belegbare Befunde, keine Geschmacksfragen – und beide stehen in keinem Prospekt. Alle Modelle beider Reihen sowie die Alternativen anderer Hersteller finden Sie in unserer Kategorie Winterreifen für PKW.
Häufige Fragen
Worin unterscheiden sich WinterContact TS 870 und TS 870 P technisch?
Nicht nur in der Größe: Der TS 870 hat ein V-förmiges Profil mit gewellter Mittelrille, der TS 870 P eine steifere Konstruktion mit vier großen Umfangsrillen. Continental hat das V-Profil beim P bewusst weggelassen, weil breite Reifen das Wasser anders verdrängen müssen. Welche Reihe für Sie infrage kommt, gibt in aller Regel die eingetragene Reifengröße vor.
Ist der WinterContact TS 870 ein guter Winterreifen?
Ja, und zwar sehr konstant. In der Reifentest-Datenbank von Reifenpresse.de tragen sieben von acht Einträgen einen Testsieg-Vermerk, vier davon führen ausdrücklich keine Schwächen auf. Im ADAC-Winterreifentest 2024 in 205/55 R16 erreichte er die Note 2,0 und lag bei Nass-, Schnee- und Eisbremsweg jeweils an der Spitze des Testfelds.
Warum steht auf dem Label Nasshaftung B, obwohl Tester die Nässe kritisieren?
Weil das Label nur den Bremsweg auf nasser Geradeausstrecke bewertet, nicht das Aquaplaning und nicht die Kurvenhaftung. Außerdem umfasst Klasse B bei Pkw-Reifen einen Kennwertbereich von 1,40 bis 1,54, also rund zehn Prozent Leistungsspanne. Zwei Reifen mit demselben Buchstaben können sich deshalb deutlich unterscheiden.